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Bockenheim Zeit schenken

Anne Driessen engagiert sich ehrenamtlich in der Bockenheim-Bibliothek. Langfristig soll die Bücherei wieder eine städtische Einrichtung werden.

09.01.2017 18:17
Klaas Mucke
Mehrere Stunden die Woche arbeitet die ehemalige Grundschullehrerin in der kleinen Bücherei. Foto: christoph boeckheler*

Lange Wege zur Arbeit sind nicht ihr Ding, sagt Anne Driessen. Sie schätzt kurze Distanzen. Die rauben nicht so viel Zeit. Denn ihre Zeit nutzt sie lieber für sinnvolle Dinge. Zeit sei schließlich eines der wichtigsten Güter der modernen Gesellschaft. So sagte es Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) kürzlich in ihrer Dankesrede auf die Ehrenamtlichen der Stadtbücherei.

Nicht selbstverständlich also, dass so viele Ehrenamtliche in Frankfurts Bibliotheken ihre Zeit der Allgemeinheit widmen. „Ehrenamtliche“, so die Stadträtin, „sind unser Glück.“ Anne Driessen ist eine von ihnen. Sie verbringt viel ihrer Zeit in der Bockenheim-Bibliothek, unterstützt die Arbeit dort freiwillig. Mehr noch: Sie hat auch dafür gesorgt, dass es im Stadtteil überhaupt noch eine Bücherei gibt.

Anne Driessen gehört zum Vorstand des Vereins „Lese-Zeichen Bockenheim“, der gemeinschaftlich mit der Stadt die Bibliothek in der Kurfürstenstraße 18 betreibt. Diese Kooperation ist das Ergebnis zäher Verhandlungen: Im Jahr 2003 beschließt die Stadtverordnetenversammlung vier Büchereien in Frankfurt zu schließen – darunter auch die in Bockenheim. Aber Bockenheim ohne Bibliothek? Anne Driessen und viele andere wollten sich das nicht vorstellen.

Eine Bürgerbewegung setzt sich für den Erhalt ein. Aus der Bewegung wird ein Verein. Und der stellt heute fünf ehrenamtliche Mitarbeiter, die in der Bockenheim-Bibliothek mitarbeiten. Das Gebäude, die Stelle der Leiterin, eine Halbtagskraft sowie die Stelle für ein Freies Soziales Jahr (FSJ) finanziert die Stadt. Der Verein Lese-Zeichen schießt pro Jahr 1000 Euro zur Beschaffung neuer Medien hinzu. 15 000 Medien sind es inzwischen. Am beliebtesten sind Filme – die gerade junge Familien über das Wochenende gern ausleihen.

Für Anne Driessen kommt einiges an Zeit bei der Arbeit zusammen. „Fünf Stunden in der Woche sind das Mindeste“, sagt sie. Meist seien es deutlich mehr. Zwar hat die Bibliothek nur an drei Tagen nachmittags für jeweils vier beziehungsweise sechs Stunden für Ausleihen geöffnet, aber: „Die meiste Arbeit findet statt, wenn die Bibliothek geschlossen hat“, sagt Driessen. Bücher müssen wieder in die Regale einsortiert, Bürotätigkeiten ausgeführt werden. Und dann sind da noch die Veranstaltungen. Abends finden regelmäßig Lesungen statt, vormittags kommen die Gruppen der umliegenden Kindertagesstätten.

„Ich arbeite gern mit Kindern“, sagt Driessen, die 20 Jahre lang Puppentheater gespielt hat und danach noch für einige Jahre als Grundschullehrerin arbeitete. Driessen liest dann vor, macht Sprachspiele oder gezielte Wortschatzübungen. In der Bibliothek hätten die Mädchen und Jungen einen geschützten Raum. „Kinder, die in der Kita ihren Mund nicht aufmachen, fangen hier plötzlich an zu reden“, sagt sie.

Kein Wunder also, dass nicht nur die Kinder gern kommen, sondern auch deren Betreuer. „Für die ist es dann interessant, zu beobachten, wie sich die Kinder hier verhalten.“ Die Arbeit macht Driessen glücklich, sagte sie. „Es entsteht etwas wie eine Beziehung“ – zu den Kollegen, zu den Kunden.

Der Bedarf für eine Bibliothek, da lagen Driessen und die anderen Mitglieder der Bürgerbewegung 2003 richtig, ist noch immer ungebrochen. Pro Jahr kommen rund 55 000 Menschen in die Bibliothek, meist junge Familien aus dem Stadtteil. Laufkundschaft oder spontane Besucher gibt es indes kaum. Denn wer die Bockenheim-Bibliothek aufsucht, muss genau wissen, wo sie sich befindet. Nur ein unscheinbares Schild, leicht zu übersehen, weist den Weg in den Hinterhof an der Kurfürstenstraße, wo sich der Eingang zu der kleinen Bücherei befindet.

Eine Dauerlösung aber, sagt Anne Driessen, ist das Konzept nicht. „Wir wollen, dass es langfristig wieder eine städtische Bibliothek wird.“ Der Verein Lese-Zeichen verhandelt derzeit mit der Stadt. Im diesem Jahr, sagt Driessen, werde sich zeigen, ob sich etwas ändert.

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