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Bildungsstreit „Der Schulkampf ist nicht ausgestanden“

Der ehemalige Lehrer der Max-Beckmann-Schule, Gerhard Dotzauer, spricht im Interview mit der FR über die Koexistenz von Gymnasien und Gesamtschulen – damals und heute.

Gerhard Dotzauer, 71, war von 1973 bis 2005 Lehrer an der Max-Beckmann-Schule, ab 1977 in der Schulleitung aktiv und ab 1982 Studienleiter.

Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben.“ Ein schöner alter Spruch – aber: An welcher Schule soll man fürs Leben lernen? Welche Schulform soll es sein? Einer, der solche Fragen lange wälzte und auch Antworten fand, ist Gerhard Dotzauer, einer der Vorkämpfer der gymnasialen Oberstufenschule in Frankfurt. Er spricht über Kapazitätsprobleme an Gymnasien und Oberstufen in Provisorien – damals wie heute.

Herr Dotzauer, Sie waren in den 70er Jahren bei der Gründung der Max-Beckmann-Schule mit dabei. Vor einem Jahr wurde eine Zweigstelle der Schule – die Neue Gymnasiale Oberstufe am Riedberg – in Containern eröffnet. Sie soll in einigen Jahren ins Gallus ziehen. Das mit dem Provisorium kommt Ihnen bekannt vor, oder?
Allerdings. Wir wurden 1973 auch als bauliches Provisorium gegründet. Als GOS, als „Gymnasiale Oberstufenschule Frankfurt am Main Bockenheim Süd“. Ein ewig langer Name für ein Provisorium in einem hässlichen Gebäude. Das war ein Schuhkarton mit Fenstern neben der damaligen Gesamtschule Bockenheim Süd. Wir waren insgesamt 15 Jahre in diesem Provisorium – das nur so als Hinweis an die Kollegen und Kolleginnen am Riedberg.

Warum wurde damals eine gymnasiale Oberstufe gegründet?
Von der Gesamtschule Bockenheim Süd (GBS) hätte es nach der zehnten Klasse nur die Möglichkeit gegeben, an ein grundständiges Gymnasium zu gehen. Aber Eltern und Lehrer fanden einen Wechsel dorthin nicht sinnvoll. Gegen die Gründung der GBS hatte es 1969 an einigen Gymnasien Widerstände gegeben. Seit die erste Gesamtschule, die Ernst-Reuter-Schule, existierte, gab es Auseinandersetzungen: Gesamtschulen wurden als Anschlag auf die gymnasialen Standards gesehen. Wir wollten die Schüler nicht auf Schulen schicken, die sich gegen Gesamtschulen aussprachen. Deshalb wollten wir eine eigene gymnasiale Oberstufe.

Und die bekamen Sie einfach so?
Es war zufällig so, dass 1973 die Frankfurter Gymnasien aufschrien, sie hätten an den Oberstufen keinen Platz mehr für Real- und Gesamtschüler, es gebe keine Kapazitäten mehr. Deswegen bat uns die Stadt, sechs elfte Klassen an der GBS einzurichten – die dann einige Monate später zu einer selbständigen Schule wurden.

"Heftige Auseinandersetzungen waren das damals"

Kapazitätsprobleme – auch das kennt man heute in Frankfurt. Die Gymnasien ächzen erneut wegen zu vieler Schüler.
Ja, und jetzt haben auch die gymnasialen Oberstufen keinen Platz mehr, deswegen wurde die Neue Gymnasiale Oberstufe auf dem Riedberg gegründet. Aber das reicht eben nicht aus.

Fürsprecher der Gesamtschulen fordern eine weitere Oberstufe, die Stadt plant aber derzeit ein neues Gymnasium.
Das war vor etwa 35 Jahren ähnlich. Die damals CDU-regierte Stadt Frankfurt wollte ein neues Gymnasium errichten. In der Alten Liebigschule in Bockenheim. Es entsprach ihrer Schulpolitik, die Gymnasien zu stärken. Aber die sozialdemokratische Landesregierung war dagegen. Und wir auch. Wir empfanden den Plan als Angriff auf unsere beiden Bockenheim-Süd-Schulen.

Und wurde das Gymnasium eröffnet?
Nein, es gab Widerstände. Im Schulausschuss, im Stadtparlament. Überall. Heftige Auseinandersetzungen waren das damals. Die CDU hat dann nachgegeben, die Max-Beckmann-Schule erhielt das Gebäude der Alten Liebigschule. Die CDU hat sich schließlich überzeugen lassen, dass ein nebeneinander aller Schulformen ein Ausdruck von Freiheit ist. Die Gesamtschulen und gymnasialen Oberstufen waren ja der Versuch, ein anderes Schulkonzept ohne andere fachliche Inhalte zu realisieren.

40 Jahre später schicken die Eltern ihre Kinder immer noch eher auf ein Gymnasium ...
... und der Schulkampf ist immer noch nicht ausgestanden. Die Gesamtschulen sollten überzeugungskräftige Pilotschulen sein: Schüler sollen am Ende der Klasse 10 dazu befähigt sein, sowohl eine berufliche als auch eine nicht berufliche allgemeinbildende Ausbildung anzugehen. Zudem hat der Versuch, alle Schüler eines Jahrgangs gemeinsam zu unterrichten, etwas mit dem Ziel sozialer Integration zu tun. Die gymnasiale Oberstufe sollte als Fortsetzung der Gesamtschule ebenfalls als Pilotmodell genug Überzeugungskraft entwickeln.

Aber das ist offensichtlich nicht gelungen.
Wenn man die Max-Beckmann-Schule betrachtet, dann schon: Die Anmeldezahlen liegen in diesem Jahr auf einem Spitzenhoch. Aber generell mag das so sein. Als die SPD in Hessen noch fast alleine regierte, hat sie sich nicht getraut, die Gymnasien zu Mittelstufenschulen umzubauen. Die hätten dann zu Gesamtschulen mit gymnasialen Oberstufen umgewandelt werden können. Aber all diese heftigen Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass die SPD schulpolitischen Einfluss verlor und schließlich die CDU an die Regierung kam.

Und damit hatte sich eine Förderung der Gesamtschulen erledigt?
Gesamtschulen sind heute immerhin politisch akzeptiert. Aber ich kann mir heute keine Widerstände wie damals gegen den Bau eines Gymnasiums vorstellen. In Wiesbaden herrscht ja inzwischen dieselbe politische Konstellation wie in Frankfurt. Zudem ist ja auch gerade eine gymnasiale Oberstufe entstanden ...

... die aber bisher eine Zweigstelle und nicht eigenständig ist.
Ja, das Schulgesetz verhindert derzeit die Gründung neuer gymnasialer Oberstufenschulen. Das Problem hatten wir damals nicht. Die Eigenständigkeit halte ich aber für sinnvoll: Es ist unkomplizierter, wenn sich Schulleitung und Gesamtkonferenz nur mit den Problemen einer Oberstufenschule und nicht noch mit denen einer Gesamtschule beschäftigen müssen. Aber mit den entsprechenden Mehrheiten kann das Schulgesetz in Wiesbaden geändert werden. Und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und Landtagsabgeordnete Martina Feldmayer waren ja Schüler bei uns – die werden die Vorteile einer eigenständigen gymnasialen Oberstufe hoffentlich ins Wiesbadener Gemenge einbringen.

Interview: Sandra Busch

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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