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Bildungsstätte Anne Frank „Grenzen abbauen“

Meron Mendel leitet seit fünf Jahren die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Im FR-Interview spricht der gebürtige Israeli über über seine Arbeit. Die Bildungsstätte schult Imame in Konfliktmanagement und gibt Kurse für Zivilcourage.

Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Foto: Andreas Arnold

Das Entsetzen über die Terroranschläge von Paris ist noch frisch, auch auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt ist dieser Tage mehr Polizei zu sehen. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hatte direkt am Tag nach den Anschlägen mit Muslimen der Ditib bei einer Mahnwache ein öffentliches Zeichen der Solidarität mit den Opfern gesetzt. Auch im Vorgespräch zum Interview kommt er auf Paris zu sprechen. Wenn er von Terror höre, sagt der gebürtige Israeli, wecke das bei ihm stets Erinnerungen an die eigene Biografie.

Herr Mendel, seit den Anschlägen von Paris steht in Europa der islamistische Terror wieder ganz oben auf der Agenda. Was geht Ihnen seither durch den Kopf?
Als ich 16, 17 war, gab es in Israel große Terroranschläge. Fast täglich hat man gehört, dass Busse in die Luft gejagt wurden. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt: In einer Gesellschaft aufzuwachsen, wo Terror Teil des Alltags ist. Paris ist zwar ein völlig anderer Kontext, aber das Gefühl der Empathie für diese Leute, die aus ihrem Alltag gerissen werden – das kommt sofort zurück.

Islamistischer Terror einerseits, Zunahme von Übergriffen auf Flüchtlinge andererseits: Sorgt Sie die aktuelle Stimmung in Europa?
Es ist wirklich traurig zu sehen: Es hat nicht mehr als ein paar Stunden gedauert, bis diese Katastrophe instrumentalisiert wurde, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Da war eine große Wut in mir, wie man so unmenschlich sein kann. Statt diejenigen, die vor dem Terror fliehen, zu umarmen und zu sagen, wir stehen gemeinsam gegen den Terror, wird das instrumentalisiert, um sie erneut auszugrenzen und eine Wende in der Asylpolitik zu verlangen.

Sie arbeiten viel mit Jugendlichen. Nehmen Sie wahr, dass diese Fragen für sie eine Rolle spielen?
Ich denke, die Jugendlichen nehmen wahr, was sich in der Stadt verändert. Auch für meinen sechsjährigen Sohn ist das ein großes Thema, er guckt jeden Abend die Kindernachrichten „Logo“. Bei den Jugendlichen ist generell keine Stimmung gegen Flüchtlinge zu spüren, sie sind sehr empathisch. Sie wollen etwas tun. Wir vermitteln deshalb Partnerschaften zwischen alten und neuen Frankfurtern. Wir wollen die Jugendlichen als Mentoren ausbilden und sie zusammenbringen mit den Geflüchteten.

Nehmen Sie in Ihrer Arbeit wahr, dass es unter jungen Muslimen Radikalisierungsprozesse gibt?
Mit offen agierenden Salafisten haben wir wenig Begegnung, aber wir bekommen mit, dass überall Verschwörungstheorien kursieren. In der Diskussion um Salafismus gibt es zwei Richtungen: Bagatellisierung oder Hysterie. Es fehlt ein vernünftiger Umgang mit dem Thema. Die Schlüsselfrage ist, wie man es ernst nehmen kann, ohne alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Eine effektive Strategie gegen Radikalisierung muss alle relevanten gesellschaftlichen Expertisen gerade auch im Bereich Bildung und Schule einbinden. Die Ansiedlung des „Hessischen Kompetenzzentrum gegen Extremismus“ im Innenministerium zeigt, dass in der Politik die sozialen und pädagogischen Aspekte des Problems nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Im Moment wenden sich viele Pädagogen an uns, weil gerade ein Ansatz fehlt, das Problem in den breiteren Kontext zu stellen. Man muss zum Beispiel schauen, welche sozialen Ausschlussmechanismen gerade im Bildungssystem wirken – und wie Pädagogen dagegen arbeiten können. Woran es wirklich fehlt, ist die fachliche Unterstützung und Weiterqualifizierung von Pädagogen und Lehrkräften.

Sie haben ein neues Programm, mit dem Sie Imame der Ahmadiyya-Moscheen in Konfliktmanagement schulen. Was ist das Ziel?
Die Ahmadiyya hat glücklicherweise kein großes Problem mit Radikalisierung. Aber wir sehen, dass alle großen muslimischen Organisationen Jugendliche an die salafistische Szene verlieren. Wenn die Moscheegemeinden eine effektive Jugendarbeit leisten, können wir das verhindern. Deswegen wollen wir die muslimischen Gemeinden stärken und dabei unterstützen, sich zu professionalisieren. Die Imame haben eine geistliche Funktion, aber sie sind auch Sozialarbeiter, die Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Darauf müssen sie vorbereitet sein.

Aktuell beherrscht die Flüchtlingspolitik die öffentliche Debatte. Inwiefern ist das ein Thema für Ihre Bildungsstätte?
Zum einen wird in den allgemeinen Angeboten Flucht und Asyl zunehmend ein Thema. Wenn sich ein Workshop um das Thema Menschenrechte, Diskriminierung oder Rassismus dreht, kommt das Thema Asyl auch vor. Zum anderen bemühen wir uns darum, die vielen tollen sozialen Initiativen in der Stadt zu vernetzen. Abgesehen davon haben wir auch eigene Projekte, wie etwa das bereits erwähnte Partnerschafts-Mentoring mit Jugendlichen. Wir qualifizieren die Jugendlichen, sie erhalten Anerkennung für ihre Leistung und leisten zugleich eine wichtige Unterstützung für minderjährige, zumeist unbegleitete Flüchtlinge.

Welchen Stellenwert messen Sie der Zivilgesellschaft beim Thema Flüchtlinge bei?
Ich denke, es muss klar sein, dass die Hauptverantwortung nicht bei den einzelnen Bürgern liegt, sondern beim Staat. Der Staat kann sich nicht der Verantwortung entziehen. Was das zivilgesellschaftliche Engagement leisten kann, ist die Menschlichkeit, den Geflüchteten auf Augenhöhe zu begegnen. Ich bin selbst vor 13 Jahren nach Deutschland gekommen, nicht als Flüchtling, aber auch als jemand, der die Sprache nicht kennt und nicht weiß, wie die Dinge hier funktionieren. Zum Beispiel bin ich U-Bahn gefahren und habe nicht verstanden, dass ich aussteigen muss – am Ende war ich im Depot. Bei solchen Momenten kann keine Behörde weiterhelfen, da kommen die Bürger ins Spiel.

Wir sprechen die ganze Zeit über aktuelle Themen: Flucht, Migration, Rassismus. Dennoch denken viele Menschen, wenn Sie von Ihnen hören, vermutlich erst mal an Anne Frank. Wie funktioniert heute das Verhältnis von politischer Bildungsarbeit und historischer Arbeit in Ihrer Bildungsstätte?
Wir sind keine Gedenkstätte, kein Erinnerungsort. Wir verstehen uns als pädagogischen Ort und arbeiten dabei nicht mit Emotionen und Betroffenheit. Deshalb wollen wir zum Beispiel bald unsere Dauerausstellung ersetzen, weil sie in Teilen unserem heutigen pädagogischen Ansatz nicht mehr entspricht. Historisches Lernen ist eine wichtige Säule unserer Arbeit – aber nicht durch Faktenlernen, sondern vielmehr dadurch, Zugänge zu schaffen. Warum ist es für Schüler heute interessant, etwas über das Schicksal eines Mädchens zu erfahren, das vor 75 Jahren gelebt hat? Man kann sich die Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie aus unterschiedlichen Blickwinkeln annähern. Wir schaffen es, den Jugendlichen klarzumachen, dass sie ihren eigenen Interessen nachgehen dürfen. Wenn sie sich zum Beispiel nicht mit dem Holocaust beschäftigen wollen, sondern lieber wissen wollen, was war eigentlich zwischen Anne und ihrer ersten großen Liebe Peter, ist das auch legitim. Die Schulen haben genug Zeit für den Nationalsozialismus. Zu uns kommen sie, weil wir einen anderen Zugang schaffen.

Sie sind seit fünf Jahren Leiter der Bildungsstätte. Hatten Sie damals diese Neuausrichtung geplant?
Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, was ich mit der Einrichtung machen will. Es war damals jedem klar, dass man nicht weitermachen konnte wie bisher. Abgesehen von der Ausstellung, die insgesamt gut funktioniert hat, gab es deutlich Bedarf einer Neuorientierung. Ich habe versucht, eine neue Vision zu entwickeln: Zum einen sollte es nicht mehr nur um historisches Lernen gehen, um Anne Frank und den Holocaust, sondern ich wollte die Migrationsgesellschaft in den Blick nehmen – mit all ihren Konflikten und Fragen. Ich wollte Dinge beleuchten, die mit unseren Kernthemen Rassismus, Menschenrechte, Diskriminierung zu tun haben, aber nirgendwo anders Platz finden. Zuletzt ging es etwa um die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren, aber im Fokus stand nicht der Genozid selbst, sondern die Frage, was es für junge Armenier bedeutet, dass sie über das Schicksal ihrer Vorfahren nicht sprechen dürfen, weil sie dann zum Beispiel von anderen Jugendlichen fertiggemacht werden. Zweitens habe ich mir vorgenommen, Angebote nicht mehr nur für Frankfurt sondern ganz Hessen zu entwickeln. Heute haben wir zum Beispiel ein mobiles Lernlabor zum Thema Menschenrechte, das ist bereits jetzt bis Mitte 2017 ausgebucht und ist in Hessen und darüber hinaus unterwegs.

Wenn man sich Ihre Biographie ansieht, fällt auf, dass Sie lange Zeit wissenschaftlich gearbeitet haben. War es eine bewusste Entscheidung, stärker in die Praxis zu gehen, in die Bildungsarbeit?
Ich bin schon im Studium zwischen Geschichtswissenschaft und Erziehungswissenschaft gependelt. Mich hat die abstrakte Reflexion über die Gesellschaft interessiert, aber auch die Jugendarbeit. Nach der Promotion war ich gerade im Begriff, eine Habilitation zu schreiben, als das Angebot kam, die Stelle in der Bildungsstätte zu besetzen. Man trifft selten eine so schwer wiegende Entscheidung. Ich habe mich gefragt: Will ich Bücher schreiben, die von einem kleinen Kreis von Menschen gelesen werden, oder will ich mit Menschen etwas bewirken? Mich hat vor allem die Chance gereizt, im Team etwas zu gestalten.

Sie kommen aus Israel, haben dort studiert und sich lange mit jüdischer Geschichte befasst. Was hat Sie eigentlich nach Deutschland gebracht?
Da kann ich keine besonders spektakuläre Antwort geben (lacht). Ich hatte mir nach dem Bachelor-Studium in Haifa überlegt, ich würde gerne neue Anstöße außerhalb Israels bekommen. Und Deutschland hat mich interessiert, ich hatte schon an der Uni angefangen, Deutsch zu lernen. Außerdem hatte ich pragmatische Überlegungen: Die Studiengebühren in Großbritannien oder den USA waren für mich unbezahlbar. Ich hatte aber erst nicht die Idee, in Deutschland zu bleiben. Aber als meine Frau und ich nach dem Studium sofort einen Job bekommen haben, mussten wir der Familie in Israel die Rückmeldung geben: Es sieht nicht danach aus, dass wir zurückkommen.

Wie haben denn Ihre Freunde und ihre Familie in Israel reagiert?
In meinem Freundeskreis war das kein Problem, viele junge Israelis gehen nach Deutschland, gerade Berlin wird ja sehr gehypt. Mit der Familie war es schwieriger, vor allem mit meinen Großeltern. Ich habe mit meinen beiden Omas viele Stunden zusammengesessen und versucht, ihnen das zu erklären. Die eine ist leider schon gestorben, und sie war bis zu ihrem letzten Tag nicht einverstanden damit.

Ist Ihre Migrationserfahrung denn hilfreich für Ihren Job?
Ich denke, ich hab einen ganz anderen Blick. Manchmal schütteln meine Mitarbeiter den Kopf über mich, weil ich manche Sachen, die hier selbstverständlich sind, in Frage stelle. Ich habe zum Beispiel nicht so viel Angst um den Schutz meiner persönlichen Daten. Ich bin nicht damit aufgewachsen, dass der Staat nicht meine ganzen Daten haben soll (lacht). Ich habe sicher einen anderen Blick auf die Gesellschaft, sozusagen von außen und innen gleichzeitig. Manchmal hilft das, um Sachen ins Verhältnis zu setzen.

Würden Sie sagen, dass die Gesellschaft mehr von solcher multikultureller Reflexion braucht?
Was wir brauchen, ist der Abbau von Grenzen, zum Beispiel bei der ständigen Unterscheidung zwischen Einheimischen und Migranten. Die Biographien sind heute sehr gemischt, da kommt man mit Schwarz und Weiß nicht mehr weiter. Wir müssen klar machen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Wenn zum Beispiel gesagt wird, dass es zu Problemen führt, wenn Kulturen aufeinanderstoßen, kann ich immer nur sagen: Das entspricht überhaupt nicht meiner Erfahrung.

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