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Braune Vergangenheit Später Schock

Hilmar Hoffmann und Iring Fetscher gelten als Ikonen der Linken. Von beiden wird nun bekannt, dass sie als Jugendliche in die NSDAP eingetreten sein sollen. Hoffmann gibt das auch zu. „Ich war begeisterter Jungvolkführer.“

Er hat „nichts verschwiegen“, weil keiner gefragt hat: Hilmar Hoffmann.

Er ist sehr aufgeregt. Geradezu verstört. Im Gespräch wiederholt Hilmar Hoffmann mehrfach diesen Satz: „Ich muss mich nicht schämen.“ Im Alter von 85 Jahren ist der frühere Präsident des Goethe-Institutes jetzt ebenso von der Vergangenheit eingeholt worden wie der noch vier Jahre ältere Politikwissenschaftler Iring Fetscher. Beide sollen als Jugendliche in die NSDAP eingetreten sein – der langjährige Frankfurter Kulturdezernent Hoffmann gibt dieses bisher unbekannte Kapitel seines Lebens zu, Fetscher bestreitet, jemals von sich aus die Mitgliedschaft gesucht zu haben.

Beide Männer stehen mit ihrem Lebenswerk für den Kampf um demokratische Rechte und Aufklärung, beide sind Ikonen der Linken – und gerade deshalb berichtet das Magazin „Stern“ in seiner jüngsten Ausgabe, dass ihre Namen in der Mitgliederkartei der NSDAP im Bundesarchiv in Berlin aufgetaucht seien. Zusammen mit anderen Prominenten, wie etwa dem früheren Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher.

„Ich war stumm vor Schock.“

Hilmar Hoffmann steht der Besuch des „Stern“-Journalisten in seinem Haus in Oberrad vor zwei Monaten noch so vor Augen, als sei es heute gewesen. Erst ganz am Ende eines längeren Gesprächs habe die Frage nach der Mitgliedschaft in der NSDAP gestanden – und dann bekam der langjährige Kulturpolitiker seine Mitgliedsnummer präsentiert. „Ich war stumm vor Schock.“ Hat er es tatsächlich nicht gewusst? „Ich habe es erst vor zwei Monaten zur Kenntnis bekommen.“

Aber vielleicht hat Hoffmann auch einfach nur verdrängt, was damals geschah. Denn, konfrontiert mit dem Datum des Aufnahmeantrags, erinnerte sich der Sozialdemokrat an diesen Tag, den 1. April 1943. „Damals habe ich an der Horst-Wessel-Oberschule in Oberhausen mein Notabitur gemacht.“ Mit elf anderen. Und da müssen dann, sagt der Kulturpolitiker, „diese Listen“ ausgelegen haben, in denen man seine Parteimitgliedschaft beantragen konnte. Und er unterschrieb. Er war damals 17 Jahre alt.

Heute versucht der 85-Jährige, zu erklären. Wie er lebte, wie er sich fühlte damals in Oberhausen. „Ich war begeisterter Jungvolkführer.“ Das Jungvolk, eine Untergliederung der Hitlerjugend, Lagerfeuer, Zeltlager: „Für uns war das Freiheit – wir hatten keine Alternativen.“

Seine beiden älteren Brüder, beide Wehrmachtsoffiziere, verachteten die Partei, besonders die SS. Eine Woche nach dem Not-Abitur meldete sich Hoffmann zur Fallschirmjäger-Truppe, „um der Waffen-SS zu entgehen.“ 1944 geriet er in der Normandie in US-Kriegsgefangenschaft.

Heute verbittert, verärgert ihn „diese nachträgliche Kriminalisierung“. Er habe seine NS-Mitgliedschaft nicht verschwiegen: „Wenn ich nicht gefragt worden bin, konnte ich auch nichts verschweigen.“ Sein Leben lang habe er sich kritisch gerade mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt – er erinnert an seine Bücher über den Film in der NS-Zeit und seine kritische Biografie über die Filmregisseurin der großen Propagandastreifen, Leni Riefenstahl.

Fetscher bestreitet aktiven Eintritt in die NSDAP

Iring Fetscher gibt sich bündiger und offensiver. „Das ist Blödsinn“, sagt der 89-Jährige, der nach wie vor zugange ist in der Forschung. Er bestreitet seinen aktiven Eintritt in die NSDAP. Und erzählt eine andere Geschichte aus dem Jahr 1940, in dem er 18 Jahre alt war.

Damals sei er tatsächlich einbestellt worden zur Ortsgruppe der NSDAP. Dort erschienen, „wurde mir zur Mitgliedschaft in der NSDAP gratuliert“. Die aber habe er in jedem Fall vermeiden wollen. Und deshalb verwies der junge Fetscher darauf, „dass ich mich schon freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte und kurz vor dem Beginn meiner Offizierslaufbahn stand“. Die aber habe seinerzeit nach allgemeinem Verständnis im Widerspruch zu einer Parteimitgliedschaft gestanden.

Tatsächlich trat der junge Fetscher wenig später im thüringischen Altenburg in ein Feldartillerieregiment ein, das noch beritten gewesen sei: „Ich wollte unbedingt zu den Pferden.“ Offenkundig habe die NSDAP ihn ohne sein Zutun doch in ihre Mitgliedskartei aufgenommen. Fetscher werttet das Ganze selbst als „relativ harmlos“. Und fügt hinzu: „Viele haben es vergessen.“

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