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Blockupy Frankfurter Krawalltag

Brennende Polizeiwagen, Steinwürfe, Verletzte und Festnahmen: Bei der Blockupy-Demo gerät die Lage am Mittwochvormittag außer Kontrolle. An den Schulen in der Nähe der Europäischen Zentralbank herrscht nackte Angst. Dass es Krawalle geben würde, war keine Überraschung.

18.03.2015 20:19
Sandra Busch, Georg Leppert, Danijel Majic, Martín Steinhagen, Hanning Voigts
Blick aus einer zerstörten S-Bahn an der Haltestelle Ostendstraße. Foto: Andreas Arnold/dpa

Es brennt. Dichte Rauchwolken steigen über Frankfurt auf, der Qualm ist ätzend. Direkt an den Barrikaden ist das Atmen kaum mehr möglich. Zumal die Krawallmacher alles angezündet haben. Reifen und Mülltonnen. Möbel und Kleidungsstücke. Und natürlich ganze Autos. Vor allem Polizeiwagen brennen am Mittwochmorgen in der Innenstadt und im angrenzenden Ostend. Und als die Feuerwehr kommt, fliegen Pflastersteine auf die Einsatzwagen.

Dass es bei den Blockupy-Protesten anlässlich der Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Krawalle geben würde, wussten alle. Die Polizei wusste es und rückte deshalb mit einem aus allen Bundesländern zusammengezogenen Großaufgebot in der Mainmetropole an. Die Kommunalpolitiker um Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wussten es und appellierten wieder und wieder an die Demonstranten, friedlich zu bleiben. Die Geschäftsleute wussten es, viele von ihnen öffneten ihre Läden deshalb erst gar nicht.

Niemand war deshalb überrascht, als die Polizei frühmorgens von ersten Straftaten berichtete. Doch was sich dann den Vormittag über in der Stadt abspielte, damit hatte kaum jemand gerechnet. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) spricht am Mittag von „massiven gewalttätigen Aktionen – in einem Ausmaß, wie Frankfurt es noch nicht erlebt hat“. Und während in den Straßen noch das totale Chaos tobt, twittert der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour: „Die Gewalt ist unerträglich.“

Eine endgültige Bilanz dieses Tages lässt sich am Mittwochabend noch nicht ziehen. Fest steht: Es hat jede Menge Verletzte gegeben. Die Polizei berichtet am Mittag von 90 Beamten, die den Dienst vorzeitig beenden mussten. Viele wurden von Steinen getroffen, andere laut Polizeiangaben mit ätzenden Flüssigkeiten angegriffen, wieder andere haben offenbar ihr eigenes Pfefferspray in die Augen bekommen. Unter den Demonstranten sind es Dutzende, die Verletzungen erleiden. Durch Schlagstöcke, Pfefferspray und Tränengas. Aber auch durch Pflastersteine, die teils ziellos durch die Gegend geworfen wurden. Die Leute, die direkt an den brennenden Barrikaden standen, erleiden zudem teils schwere Rauchvergiftungen.

Als die Feuerwehr kommt, fliegen Wurfgeschosse

Schon am frühen Morgen beginnen die Krawalle. Etwa 1000 Autonome ziehen in die Innenstadt und weiter zur Europäischen Zentralbank. Auf dem Marsch gibt es Randale auf jedem Meter. Schaufensterscheiben von Geschäften aller Art werden eingeworfen. Steine fliegen auf Polizisten. Tram- und Bushaltestellen werden komplett zerlegt. Und immer wieder brennt es, immer wieder werden Barrikaden errichtet.

Um 6 Uhr hat das Chaos die Einkaufsstraße Zeil erreicht. Autonome stürmen vor das am Rande der Geschäftsmeile gelegene 1. Polizeirevier und zünden Streifenwagen an. Anschließend wüten die Randalierer vor den Filialen von Sparkassen und klopfen Pflastersteine aus dem Trottoir.

Unterdessen sperrt die Polizei die Autobahn A661. Die Gefahr, dass Demonstranten die Fahrbahn blockieren, erscheint zu groß. Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt stellt den Straßenbahnbetrieb in der Innenstadt ein, weil Autonome Steine auf die Wagen werfen. Viele Haltestellen sind ohnehin zerstört. Ob die Trams heute wieder fahren, ist unklar.

An der Flößerbrücke unweit der EZB errichten Krawallmacher Straßensperren. Niemand soll zu der um 11 Uhr angesetzten Eröffnung des Neubaus gelangen. Doch die Polizei greift massiv ein. Wasserwerfer spritzen wieder und wieder auf die brennenden Barrikaden und auf die Demonstranten. Große Mengen an Tränengas und Pfefferspray hängen in der Luft. Mit Schlagstöcken rennen behelmte Polizisten auf die Aktivisten los, schlagen zu, ziehen sich kurz darauf wieder zurück, während Steine auf sie einprasseln.

Später am Tag greifen Krawallmacher nach Polizeiangaben eine Feuerwache in Heddernheim an. Ein Maklerbüro beklagt, sein Hauptsitz im Westend sei „mit einem schweren Vorschlaghammer und weiteren Schlagwerkzeugen“ angegriffen worden. Immer mehr Anrufer melden sich bei der Polizei, weil ihre Autos angezündet wurden. Wie viele Fahrzeuge an diesem Tag in Flammen aufgegangen sind, kann zunächst niemand sagen.

Derartige Bilder kannte man in Frankfurt seit Startbahn-West-Zeiten nicht mehr. Und auch damals liefen die Auseinandersetzungen mit der Polizei anders ab. Ein Schwarzer Block stand den Hundertschaften gegenüber, man bekriegte sich und zog sich wieder zurück. Am Mittwoch aber rennen marodierende Horden durch die Stadt und schlagen alles kaputt. Die Lage ist zeitweise völlig außer Kontrolle. Randalierer tauchen in Gruppen von 50 bis 100 Personen in Hinterhöfen auf, ziehen Mülltonnen auf die Straße, zünden sie an. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird umgehauen. Schnell wächst unter den Anwohnern die Wut. „Not my Blockupy“ ist immer wieder auf Twitter zu lesen.

An den Schulen in der Nähe der EZB herrscht am Mittwochvormittag die nackte Angst. Die Uhlandschule, eine Grundschule, hatte den Eltern freigestellt, ob sie ihre Kinder zum Unterricht bringen wollen. Etwa 60 Jungen und Mädchen sind gekommen. Doch der Schultag endet für sie vor 9 Uhr. Weil sich Autonome und Polizei direkt vor dem Schultor ein Katz-und-Maus-Spiel liefern, weil der Qualm der brennenden Barrikaden auf den Pausenhof zieht, weil niemand mehr sagen kann, was als Nächstes passiert, fordern Polizei und Stadtschulamt die Eltern auf, ihre Kinder abzuholen. Minuten später stehen die ersten Mütter und Väter vor der Tür. Sie sind abgehetzt und sehen mitgenommen aus.

Am Mittag, als sich die Lage vorerst beruhigt, tritt das Blockupy-Bündnis vor die Presse. Der Landtagsabgeordnete der Linken, Ulrich Wilken, findet klare Worte: „Wir hätten uns den Vormittag ganz anders gewünscht.“ Über die Randale sei er entsetzt. „Das ist nicht das, was wir als Blockupy-Bündnis geplant und vereinbart hatten.“ Nur sehr vorsichtig schränkt er ein, die Krawalle seien auch ein Zeichen für die „Wut der Menschen“, die von der Politik der EZB betroffen seien. Diese sei am Mittwoch in Frankfurt angekommen. Und er berichtet aus „anderen Ländern“, in denen derartige Proteste „viel selbstverständlicher“ seien.

Ganz anders äußert sich Christoph Kleine von der Interventionistischen Linken. Er beklagt eine „Vielzahl von Übergriffen“ seitens der Polizei und wertet den Vormittag offenbar als Erfolg: „Das waren tatsächlich europäische Aktionen.“ Zwar habe die EZB wie geplant eröffnet werden können, „aber es hat kein normaler Betrieb stattgefunden“. Die Geschichte, die er erzählen möchte, handele von Solidarität und dem Mut, sich einem massiven Polizeiapparat entgegenzustellen. Wer von Gewalt rede, müsse auch über „die absolut existenzielle Gewalt der europäischen Wirtschaftspolitik“ reden, sagt Kleine. Die Legitimität für Proteste „gegen die EZB und andere Troika-Institutionen“ sei durch die Krawalle nicht verloren gegangen, sagt der spanische Europaabgeordnete Miguel Urban von der Partei Podemos.

Während Blockupy mit der Presse redet, gibt es im Ostend noch Stress. Die Polizei hat 300 Italiener eingekesselt. Ihnen würden „Gewalttätigkeiten“ vorgeworfen, teilen die Beamten recht allgemein mit. Fakt ist, dass sich die Italiener vermummt hatten, das aber trifft auch auf alle deutschen Autonomen zu. Einzeln werden die Demonstranten abtransportiert, ihre Personalien aufgenommen. Andere Blockupy-Sympathisanten solidarisieren sich mit ihnen, es wird noch einmal laut und hektisch. Am Mittag berichtet die Polizei von rund 350 Festnahmen.

Rund 10000 Menschen kommen zum Römerberg

Doch langsam beruhigt sich die Lage wieder, langsam kann an diesem Tag sogar über Inhalte gesprochen werden. Es zeigt sich, dass an den Protesten mehr Leute teilnehmen als erwartet. An einem Protestmarsch des DGB beteiligen sich 3000 Menschen – zehn Mal so viel, wie der Gewerkschaftsbund bei der Versammlungsbehörde angegeben hatte. „Für uns als Gewerkschafter ist es vor allem nicht hinnehmbar, dass seitens der Troika in die Tarifpolitik eingegriffen wurde“, sagt der Frankfurter DGB-Chef Harald Fiedler: „Da sind wir solidarisch mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Griechenland, Italien und Spanien.“ Für die Gewalt am Vormittag hat Fiedler kein Verständnis. Er befürchtet, dass viel über Randale und wenig über die politische Botschaft des Tages berichtet werde.

Auch der Römerberg ist bei einer Kundgebung sehr gut besucht. Rund 10 000 Menschen sind gekommen. Der Vorsitzende der GEW, Jochen Nagel, sagt, Europa brauche „keine deutschen Führer“. Wie in Deutschland über Griechenland geredet werde, sei beschämend. Es sei schon ein Erfolg, dass „die Täter nun hinter Stacheldraht“ seien, sagt Nagel über die abgeriegelte EZB. Die Menge vor dem Rathaus jubelt. Es herrscht Volksfeststimmung. Die Leute sitzen in der Sonne und essen Brezeln. Wenig erinnert an die Randale vom Vormittag.

Auch Giorgos Chondros von der griechischen Syriza-Partei redet. Die griechische Bevölkerung habe sich bei Wahlen „gegen Austeritätspolitik“ ausgesprochen, das sei auch wichtig für ganz Europa. Vor allem müssten in anderen Ländern die Syriza-Verbündeten Wahlen gewinnen, um Kräfteverhältnisse europaweit zu ändern. Blockupy sei ein wichtiger Schritt hin zu „europäischer Hoffnung“, sagt Chondros. Es gebe keinen Streit zwischen Griechenland und Deutschland, „sondern zwischen oben und unten, zwischen arm und reich“.

Derweil wird im Ostend schon etwas aufgeräumt. Voraussichtlich am heutigen Donnerstag wird sich die Frankfurter Polizei in einer Pressekonferenz äußern. Womöglich gibt es dann schon erste Angaben zum Sachschaden. Bei den letzten schweren Krawallen in der Stadt, am 31. März 2012, lag die Summe bei einer Million Euro. Diesmal dürfte sie ein Vielfaches höher sein. Der Blockupy-Tag wird in Frankfurt noch lange nachwirken.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Blockupy Frankfurt
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