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Botanischer Garten Frankfurt Neue Heimat für die Bienen

Schwärmerinnen aufgepasst: Im Botanischen Garten ist eine Wohnung frei - und was für eine. Die Bienenbotschafter hängen eine Klotzbeute in sechs Metern Höhe auf.

Baumpfleger
Baumpfleger Götz mit der Klotzbeute. Foto: Christoph Boeckheler

A lle wüssten ja Bescheid: „Den Bienen geht’s momentan nicht gut“, sagt Moses Mrohs, einer der Bienenbotschafter, zu den Kindern, die ihm mit maximaler Spannung zuhören. Die Erwachsenen natürlich auch. „Was kann man tun?“ Nicht eine Sekunde lässt die Antwort auf sich warten. „Einfach Bienen selber züchten!“, kräht ein kleiner Junge. Sein Opa und seine Mama seien schon dabei. Alle lächeln.

Es ist mal wieder so ein Anlass, dieser Termin im Botanischen Garten, so ein Moment, der einen umhauen kann vor Rührung. Da kommen dreißig, vierzig Leute zusammen, backen Kuchen mit Bienendekor, stellen Holunderblütengelee hin und Propolis-Tinktur. Da seilen sich drei Männer ununterbrochen an einer riesigen Buche auf und ab, um einen zentnerschweren ausgehöhlten Holzklotz in sechs Metern Höhe anzubringen. Natürlich gut gesichert, aber trotzdem todesmutig. Da werden Reden gehalten und mahnende Worte gesprochen, aber auch witzige Geschichten erzählt.

Und wozu das alles? Um kleinen, gestreiften, sehr fleißigen Tieren zu helfen, die wir Menschen so sehr von uns abhängig gemacht und dann im Stich gelassen haben, dass sie in ihrem Bestand bedroht sind.

An diesem Freitag im Botanischen Garten wollen die Bienenbotschafter einen Schritt in die richtige Richtung tun: eine sogenannte Klotzbeute an der großen Buche anbringen. Das ist eine natürliche Behausung für wildlebende Honigbienen. Die Botschafter sind eine Gruppe von Bienenfreunden mit Sitz in der Wetterau, und sie sind Wiederholungstäter. Im vorigen Jahr verschafften sie dem Botanischen Garten schon einen Zeidlerbaum – noch so ein uraltes Relikt der Bienenhaltung. Dafür höhlten sie ein Stück Baum aus. Als sie fertig waren, flogen ihnen zwei halbe heimatlose Bienenvölker zu: eins aus Karben, ein weiteres vom Uni-Campus. Das Fantastische geschah: Beide Völker zogen gemeinsam ins neue Quartier. „Es war herzzerreißend anzusehen, wie das eine Volk dem anderen erlaubte hereinzukommen.“ Die Karbener Bienen waren die gastfreundlichen und die „Studierenden“ vom Campus nahmen dankbar an.

Wer in die neue Klotzbeute einzieht? Möglichst ein schwärmendes Volk. Die Behausung hängt genau in der Höhe, in der Bienen suchen. „Das haben sie in ihrer Matrix“, sagt Mrohs. Sein Mitbotschafter und Imker Antonio Gurliaccio hat das Klettern in der Höhe noch nicht ganz in seiner Matrix, ist aber auf dem besten Weg. „Er hat mir die Höhenangst genommen“, sagt er und zeigt auf Martin Götz, den Profi-Baumpfleger, der das Handwerkliche regelt. Die Klotzbeute als Bienenheim im Baum hat den Vorteil, dass die Tiere ihre Ruhe haben und selbstständig arbeiten können. Wenn Honig übrig ist, legen sie ihn unten im Baumstück ab und erlauben den Menschen, sich zu bedienen.

Aber um den Honig geht es den Leuten nicht, sondern darum, Bienen als Bestäuber und Bestandteil der Natur zu stärken. Das Leben im Baum – und nicht in eckigen Kästen zum Honigschöpfen – hilft den Bienen auch insofern, dass dort natürliche Nachbarn sind, Bakterien, Mikroben, mitunter der Bücherskorpion, der die Varroamilbe frisst, eine arge Feindin der Bienen.

Antonio Gurliaccio hat das härteste Jahr als Imker hinter sich. Von seinen 65 Bienenvölkern hätten nur 15 überlebt, sagt er: „Ich hätte fast alles hingeschmissen.“ Aber aufgeben gilt nicht. Der Chef des Botanischen Gartens, Manfred Wessel, lobt die neue Wohnung für Bienen als ruhigste Stelle im ganzen Areal und liest Wilhelm Buschs Gedicht von Hans Dralle, wie er beim Honigklau von der Leiter kracht. Und anschließend bekommt die Klotzbeute einen schicken Regenhut aus Kupfer. „Das war eine Monsterarbeit“, stöhnt Gurliaccio. Und ruft alle auf, ebenfalls überall Klotzbeuten anzubringen – wie es geht, verraten die Botschafter gern in Kursen. Sie selbst wollen jetzt verstärkt in die Wälder. Damit die Bienen dort ihre Freiheit wiederfinden.

Am Eingang zum Garten hängt ein Schild: „Im Auftrag Ihrer Majestät“, das Motto der Bienenbotschaft. Lasst uns wieder mit den Augen der Bienenkönigin schauen“, sagt Mrohs. „Wir brauchen den Honig nicht – wir sind eh alle überzuckert.“

www.bienenbotschaft.de

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