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Blockupy gegen AfD und Apple AfD-Wahlkampf wird zur Blockupy-Party

Aktivisten behindern eine Kundgebung und demonstrieren vor Apple gegen miese Arbeitsbedingungen. Nach nur wenigen Minuten brach Hans-Olaf Henkel, der von einem Ei getroffen wurde, seine Rede ab. Es gab zwei Festnahmen.

Die-Partei-Aktivisten demonstrieren auch gegen die AfD. Foto: Peter Jülich

Das Spektakel beginnt pünktlich um 15 Uhr. Die "Alternative für Deutschland" (AfD) will auf der Hauptwache gerade mit ihrer Kundgebung beginnen, als eine Gruppe junger Menschen sich mit Trommeln, Pfeifen und pinkfarbenen Klamotten direkt vor der kleinen Bühne postiert. Sie beginnen damit, laute Samba-Rhythmen zu spielen – und rufen im Takt die ersten Parolen: "Nationalismus raus aus den Köpfen!" Innerhalb kürzester Zeit strömen immer mehr Gegendemonstranten vor die Bühne der AfD, halten Transparente in die Höhe, schwenken bunte Regenschirme und skandieren Sprüche. "Rassismus, Sexismus – AfD!" schallt es aus 250 Kehlen.

Die rund 50 Mitglieder und Anhänger der AfD wissen kaum, wie ihnen geschieht. Entgeistert müssen sie mit ansehen, wie sich ihr Wahlkampf innerhalb weniger Augenblicke in eine Blockupy-Party verwandelt. Denn es sind Aktivisten des Blockupy-Bündnisses und der Autonomen Antifa, die sich vor der Bühne versammelt haben, um die AfD zu stören. Als Teil eines europaweiten Blockupy-Aktionstages haben sie unter dem Motto "Nationalismus ist keine Alternative" dazu aufgerufen, die Rede von Hans-Olaf Henkel zu verhindern, dem Ex-Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie und Europa-Kandidat der AfD. Einige der Gegendemonstranten werfen Konfetti, es fliegen vereinzelt Eier in Richtung der Bühne. Irgendein Witzbold verteilt massig pinken Kreidestraub in der Luft, der sich auf Mützen, Köpfen und Sakkos von AfD-Anhängern und Pressevertretern niederlässt.

Als klar wird, dass die Kundgebung mit dieser Lärmkulisse kaum stattfinden kann, packt einige der Umstehenden die Wut. "Linksfaschisten!", ruft ein älterer Mann den linken Aktivisten entgegen, ein anderer zerrt an einem der Transparente und brüllt immer wieder "Kommunisten raus!" Ein paar Meter weiter stecken einige AfD-Anhänger die Köpfe zusammen. "Das wird nix", sagt einer von ihnen und schüttelt mit dem Kopf. "Können wir nichts machen", entgegnet eine Frau. "Ich muss mich richtig zurückhalten", sagt der Mann. "Das ist völlig undemokratisch, eine Unverschämtheit."

"Seien Sie nicht böse auf diese Leute"

Ein anderer älterer Herr schaut grimmig in Richtung der skandierenden Linken. "Wenn denen mal Deutschland in die Hände fällt, gehen alle Lichter aus", sagt er düster – während sich seine Begleiterin halblaut fragt, "wer die eigentlich bezahlt".

Während die Polizei sich damit abmüht, die über die Wirkung ihres Protests sichtlich zufriedenen Gegendemonstranten ein paar Meter von der Bühne wegzuschieben, gibt Hans-Olaf Henkel am Rande ein Interview. Die AfD sei nicht nationalistisch, sagt er, sie sei "genauso proeuropäisch wie die anderen Parteien". Man wolle lediglich ein schlankeres, ein abgespecktes Europa "und eine andere Euro-Politik". Das Problem in Deutschland seien im übrigen nicht junge Leute, die den Kommunismus forderten, sagt Henkel und nickt in Richtung der linken Aktivisten. "Das Problem in Deutschland ist, dass die Alternativlosigkeit gepredigt wird." Doch mit der AfD gebe es jetzt eine politische Alternative: "Wir wollen nicht, dass die Kulturen in Europa einer Währung untergeordnet werden."

Vor der Bühne sind inzwischen auch einige Anhänger der Satire-Partei "Die PARTEI" aufgetaucht. Sie halten Schilder in die Luft, die denen der AfD zum Verwechseln ähnlich sehen. "Heil Henkel!" steht neben einem Bild von Hans-Olaf Henkel, "Jawohl, mein Führer!" neben dem Konterfei von AfD-Chef Bernd Lucke. Ständig werde die AfD zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt, ärgert sich Parteimitglied Bernd Zielske. Dabei sei sie eigentlich eine liberale Partei, die für die "ökonomische Freiheit für jeden" stehe und kein konservativeres Familienbild habe als die CDU. Auch dass Henkel sich öffentlich hinter den umstrittenen Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin gestellt habe, sei kein Grund für Rassismus-Vorwürfe, findet Zielske. Wenn man von "diesen Gen-Geschichten" mal absehe, habe der schließlich nur Statistiken ausgewertet.

Unter Pfeifen und Rufen hält Hans-Olaf Henkel dann doch noch eine kurze Rede. "Seien Sie nicht böse auf diese Leute", ruft er seinen Anhängern zu, "die wurden verführt!" Die "Schreibtischtäter" von Medien und etablierter Politik betrieben schon seit Monaten eine Kampagne gegen die AfD, sagt Henkel, die Proteste seien Ausdruck davon. Es sei den Etablierten ein Dorn im Auge, dass die AfD für ein "Europa des Wettbewerbs" sei, "gegen Harmonisierung und Gleichmacherei". Henkel schließt kämpferisch: "Am 25. Mai sind wir im Europaparlament, und dann geht’s los!" Die Kundgebungsteilnehmer klatschen trotzig und begeistert, die Protestierer skandieren: "Du kannst nach Hause geh’n."

Die Polizei ist froh, dass die Proteste friedlich verlaufen

Kurze Zeit später sammeln sich rund 150 Menschen vor der Filiale der Computerfirma Apple in der Freßgass. Wie im vergangenen Jahr auf der Zeil will Blockupy neben ihrem Protest gegen die AfD auf schlechte Arbeitsbedingungen hinweisen – diesmal exemplarisch bei Apple, weil der Konzern seine Produkte von dem umstrittenen taiwanesischen Unternehmen Foxconn fertigen lässt. "Apple ist eine der Firmen, die von der Ausbeutung im globalen Süden profitieren", sagt Blockupy-Aktivist Hagen Kopp, der die Kundgebung angemeldet hat. Es gehe darum, "Akteure und Profiteure" von Kapitalismus, Krise und prekären Arbeitsverhältnissen anzuprangern.

Zum Teil noch etwas erschöpft vom Protest an der Hauptwache, sitzen und stehen die Blockupyer vor dem Apple Store in der Sonne. Einige von ihnen breiten kurzzeitig im Laden ein Transparent aus – bis Mitarbeiter von Apple sie des Geschäfts verweisen. Draußen werden weiter Reden gehalten, über miese Arbeitsbedingungen in der Elektroindustrie oder auch in der Textilfertigung in Indien und Bangladesh. Ein Redner erinnert daran, dass es seit 2010 immer wieder Suizide unter Foxconn-Mitarbeitern gebe. Nadja Rakowitz von der gewerkschaftlichen Anlaufstelle "MigrAr" sagt, dass Ausbeutung "auch hier vor unserer Haustür" stattfinde. Die Fälle von ausgebeuteten Rumänen oder Bulgaren auf Baustellen oder im Reinigungsgewerbe seien ebenso skandalös wie die Zustände bei Foxconn.

Am Ende veranstalten die Blockupy-Aktivisten ein ironisches Open-Air-Quiz, untermalt mit der passend langweiligen Fahrstuhlmusik. Beide Kandidatinnen gewinnen am Ende einen Preis – ein Busticket zu den Blockupy-Protesten am 17. Mai in Düsseldorf und einen "Platz in einem beheizten Zelt bei den Blockupy-Protesten im Herbst", wie der Showmaster unter großem Gelächter und Beifall verkündet. Dann ziehen noch einige Aktivisten auf die Zeil, stürmen kurz in ein Adidas-Geschäft, rufen Parolen.

Ein Sprecher der Polizei sagt am Ende, man sei mit dem Einsatz soweit zufrieden. Man habe nur die Vehemenz des Protestes gegen die AfD unterschätzt. Zwei Aktivisten habe man an der Hauptwache festgenommen – wegen eines Schienbeintritts und eines Regenschirm-Schlages gegen Polizeibeamte. Insgesamt sei man aber froh, dass die Proteste friedlich verlaufen seien.

Die Blockupy-Aktivisten zerstreuen sich. Im Herbst, zur Eröffnung der neuen EZB-Zentrale, wollen sie wiederkommen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Blockupy Frankfurt

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