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Bockenheim Blick durch die Autorenbrille

Bis auf „eine kurze Episode im Westend“ wohnt der Schriftsteller Gerd Fischer seit 24 Jahren in Bockenheim – und schreibt Bücher über den Stadtteil.

Einst studierte Gerd Fischer im Philosophicum. Heute ist er Schriftsteller, das Philosophicum Baustelle. Foto: Andreas Arnold

Die Robert-Meyer-Straße. Unweit der Stelle, wo einst ein Weg zum AfE-Turm abzweigte, steht Gerd Fischer. Um ihn herum: Baustelle. Er blickt auf die weite, noch unbebaute Fläche. Dort hin, wo einst der graue Uni-Turm stand. Gerade hatte er geschildert, wie es damals war, vor 24 Jahren.

Erstes Semester. Studium im Turm. Die Bibliothek im 17. Stock, der nackte Beton, die Parolen. „Es war für mich wie eine Parallelwelt“, hatte er gesagt. Was ist das nun für ein Gefühl? Der vertraute Turm der Studienzeit: weg. Nostalgie! Fischer sagt: „Mir fehlt da die emotionale Bindung.“
Die hat er dafür zu seinem Stadtteil. Bis auf „eine kurze Episode im Westend“ wohnt er seit 1991 in Bockenheim, berichtet der Autor. Auch Andreas Rauscher wohnt dort, der Kommissar in seinen Krimis. Sieben Stück hat er in den vergangenen zwölf Jahren geschrieben; Für seine Bücher gründete er 2010 den Mainbook-Verlag. 25 Autoren betreue er derzeit, knapp 100 Bücher seien bislang bei Mainbook erschienen, sagt Fischer.

Am 1. Oktober präsentiert der Verlag sein neustes Buch. 40 Autoren haben daran mitgeschrieben. Es geht um Bockenheim. Es heißt wie der Schreibwettbewerb, den Fischer für das Buchprojekt vor einigen Monaten auslobte. Titel: „Bockenheim schreibt ein Buch“. Divers sind die Beiträge; ein kurzes Gedicht, Erinnerungen, ein Tagebucheintrag. Auch bereits veröffentlichte Texte des 2013 verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck hat Fischer in das Buch aufgenommen. Es sind Bockenheim-Passagen aus seinen Werken.

Viele der Autoren sind keine professionellen Schriftsteller. Viele von ihnen aber anderweitig im Stadtteil bekannt. Die ehemalige Bockenheimer Stadtteilbotschafterin Anna Honecker blickt auf ein von ihr organisiertes Stadtteilfest auf dem Kurfürstenplatz zurück. Gisela Becker, Sprecherin der Bürgerinitiative Grüneburgpark, beschreibt ihre Suche nach einem Seniorenfitnessparcours – und verweist schon im dritten Satz darauf, dass der Grüneburgpark auch einen brauche. Edeltraut Damerow, Mitglied der Grünen im Bockenheimer Ortsbeirat 2 schrieb ein Gedicht mit 20 Worten zur Sprengung des AfE-Turms. Das der Uni-Turm bei so vielen Stadtteil-Autoren eine Rolle spielt, habe ihn überrascht, sagt Fischer.

In seinen Krimis greift Fischer aktuelle Frankfurter Themen auf. „Abgerippt“ heißt sein letztes Buch, erschienen 2014. Es geht um Gentrifizierung und Entmietung. Ein Jahr zuvor publizierte er „Fliegeralarm“, Fluglärm war da das Thema. Zu Beginn des Krimis stürzte eine Frau vom Vordach eines Uni-Gebäudes am Campus Bockenheim. Sie falle vor den Augen der Buchhändlern auf den Bordstein, berichtet Fischer, als er nur wenige Meter vom Schauplatz in seinem Krimi entfernt steht.

Alles müsse in seinen Büchern exakt beschrieben sein, sagt der 45-Jährige, die Leser bemerkten Fehler. Beim Rauscher-Krimi „Lauf in den Tod“ (2010), der im Niddapark spielt, habe er ein Bootshaus erfunden. „Mindestens 50 Mal“ sei er schon darauf angesprochen worden. Erfinden wolle er jedenfalls keine Orte mehr. „Es muss klar sein, wo es ist“, so Fischer. Deshalb schaue er sich Orte genau an. Wenn er durch Bockenheim laufe, sei er stets auf der Suche nach Schauplätzen für Bücher, sagt der Schriftsteller.

Neue Bockenheimer Schauplätze kann Fischer schon deshalb finden, weil der Stadtteil sich verändert. Der AfE-Turm, das alte Philosphicum, das studentische Café Anna Blume, das er damals als Student der Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft vier Jahre geleitet habe – das alles gibt es nicht mehr. Ein Ort jedoch, den Fischer seit seiner Studienzeit aufsucht und der ein Stück weit der gleiche geblieben ist, ist das Café Casablanca in der Adalbertstraße. Ob als Student, in den zwölf Jahren als freier Werbetexter oder als Buchautor: Jeden Monat trifft sich Fischer dort zum Stammtisch. Der Wirt sagt, Fischer sei einer seiner treusten Gäste.

Die Buchpräsentation von „Bockenheim schreibt ein Buch“, bei der einige Autoren ihre Texte vortragen werden, beginnt am 1. Oktober um 19.30 Uhr in der Bockenheim-Bibliothek, Kurfürstenstraße 18.

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