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Bike-Night in Frankfurt Verwegen über die Autobahn radeln

3000 Radfahrer rollen bei der Raddemo in Frankfurt gelassen durch die Nacht und auch über die Autobahn. Ziel der Bike-Night des ADFC ist mehr Platz für Radler.

Mehr Platz für Radler fordern die Teilnehmer der Bike-Night des ADFC. Foto: Rolf Oeser

Ein Trend auf der Bike-Night des ADFC ist das Bier-Bike. Es geht nicht nur darum, beim Radfahren eine Flasche gekonnt in der Hand zu halten. Und dabei mit der freien Hand und den zwei Fingern der Bierhaltehand zu lenken. Sondern auch darum, die ungeöffneten Flaschen während der Fahrt zu kühlen. Getränkehalter am Rahmen, ohne die es einst kein Rad zu kaufen gab, sind deshalb out. Keine Kühlung.

Wer mit der Zeit geht, steckt die Mehrwegflaschen in eine Plastiktüte, verknotet sie, und verstaut diese im Sportbeutel auf dem Rücken. Oder setzt auf einen weiteren Trend in diesem Jahr, das Cargo-Rad. Mit großem Kasten vor dem Lenker. In dem sich neben Bier die Kühlelemente befinden.

Der Gesetzgeber hat in seiner Weisheit verfügt, dass Biertrinken am Fahrradlenker völlig legal ist. Solange niemand mehr als 0,3 Promille intus hat – dann folgt eine Strafanzeige –, oder hackedicht sich und auch andere gefährdet. 1,6 Promille am Lenker bedeuten eine saftige Geldstrafe und den unrühmlichen Gang zur medizinisch-psychologischen Untersuchung, im Volksmund Idiotentest genannt.

So weit kommt es am Samstagabend bei der größten Fahrrad-Demo in Hessen mit rund 3000 Teilnehmern aber nicht. Der lange Korso radelt entspannt vom Römerberg durch die Stadt.

Viele mit besagten Cargo-Rädern, die im Alltag noch andere nützliche Funktionen haben können. Kinder transportieren, die Post ausfahren. Oder was die Cool Kids von der Critical Mass Darmstadt machen: einen fetten Lautsprecher hineinstecken, der, per Bluetooth mit dem Handy verbunden, während der ganzen Tour kontinuierlich wummert. Neben diesen Menschen zu fahren ist, abgesehen von der freien Sicht an der Spitze des Feldes, sicherlich der beste Platz.

Vom Römerberg aus setzt sich der Korso, der auf die Länge der Neuen Mainzer Straße anwächst, in Bewegung, Schutzblech an Schutzblech. Gerast wird jetzt noch nicht, zumindest nicht seitens der Teilnehmer. Die Organisatoren vom ADFC hingegen flitzen ständig auf der linken Seite vorbei. Sie müssen die von der Polizei gesperrten Straßenzüge sichern. Rund 15 Kilometer Straße sind während der zweieinhalbstündigen Fahrt den Radfahrern reserviert, getreu dem Demo-Motto: „Mehr Platz für Radler – nicht nur heut’ Nacht“. Hunderte leuchtend gelbe Zettel mit dieser Aufschrift haben die fleißigen Helfer des ADFC mit Kabelbindern an Fahrradrahmen festgemacht. Damit kein Auto, das an der Kreuzung warten muss, übersieht, worum es geht.

Nicht nur um Spaß, sondern um die großen Zusammenhänge. „Autos sind die Hauptverantwortlichen für schädliche Emissionen“, sagt Bertram Giebeler, der Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Frankfurt. Dagegen gebe es in der Stadt ein einfaches Rezept: „weniger Autos, mehr Rad.“ Das spare der Stadt viel Geld. Weil sie nicht zusätzliche Parkplätze für Autos bauen müsse, so Giebeler bei der Begrüßung vorm Römer.

Neben ihm steht der neue Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD), ohne Fahrradhelm, dafür mit Eintracht-Käppi und dem für ihn typischen weißen Hemd. „Wir werden die Fahrradwege in dieser Stadt weiter ausbauen“, kündigt er an. Und lobt das neue Fahrradparkhaus, das an der Südseite des Hauptbahnhofs unter seinem Amtsvorgänger entstanden ist. „Wir brauchen zwei, drei, viele solcher Fahrradparkhäuser.“

Das zweite, immerhin, ist schon in Planung. Es kommt auf die Nordseite des Hauptbahnhofs, wenn dessen Umbau bis Mitte der 2020er Jahre erfolgt sein wird. Davon abgesehen, so Oesterling, „fehlen abschließbare Fahrradboxen“, an Park-and-Ride-Stationen im öffentlichen Nahverkehr und auf der Zeil. „Dafür will ich mich einsetzen“, verspricht er. Setzt sich auf sein weißes Mountainbike und fährt vorneweg an der Spitze des Korsos.

„Den Worten müssen Taten folgen“

„Den Worten müssen Taten folgen“, sagt Bertram Giebeler. Er hofft auf steten Rückenwind aus der Politik. Der ADFC hat sich vorgenommen, den Anteil der Menschen in der Stadt, die täglich ihre Wege mit dem Rad zurücklegen, zu steigern. Von jetzt 15 auf 25 Prozent in knapp zehn Jahren. Damit Frankfurt eine richtige Fahrradhauptstadt wird, wie Kopenhagen oder Münster, oder das Radfahren zumindest so viel Unterstützung erfährt wie in Hamburg oder München. Bei der Radfahr-Förderung könnte Frankfurt noch ein paar Gänge zulegen, sagen am Samstag alle von der FR befragten Teilnehmer unisono.

„Wir brauchen unbedingt mehr Fahrradwege in der Stadt“, meint die 65-jährige Margit, die mit Fahrradhelm und roter Warnweste unterwegs ist. Sie wohne im Frankfurter Norden und fahren häufig mit dem Rad die Friedberger Landstraße rauf und runter. „Da hört der Radweg irgendwann einfach auf.“ Das sieht auch ihre Begleiterin so, die 64-jährige Waltraud. Sie fände es gut, wenn es auf dieser Hauptstraße durchgängig Platz für Radfahrer gäbe.

„Ich fahre täglich Rad in der Stadt“, sagt der 27-jährige Dominik, „und dabei fällt mir auf, dass Radwege oft zugeparkt werden.“ Seine Begleiterin Silke (27) findet es schlimm, dass es auf der Eschersheimer Landstraße in Höhe vom Weißen Stein keinen durchgängigen Radweg gibt.
Mehr Platz für Radler liegt aus Sicht der Teilnehmer voll im Trend.

„Es wäre schön, wenn es mehr Radwege gäbe“, sagt auch Susann (28), die die Bockenheimer Landstraße lobt. Dort habe sie genug Platz auf der Radspur. Die Banker von der KfW können auf dieser Spur aber nicht überholen, weshalb sie den hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) angeschrieben haben. Er solle die Radfahrsituation auf der Bockenheimer Landstraße verbessern.

Al-Wazir ist der zweite prominente Politiker, der am Samstag mitradelt, ohne ministerialen Zweiteiler und Krawatte, dafür leger in weißem T-Shirt und Blue Jeans.

Auf der Bühne beim Zwischenstopp in Bockenheim lobt Al-Wazir die 30 Jahre währende Arbeit des ADFC, der sich einst als Gegenentwurf zum ADAC gegründet hatte. „Wir müssen weg von der reinen Autozentriertheit“, sagt er. Radfahren müsse ein „selbstverständlicher Teil von Mobilität“ werden. Dazu brauche es ein „faires Miteinander“. Das Land Hessen setze sich für Radschnellwege und die Förderung von Elektromobilität ein.

Der ADFC-Landesvorsitzende Stefan Janke wirbt daraufhin für ein „Umdenken im Kopf der Autofahrer“. Sie müssten begreifen, dass der Straßenraum auch den Radfahrern zur Verfügung stehen müsse. So entstünden „menschenfreundliche Städte“, in denen es Platz für „Interaktion und Kommunikation“ gebe statt Parkplätze für Autos. Das begrüßen die Demo-Teilnehmer mit Klatschen und Bimmeln.

Die Cool Kids von der Critical Mass machen zwischendurch Stopp an der Trinkhalle. Den Cargo-Wagen auffüllen.

Große Ausgelassenheit herrscht, als der Korso auf die Autobahn darf. Auf vier Spuren beschleunigen die Radler auf der A66 zwischen Ludwig-Landmann-Straße und Miquelallee. „Schneller fahren auf der Autobahn“, ruft ein Kind erfreut. „Langsam-Fahrer bitte auf die rechte Spur“, rufen die richtig schnellen Radler.

Auf dem Rückweg geht es vorbei am Campus Westend und der Alten Oper. Am Römerberg ist das kühle Bier endgültig ausgetrunken. Die Demo löst sich gegen 22.30 Uhr auf.

ADFC-Sprecher Bertram Giebeler wünscht allen frohes Geleit. „Kommen Sie gut nach Hause, oder lassen sie den Abend gemütlich im Biergarten ausklingen.“ Auch die liegen im Sommer voll im Trend.

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