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Bildung in Hessen „So wird man nicht aufs Studium vorbereitet“

Universitätsprofessor Guido Pfeifer spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Bildungssituation von der Grundschule bis zur Uni.

Werden Schüler in der Oberstufe künftig noch auf ein Studium vorbereitet? Unversitätsprofessor Guido Pfeifer hat Zweifel. Foto: imago/Sven Ellger

Herr Pfeifer, die ersten Abiturienten, die von den Kürzungen in der Oberstufe betroffen sind, werden demnächst bei Ihnen an der Universität an die Tür klopfen. Erwarten Sie, dass die angehenden Studierenden weniger Wissen mitbringen werden?
Über den künftigen Wissensstand von Abiturienten kann man nur spekulieren. Problematisch ist in meinen Augen das Signal, das mit der Kürzung gegeben wird: Dass die Schulen sich möglicherweise auf das absolut Notwendige beschränken müssen. So kann aber an einer gymnasialen Oberstufe, an der schließlich die Allgemeine Hochschulreife erworben wird, nicht auf ein Studium vorbereitet werden. Die Vorbildung muss möglichst breit und fundiert angelegt sein, erst dann kann man anfangen, sich zu spezialisieren.

Und Sie sehen das Erwerben einer breit angelegte Bildung gefährdet?
Ich sehe das bedroht, ja. Denn die Fächervielfalt wird möglicherweise beschnitten, die Schulen müssen sich unter Umständen auf Kernbereiche konzentrieren. Vielleicht sehen sie sich gezwungen, bestimmte Fächer als weniger wichtig anzusehen. Das betrifft dann im Zweifel historische Grundlagen, musische und kulturelle Bildung. Das ist aber alles ganz wichtig, um das Spezialwissen, das man später an der Universität erwirbt, wiederum einordnen, zuordnen und vernetzen zu können.

An welchen Fähigkeiten glauben Sie, fehlt es den Studierenden künftig?
Was den Studierenden fehlen könnte, ist die Fähigkeit, weit über den Tellerrand zu schauen. Auf meinen Fachbereich bezogen: Das Recht betrifft alle Lebensbereiche. Und da ist es mit einer engen, fachspezifischen Ausbildung nicht getan. Die Tätigkeit als Richter oder Anwalt hat mit der ganzen Gesellschaft und dem ganzen Leben zu tun.

Können Sie die Defizite in der Allgemeinbildung an der Universität auffangen?
Das Bedürfnis danach wird möglicherweise auf uns zukommen. Das ist ein Punkt, der schon jetzt immer mal wieder diskutiert wird: Ob wir nach US-amerikanischem Vorbild etwas ähnliches wie ein College-System einführen müssen. Sozusagen ein Studium generale vor das eigentliche Studium schalten.

Sehen Sie es als Aufgabe der Universität an, zunächst eine Allgemeinbildung zu vermitteln?
Jedenfalls nicht die Allgemeinbildung, die bislang die gymnasiale Oberstufe vermittelt. Und ich sehe auch nicht, dass wir dafür ohne weiteres zusätzliche Mittel erhalten würden. Aber die bräuchten wir dann.

Das heißt: Eigentlich müsste das Geld, das jetzt an den Oberstufen abgezogen wird, an anderer Stelle wieder ausgegeben werden – wenn man will, dass junge Menschen auf ein Studium vorbereitet sind?
Das ist das grundsätzliche Problem von Umverteilungen. Wenn mit den gleichen Mitteln zusätzlich Betreuung, Inklusion und Integration ausgebaut werden sollen – und das alles sind begrüßenswerte Ziele –, dann führt das zu einem Minus in anderen Bereichen. Alle Ziele umzusetzen wird mittelfristig nicht funktionieren, wenn man nicht insgesamt mehr in Bildung investiert.

Als Hochschullehrer, Vater einer Elfjährigen und eines Sechsjährigen sind Sie mit dem gesamten Bildungsspektrum befasst…
…quasi von der Tagesmutter bis zum Emeritus, ja. Und überall liegt was im Argen. Ein grundsätzliches Problem dabei ist, dass die Themen nicht in ihrem umfassenden Kontext gesehen werden. Im Frühjahr 2015 wurde erstmals die Oberstufenkürzung bekannt, zu der Zeit hab ich auch eine Informationsveranstaltung zum Pakt für den Nachmittag besucht, da mein Sohn vor der Einschulung stand. Ich habe mich damals gefragt: Wie wird das in vier, fünf Jahren sein? Wenn den Eltern, die jetzt hier sitzen und begeistert sind, dass man endlich was für die Grundschulen tut, bewusst wird, wo das Geld dafür herkommt. Dass es nämlich woanders abgezogen wird. In der Oberstufe, an die sie jetzt noch nicht denken, aber an der auch ihren Kindern dann möglicherweise etwas abgehen wird. Es ist ein zusätzliches Problem, wenn jeder nur darauf bedacht ist, seine eigene unmittelbare Situation zu verbessern.

Interview: Sandra Busch

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