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BGU Schocktherapie in der Unfallklinik

P.A.R.T.Y. in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik? Warum nicht, denn es geht um ein Präventionsprogramm für Schüler: Sie sollen lernen, unnötige Risiken zu vermeiden. Denn in ihrer Altersgruppe kommt es doppelt so häufig zu tödllichen Unfällen.

Ein hautnaher Blick in den Alltag der Unfallklinik. Foto: Andreas Arnold

Niclas W. liegt bewusstlos auf einer Liege im Schockraum der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik. Der Arzt Matthias Sauter untersucht den 18-Jährigen. Heute ist er ausnahmsweise der einzige Mediziner im Schockraum, in dem alle Verletzungen registriert werden. Läge hier ein echter schwerverletzter Patient, wären bis zu acht Mediziner anwesend. Doch Niclas ist ja eigentlich putzmunter und hat sich, neugierig betrachtet von seinen Mitschülern und Mitschülerinnen, nur zur Demonstrationszwecken auf die Liege begeben: In der Unfallklinik ist heute P.A.R.T.Y angesagt, ein Präventionsprogramm, das Jugendliche darauf aufmerksam machen möchte, wie man Risiken vermeidet und Verantwortung übernimmt, um gesund zu bleiben. Zum Programm gehören auch Gespräche mit Schwerverletzten.

Junge Leute haben eine höhere Risikobereitschaft und eine andere „Risikowahrnehmung“, erklärt der Ärztliche Direktor und Geschäftsführer der BGU, Reinhard Hoffmann. In der Altersgruppe bis Mitte 20 gibt es doppelt so viele tödliche Unfälle wie im Durchschnitt. Häufig sind Alkohol und Drogen im Spiel. Sekunden der Euphorie, des Leichtsinns oder der Selbstüberschätzung können grausame Folgen haben, macht Hoffmann klar.

Die 15 bis 18 Jahre alten Schüler der Wiesbadener Friedrich-List-Schule hören aufmerksam zu. Die Friedrich-List-Schule ist ein berufliches Gymnasium mit dem Schwerpunkt Gesundheit. Mit Alkohol etwa kennen sich vermeintlich alle Schüler bestens aus: „Ganz schlecht für die Leber ...“, sagen sie.

Eingeteilt in drei Gruppen, werden sie verschiedene Stationen durchlaufen und damit den Weg nachempfinden können, der sonst den Schwerverletzten vorbehalten bleibt: Rettungswagen, Schockraum, Intensivstation, Station B 5 der Unfallchirurgie. Dort können sie mit einem 23-Jährigen sprechen, der einen schweren Verkehrsunfall hatte.

„Hallo, ich bin Oliver von der Feuerwehr“, wird die erste Gruppe am Rettungswagen begrüßt. Die Feuerwehr-Leitstelle entscheidet, welche Patienten in welches Krankenhaus gebracht werden und hat auch eigene Fahrzeuge im Einsatz. Für die jungen Besucher haben Oliver und sein Kollege Holger eine Puppe auf der Trage mit Gurten festgeschnallt und mit Geräten versehen.

Bereitwillig beantworten die beiden die Fragen der Schüler: In Frankfurt gebe es relativ wenige Notfälle von Drogenkonsumenten. Das liege daran, dass sogenannte Konsumräume eingerichtet wurden, in denen Drogenhelfer arbeiten, die sich mit Erster Hilfe auskennen. Sie berichten von der Pflicht zu helfen: „Wir müssen Wohnungen betreten, da würdest du sonst nicht hineingehen. Und es gibt Menschen, die würdest du am liebsten gar nicht anfassen.“

Auf der nächsten Station, im Schockraum, erklärt der Unfallchirurg Matthias Sauter den Schüler Niclas W. kurzerhand zum Patienten. Alle anderen müssen in schwere Bleischürzen schlüpfen. Der Schockraum ist ein Ort, wo alles gleichzeitig passiert: Der Anästhesist kümmert sich um die Beatmung, ein Radiologe fährt mit einem an der Decke befestigten Röntgengerät längs des Körpers, vor allem um festzustellen, ob die Lunge intakt ist und arbeiten kann.

Sauter greift zur großen Schere und durchschneidet symbolisch die Klamotten, tastet den Kopf ab, drückt auf den Brustkorb, guckt ob der Bauch weich und das Becken stabil ist. Zum Schluss nimmt er sich Arme und Beine vor: „Wenn etwas gebrochen ist, hört man es knirschen.“ Dann fährt Sauter noch einmal mit dem Ultraschallgerät über den Bauch. So kann das geübte Auge auf den wolkigen Bildern innere Blutungen feststellen. Wie erwartet, ist der Bauch von Niclas absolut in Ordnung.

Bevor es in die Intensivstation geht, müssen sich die jungen Leute blaue Kittel überziehen. Dort lernen sie das tragische Schicksal eines Studenten kennen, der in Kalifornien einen Badeunfall hatte: Er war mit Freunden surfen, kletterte auf einen Felsen und machte einen Kopfsprung ins viel zu flache Wasser. Eine Halswirbelfraktur ist die Folge. Jetzt wird er von Pflegekräften rund um die Uhr betreut. Die Atmung muss künstlich unterstützt werden. Gleich wird ein Physiotherapeut vorbeikommen, damit er „mühsam, klein-klein“, wie Sauter sagt, lernt, sich aufzusetzen. Viele Fragen, etwa wie der junge Mann seine Querschnittslähmung verkraften wird, bleiben offen.

„Ich hatte mehr als einen Schutzengel“, sagt Jan E. wenig später. Der 23 Jahre alte Mechatroniker hatte auf der Autobahn einen Unfall mit seinem Sprinter, als er auf dem Weg von der Arbeit nach Hause war. Jetzt liegt er auf einer Station der Unfallchirurgie, hat drei Operationen hinter sich, beide Arme und das rechte Bein sind verbunden. „Die Schmerzen sind nicht das Schlimmste, sondern die Hilflosigkeit“, sagt er und zeigt ein Bild vom Unfallwagen herum. Die Schüler bedanken sich brav und wünschen gute Besserung.

Niclas findet das alles „überhaupt nicht langweilig, sondern richtig spannend“. Man müsse „vorsichtig sein mit seinem Leben, vor allem im Straßenverkehr“, sagt er. Keiner von ihnen wird diesen besonderen Schulausflug vergessen. Nach der Pause werden sie noch in dem hellen Raum für die Physiotherapie mit Steffen L. reden können, der 2007 in Namibia verunglückte und mit zertrümmerten Halswirbeln wieder aufwachte. Der 42-Jährige hat sich arrangiert. Ständig denkt er sich neue Dinge aus, die das Leben für Rollstuhlfahrer leichter machen und bietet über das Internet eine kostenlose Beratung an: www.eigude.de.

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