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Bildungsstätte Anne Frank Ausstellung arbeitet Völkermord auf

In der Bildungsstätte Anne Frank ist eine Ausstellung zum Völkermord an den Armeniern zu sehen. Begleitend bietet die Einrichtung zum Thema einen Studientag und eine Lesenacht an.

Von Generation zu Generation: Samwel Lulukyan reicht die bewegende Familiengeschichte an Tochter Ani weiter. Foto: Christoph Boeckheler

Ein Bruder ertrank bei der Vertreibung, der andere wurde erschossen, weil er auf einem Todesmarsch anfing zu weinen. Als Einzige aus ihrer Familie überlebte das Mädchen Peprone einen Völkermord. 100 Jahre sind seit dem Genozid an den Armeniern vergangen. Abgeschlossen ist diese traumatische Sequenz der Familienbiographie für die Ur-Enkelin der inzwischen verstorbenen Zeitzeugin noch lange nicht.

Ani Lulukyan ist eine von vier armenischstämmigen Deutschen, die der Geschichte ihrer Vorfahren in Videointerviews eine Stimme verleihen. Mit der Videoinstallation sowie mit historischen Fotografien und Objekten eröffnet heute in der Bildungsstätte Anne Frank die geschichtskritische Ausstellung „100 Jahre Leugnung – Der Völkermord an den Armeniern und Erinnerungen in der deutschen Migrationsgesellschaft“.

Gemeinsam mit dem Zentralrat der Armenier und der Evangelischen Akademie lädt die Bildungsstätte dazu ein, offene Fragen zu stellen. Die nur lückenhaft aufzeigbare Vergangenheit ergänzt die Schau durch Eindrücke über die armenische Kultur in der Diaspora. Mit den Medien Bild, Video und Text macht die Ausstellung die unterschiedlichen Aspekte des auf Armenisch als Katastrophe „Aghet“ bezeichneten Verbrechens sichtbar.

Seit Oktober hat die Bildungsstätte Anne Frank gemeinsam mit dem Zentralrat der Armenier nach Dokumenten gesucht. Über den Zentralrat entstand auch der Kontakt zu den Nachfahren der Zeitzeugen. Wie das Lebensumfeld der vertriebenen und ermordeten Armenier im einstigen Osmanischen Reich heute aussieht, zeigt die Fotografiensammlung dreier armenischer Fotografen. Auch kulturelle Artefakte von der Zeit vor und nach dem Genozid zeigt die vielseitige Schau, etwa den Brautschleier einer Frau namens Salome. Eine Schiffsglocke wird stellvertretend für die auch während des Völkermords an den Armeniern fortgesetzten Kollaboration des Deutschen Kaiserreichs mit der Jungtürkischen Regierung.

Den Tatbestand des Genozids hat das Völkertribunal der Vereinten Nationen bereits in einem Urteil bestätigt. Obwohl selbst türkische Gerichte die ranghohen Verantwortlichen nach dem Ersten Weltkrieg verurteilten, weigert sich die Türkei, den 1915 begonnenen Völkermord anzuerkennen. „Man darf den Charakter des Verbrechens nicht relativieren“, sagt Madlen Vartian, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Armenier. Angesichts der umfänglichen Dokumentation des Völkermords richtet Vartian ihre Kritik auch an die Bundesregierung und westliche Staaten, die den Begriff des Genozids nach wie vor durch Umschreibungen umgehen würden. Bisher habe noch kein Land die Türkei öffentlich mit der Forderung konfrontiert, den Völkermord anzuerkennen.

Vartian zeigt sich jedoch erfreut darüber, dass die von der Bildungsstätte kuratierte Ausstellung das Thema Völkermord an den Armeniern einer neuen Zielgruppe zugänglich mache.

Workshops für Schüler

Vertiefend können Schulklassen nach vorheriger Anmeldung auch altersgerecht konzipierte Workshops erhalten, sagt Oliver Fassing von der Bildungsstätte. Während Abiturienten sich dem Ausstellungsthema unter Berücksichtigung geschichtlicher Zusammenhänge nähern könnten, seien für Schüler ab der 8. Klasse Workshops möglich, in denen es um die Ursprünge von Fremdenfeindlichkeit gehe.

Bei der Betrachtung der Ausstellung legen die Veranstalter Wert auf eine offene Herangehensweise. „Der Besucher soll sich selbst eine Meinung bilden“, sagt Deborah Krieg, Bildungsreferentin der Einrichtung. Dies sei notwendig, um das „komplexe Spannungsfeld“ zu verstehen zwischen Zeugen der Verbrechen, die zur Dokumentation beigetragen haben, jedoch andererseits Teil des „Systems“ gewesen seien.

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