Lade Inhalte...

„Bewegung Morgenlicht“ Am Kapitalismus gescheitert

Im Oktober 2009 begann der arbeitslose Thomas R. seinen Kampf gegen den Kapitalismus. Er nannte sich „Bewegung Morgenlicht“ und legte Brandsätze in Frankfurter Bankfilialen. Heute ist sein größter Feind der eigene, unheilbar kranke Körper.

Thomas R. im September 2010 vor dem Frankfurter Landgericht. Foto: Christoph Boeckheler

Ein Pflegeheim in Frankfurt. Durch das Erdgeschoss hallt Musik. Ein Alleinunterhalter singt und spielt auf dem Akkordeon alte Gassenhauer. An kleinen Kaffeetischen hat das Publikum Platz genommen, Männer und Frauen jenseits der 70. Ein älteres Pärchen tanzt durch das Foyer. Er singt mit. Sie liegt in seinen Armen und blickt apathisch in Richtung Ausgang.

In seinem Zimmer im ersten Stock bekommt Thomas R. davon nichts mit. Aus einer Musikanlage klingen Lieder von Deep Purple und Pink Floyd. Die selbstgebrannte CD läuft sieben Stunden durch. Thomas R. tanzt nicht. Er kann nicht aufstehen. Er kann noch nicht einmal die CD wechseln, wenn sie abgespielt ist. Er sagt: „Wenn dann kein Pfleger in der Nähe ist, ist da nur noch Stille.“

Seit anderthalb Jahren kennt er die Diagnose: Amyotrophe Lateral-sklerose, kurz ALS. Die für die Motorik zuständigen Nervenzellen sterben ab, die geistigen Fähigkeiten bleiben erhalten.

Thomas R. ist 52, jünger als die meisten Bewohner des Pflegeheims. Der eigene Körper ist heute sein größter Feind. Das war nicht immer so. Vor nicht einmal fünf Jahren hieß der Feind noch Kapitalismus oder schlicht „das System“. Thomas R. hat diesen Feind bekämpft – mit Feuer. Damals, als er die „Bewegung Morgenlicht“ ins Leben rief. Er sagt: „Ich war wie ein Giftmüllfass, in das man oben hineingeschüttet hat, bis es nicht mehr ging.“

Der Kampf war kurz. Zwischen Oktober 2009 und Februar 2010 sorgte die „Bewegung Morgenlicht“ für Schlagzeilen. Vier Brandanschläge gingen auf ihr Konto. Hinzu kamen drei abgefackelte Autos und eine nicht explosionsfähige Paketbombe, verschickt an den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU).

„Ein ungewöhnlicher Verbrecher“

Vier Monate lang kämpfte Thomas R. gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Vier Monate, in denen die „Bild“-Zeitung in Frankfurt eine neue RAF heranwachsen sah und in denen auch seriöse Stimmen vor der Rückkehr des Linksterrorismus warnten. Solange, bis sich die „Bewegung Morgenlicht“ als Einzeltäter entpuppte.

Thomas R. hat die Presseberichte von damals aufgehoben. Einen hat er rahmen und über seinem Schreibtisch aufhängen lassen, so wie andere Menschen ihre Diplome aufbewahren. Es ist die Titelseite des Lokalteils der Frankfurter Rundschau vom 23. September 2010, ein Bericht vom ersten Prozesstag. „Ein ungewöhnlicher Verbrecher“, lautet die Überschrift.

Ein fairer Prozess sei es gewesen, erinnert sich R. Will er sein Bild in dem Zeitungsausschnitt betrachten, muss er den Kopf leicht anheben. Auch dabei muss ihm jemand helfen. Es ist ein anderer Thomas R., dessen Bild da an der Wand hängt. Einer mit raspelkurzen Haaren, dünnem Schnurrbart und trainiertem Oberkörper. Das Gesicht ist unkenntlich gemacht. Die Hände stecken in Handschellen.

Heute ruht seine rechte Hand auf einem kleinen, gelben Massageball. Richtig greifen kann er ihn nicht. Seine Linke baumelt seitlich am Rollstuhl herab. Es ist ein Modell, in dem er fast waagerecht liegen kann. Dann sind die Schmerzen leichter zu ertragen. Die Haare sind länger als damals, sein hagerer Körper füllt den Trainingsanzug kaum mehr aus.

Ein bisschen nervös sei er vor dem Prozess gewesen. „Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass mich jemand in die Pfanne hauen will.“ Es war eine Gelegenheit sich zu erklären, noch einmal darzustellen, warum aus dem Arbeitslosen Thomas R. die „Bewegung Morgenlicht“ wurde: „Manche Ideen kommen einem relativ spontan.“

Der 31. Oktober 2009 ist ein Samstag. Der Club Voltaire, ein linker Szenetreff in der Frankfurter Innenstadt, brummt. Menschen kommen, bestellen Getränke, gehen zum Rauchen vor die Tür. Der Mann mit der Supermarkttüte fällt nicht weiter auf. Thomas R. sitzt alleine, liest Zeitung und leert langsam sein Bier. Es scheint, als ob niemand ihn bewusst wahrnimmt. Als wäre er unsichtbar.

Ein Gefühl, das Thomas R. gut kennt. Seit fünf Jahren ist er arbeitslos. Seine bislang letzte Beziehung ist schon lange zerbrochen. Niemand kümmert sich um ihn. Auch nicht, als er um kurz vor ein Uhr sein Bier stehen lässt und vor die Tür tritt.

Ein Jahr ist es her, dass die US-Investment Bank Lehman Brothers zusammengebrochen ist und damit den Startschuss für die Weltfinanzkrise gegeben hat. Die Bundesregierung hat am Parlament vorbei die Bankenrettung beschlossen. Die Verursacher der Krise fangen wieder an, Geld zu verdienen. Und Menschen wie Thomas R. stehen auf der Straße.

Es sind nur wenige Schritte bis zur Freßgass. Dort liegt sein erstes Ziel: Eine Filiale der Dresdner Bank. Sie ist ideal. Man kann den Vorraum betreten, ohne sich per EC-Karte identifizieren zu müssen, und es befinden sich keine Wohnungen darüber. Noch vor wenigen Monaten kannte R. Militanz nur aus Büchern, aus der Biografie der RAF-Terroristin Inge Viett zum Beispiel. Tote soll es bei ihm nicht geben, auch keine Verletzten. Aber möglichst großen Sachschaden.

Die „großen Drei“ will er auf jeden Fall machen: Commerzbank, Dresdner Bank, Deutsche Bank. Die Satzung der „Bewegung Morgenlicht“ steht bereits im Internet. Darin wird „unsozialen Unternehmen“ der Kampf angesagt. All jenen, die Kleinanlegern mit Zertifikaten das Ersparte aus der Tasche gezogen haben, die trotz Gewinn Stellen abbauen oder Menschen zu Niedrig-löhnen beschäftigen. Thomas R. wartet, bis kein Passant mehr in der Nähe ist. Dann betritt er den Vorraum.

Bitte lesen Sie auf der nächsten Seite weiter

Der Brandsatz ist simpel. Eine oder mehrere Zigaretten dienen als Zeitzünder. In den Tabak werden Streichhölzer gestopft. Einmal angezündet, glimmt die Zigarette vor sich hin, bis sich die Streichhölzer entzünden und eine Lage Papier in Brand setzen. Ganz unten in der Tüte ruht das Benzin in zwei Flaschen, bis es sich ebenfalls entzündet und dadurch eine große Stichflamme verursacht. Thomas R. stellt die Tüte auf einer Fensterbank ab. Er hat den Brandsatz bereits getestet, in einem leerstehenden Gebäude mit Blick auf die Deutsche Bibliothek. Er zündet die Zigarette an. Dann geht er. Im Club Voltaire bestellt er noch ein Bier. Dann geht er in seine Wohnung. Er traut sich nicht, nochmal an den Tatort zurückzukehren. Als er zu Hause ankommt, weiß er nicht, ob sein erster Anschlag sein Ziel erreicht hat.

Rückblickend sagt Thomas R.: „Man kann sagen, dass ich in meinem Leben nur dann glücklich war, wenn ich mit der Wirtschaft, mit dem Berufsleben nichts zu tun hatte.“ Mit Florence wäre vielleicht alles anders gekommen. Er spricht oft von seiner Ex-Freundin. Vier Jahre waren sie zusammen, von 1984 bis 1988. Die beste Zeit seines Lebens. Sie lebt in Paris, er studiert Wirtschaft an der Fachhochschule in Worms und verbringt die Semesterferien bei ihr. Sie geht für ein halbes Jahr in die USA, er besucht sie dort. Wenn er Geld braucht, verdient er es mit Gelegenheitsjobs. Sie führen ein freies Leben.

Er ist Mitte 20. Das Studium läuft. Entwicklungspolitik ist sein Hauptfach, aber er interessiert sich auch für Aktienhandel. Eigentlich hatte er ja Sozialpädagogik studieren wollen. Aber sein Notenschnitt reicht nicht aus.
Thomas R. redet auffällig viel über diese Zeit und auffällig wenig über Menschen. Er beschreibt lieber Stimmungslagen. „Man hatte das Gefühl, dass der Kapitalismus eben doch die bessere Alternative ist.“ Oder: „Man hat das Wirtschaftssystem nicht hinterfragt.“ Zeitanalysen wie aus einer Geschichtsdoku. Das Persönliche ist bestenfalls Beiwerk bei dem Versuch, das eigene Leben geschichtlich einzuordnen.

Thomas R. hat Florence geliebt. Dass sie sich 1988 trennten, habe nicht an mangelnder Zuneigung gelegen. Sie wollte Karriere machen. Ihm war das nicht so wichtig. Er sei „nicht das Material dafür“ gewesen. Auch Florence ist nur eine Chiffre, ein Sinnbild für die Zeit, als Thomas R. und „das System“ noch irgendwie miteinander zurechtkamen. Er erzählt gerne von damals. Jedenfalls lieber als von allem, was danach kam: Dem Job bei der City-Bank, der gescheiterten Flucht ins Familienleben, dem Sohn, den er seit über 20 Jahren nicht gesehen hat. Es waren vier gute Jahre. Dagegen wirkt der Rest wie die Geschichte eines Schwimmers, der ständig unterzugehen droht. Weil er im Kreis schwimmt, sagen Bekannte von früher. Weil ihn eine unbekannte Strömung nach unten zieht, glaubt Thomas R.: „Wenn jemand das Feuer sieht, wird er sofort wieder rausgehen. Es kann keine Situation entstehen, wo da jemand nicht mehr rauskommt.“

Denkzettel für Personalpolitik

Etwas ist schief gegangen. Nicht der Anschlag an sich. Technisch war alles perfekt. Der gleiche Brandsatz wie beim ersten Mal, ergänzt um eine Butan-Spraydose. Als sie explodierte, hat sich das flüssige Gas verteilt und den ganzen Raum in Brand gesteckt.

Es ist der erste November, Halloween. Thomas R. trägt die Maske des Mörders aus der Filmreihe „Scream“, ein schreiendes Gesicht, als er sich zum Tatort begibt. Kurz bevor er die Filiale der Deutschen Bank in Frankfurt-Bockenheim betritt, legt er die Maske ab. Den Brandsatz deponiert er neben einem Kontoauszugsdrucker und steckt die Zigaretten an. Die Bank soll einen Denkzettel für ihre Personalpolitik erhalten.

Zwölf Minuten dauert es, bis der Brand ausbricht. Diesmal sieht Thomas R. zu, versteckt in einer Hofeinfahrt gegenüber. Zwei Brandanschläge innerhalb von 24 Stunden. Erst am nächsten Tag verfasst er in einem Internetcafé das Bekennerschreiben. Der Schaden in der Deutschen Bank beläuft sich auf mehr als eine Million Euro. Die Presse berichtet. Alle rätseln, wer hinter der „Bewegung Morgenlicht“ stecken könnte. Thomas R. könnte triumphieren. Aber etwas ist schief gelaufen. Dieses Mal befinden sich über der Bankfiliale Wohnungen. Leerstehend zwar, wie er später vor Gericht erfährt, aber das wusste er vor dem Anschlag nicht. Schlimmer noch, aufgrund der Rauchentwicklung musste die Feuerwehr vorsorglich die benachbarten Gebäude evakuieren. Auch darüber berichtet die Presse. Es ist niemand verletzt worden, aber die Möglichkeit bestand.

Thomas R. möchte nicht, dass die „Bewegung“ so dasteht. Als Fanatiker, die im Zweifel in Kauf nehmen, dass Menschen zu Schaden kommen. Also verfasst er ein weiteres Bekennerschreiben. Das „Kommando Makeda“ übernimmt die Verantwortung für den ersten Anschlag in der Freßgass, distanziert sich aber gleichzeitig von dem verantwortungslosen Vorgehen beim Anschlag in Bockenheim. Thomas R. distanziert sich von sich selbst. Ganz nebenbei vermittelt er der Öffentlichkeit das Bild einer Terrorgruppe, die aus autonom agierenden Zellen besteht. Wenn auch die Polizei diese Darstellung schluckt, soll ihm das nur recht sein.

„Meine Eltern lebten in so einer Art Zelle, die selbstständig agiert hat, ohne mit der wirtschaftlichen Realität in Berührung zu kommen“, sagt Thomas R. Man brauche in seiner Biografie nicht nach Antworten zu suchen. Viel zu erzählen gebe es nicht. Sein Elternhaus in Würzburg sei nicht reich gewesen, aber das Kind habe man nach Kräften unterstützt. Sein Lebensweg sei vielleicht nicht vorgezeichnet, aber doch tief genug ausgetreten gewesen. Ein Pfad, dem er irgendwann ganz einfach hätte folgen können. Schule, Ausbildung, Beruf, Familie. Alles würde sich fügen.

Am Anfang stand ein Versprechen

Vielleicht war dies das große Missverständnis in seinem Leben. Ganz am Anfang hat man Thomas R. ein Versprechen gemacht. Das Versprechen, dass es auch für ihn einen Platz geben würde. Niemand hat ihm gesagt, dass er nach der Realschule keine Ausbildung finden und stattdessen auf die ungeliebte Fachoberschule gehen würde. Dass ihn der Job bei der Bank in Frankfurt so langweilen, dass er irgendwann zu Drogen greifen würde. Und dass nicht jeder Versuch, eine Familie zu gründen, erfolgreich sein würde.

Mitte der 1990er Jahre trennt sich die Mutter seines Kindes von Thomas R. Er kehrt zurück nach Würzburg, baut eine Sprachschule auf. Das läuft eine Zeit lang. Er baut einen Handel mit Sammelfiguren auf. Auch das funktioniert eine Zeit lang. Er kehrt nach Frankfurt zurück und arbeitet als Grafiker und Texter in Werbeagenturen. Auch das geht eine Weile gut. Bis er mit 44 arbeitslos wird. Ein Jahr später tritt die Hartz IV-Gesetzgebung in Kraft. Thomas R. hat Pech gehabt. Wie viele andere auch. Am Anfang stand ein Versprechen. Dass es sich nicht für jeden erfüllt, hat ihm niemand gesagt.

„Man kann über mich bestimmt viel schreiben. Er hat das gemacht, das gemacht, das gemacht. Aber wenn man verstehen will, muss man sich die Arbeitslosigkeit ansehen.“

Dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch hätte Thomas R. gerne von seiner Arbeitslosigkeit erzählt. Wie es sich anfühlt, als Leiharbeiter bei Neckermann für 7,50 Euro die Stunde zu arbeiten und am Ende doch nicht übernommen zu werden. Was es mit einem macht, wenn selbst Bewerbungen um Ein-Euro-Jobs abgelehnt werden. Wie es ist, wenn man sich nicht hängen lässt, Sport treibt, liest, ehrenamtlich aktiv ist und trotzdem ständig das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden.

Bitte lesen Sie auf der nächsten Seite weiter

Roland Koch aber redet nicht mit Thomas R., sondern mit der „Wirtschaftswoche“. In einem Interview fordert er im Januar 2010 Maßnahmen, „damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht“. Der Aufschrei ist enorm. Viele Hartz-IV-Empfänger schicken Protestbriefe an die Staatskanzlei. Thomas R. schickt eine Rohrbombe.

Das Napalm-Gemisch ist zündfähig, aber den Zünder hat er weggelassen. Am 22. Januar schafft es das Paket bis ins Vorzimmer von Koch. Im Begleitschreiben fordert die „Bewegung Morgenlicht“ den CDU-Politiker auf, weitere Äußerungen über Hartz-IV-Empfänger zu unterlassen. Andernfalls würde eine Bombe in der Nähe seiner Besitztümer explodieren. Die überregionalen Medien berichten, der Staatsschutz ermittelt.

Es ist ein großer Coup nach eher frustrierenden Wochen. Im November hatte die „Bewegung“ der Frankfurter Sparkasse mit Anschlägen gedroht, sollte sie ihre Anleger, denen sie Lehman-Zertifikate verkauft hatte, nicht entschädigen. Doch nachdem sich die Lehman-Opfer gegen solche Beihilfe verwahren und Thomas R. mitbekommt, dass dem Sicherheitspersonal der Sparkasse seinetwegen Mehrarbeit aufgebürdet wird, nimmt die „Bewegung“ ihre Drohungen zurück.

Dann geht wieder etwas schief. Es ist bereits das vierte oder fünfte Weihnachten, das R. alleine verbringt. Seine Ehe mit einer Kolumbianerin ist 2006 gescheitert. Der Frust nagt an ihm. In der Nacht zum 28. Dezember streift er durch Bockenheim. Er hat wieder eine Tüte dabei.

Die Medien sind seit Monaten voll mit Berichten über Brandanschläge auf Luxus-Autos in Berlin und Hamburg. In der Georg-Voigt-Straße wird Thomas R. fündig: Ein teurer BMW. Der Brandsatz ist schnell deponiert, die Zigarette ebenso schnell angezündet. In der Nähe hinterlässt er ein Pappschild mit der Aufschrift „Yuppie Scum“. Zu Deutsch: Yuppie-Abschaum.

Nur einen Tag nach dem Anschlag möchte Thomas R. vor Scham im Boden versinken. Durch ausströmendes Benzin sind zwei weitere Autos in Brand geraten. Das ist unangenehm genug, doch die Scham sitzt tiefer. Er weiß, dass er aus Neid gehandelt hat, auch wenn er im Bekennerschreiben die ungleichen Einkommensverhältnisse in Deutschland als Motiv anführt. Die Verantwortung für die Autobrände übernehmen die „Revolutionären Zellen“. R. will nicht, dass das Ansehen der „Bewegung“ unter seinem Aussetzer leidet.

Er versucht die Erinnerung an diesen Anschlag aus seinem Gedächtnis zu streichen. Doch er wird daran erinnert werden. Eine Überwachungskamera in der Nähe hat Aufnahmen von ihm gemacht.

Es gehen ihm die Ideen aus

„Das hat den Tagesablauf schon ausgefüllt“, sagt er heute, „man hatte immer etwas zu tun.“ Ende Februar 2010 ist die „Bewegung Morgenlicht“ am Ende. Sie stirbt einen leisen Tod. Zwei Brandanschläge treffen noch ihr Ziel: die Frankfurter Niederlassung der Zeitarbeitsfirma Rand-stad und eine Schlecker-Filiale in der Mainzer Landstraße. Jetzt aber gehen Thomas R. die Ideen aus.

Seinen ehemaligen Arbeitgeber Neckermann hatte er noch im Visier, den Textildiscounter KiK und den Versanddienst TNT. Aber immer war es entweder logistisch zu aufwendig oder die Gefahr für Unbeteiligte zu groß. Ganz davon abgesehen, hat die „Bewegung“ gerade Besseres zu tun. Thomas R. hat wieder Arbeit.

Es ist ein 1,50-Euro-Job als Helfer in einem Pflegeheim. Dasselbe Pflegeheim, in das er drei Jahre später als Pflegefall zurückkehren wird. Ein sozialer Job, das gefällt ihm. Thomas R. hat das Gefühl durchgekommen zu sein. Er glaubt nicht, dass man ihn noch erwischt.

Er ist gerade auf dem Heimweg, als er von einer Polizeistreife angehalten wird. Einer der Beamten hat sein Gesicht erkannt. Er hatte es schon einmal gesehen – auf dem Überwachungsvideo, das kurz nach den Autobränden entstand. Thomas R. sagt: „Es war nicht immer leicht das Unrechtsbewusstsein zu behalten. Das waren ja Verbrechen, für die einem manche Leute auf die Schulter klopfen.“

Im Knast lernt er schnell. Zum Beispiel, heimlich „Fifi“ herzustellen: Man braucht einen Eimer mit zwölf Liter Wasser, zwei Kilo Zucker, eine Handvoll Hefe, ein paar Früchte. Das Ganze luftdicht verpacken, eine Woche ziehen lassen, und es entsteht eine Art Fruchtwein. Wenn man den destilliert, bekommt man Knastschnaps – Seelentröster und Tauschmittel in allen Justizvollzugsanstalten. „Schmeckt gar nicht schlecht“, sagt Thomas R.

Mit der Haft kommt er gut zurecht. Das Urteil ist vergleichsweise milde ausgefallen: Vier Jahre und zehn Monate. In Weiterstadt, wo er in Untersuchungshaft saß, haben alle seinen Prozess verfolgt. „Bomberman“, haben die schweren Jungs ihn getauft. Er hat versucht ihnen zu erklären, dass er vor allem Brandsätze gebastelt hat. Aber das haben sie nicht ganz verstanden, genauso wie sie nicht verstehen konnten, dass er nie versucht hat, Geld zu erpressen.

Die JVA Butzbach ist besser. Der Altersschnitt ist höher als in Weiterstadt, Thomas R. hat mehr gemeinsame Themen mit den anderen Insassen. Essen, Hofgang, Freistunde. Es fällt ihm leicht, sich an die Regeln zu halten. Nur einmal muss er in Einzelhaft – weil man ihn beim Herstellen von Alkohol erwischt hat.

Er macht seine Tat-Analyse-Therapie, schreibt Leserbriefe an Zeitungen, engagiert sich in der Kulturgruppe. Das Leben in Haft ist abwechslungsreicher, als es die Arbeitslosigkeit in Freiheit war. Die Mithäftlinge respektieren ihn, selbst wenn sie seine Motive nicht verstehen.

Seine Hoffnung ist die gleiche wie die aller anderen Gefangenen auch: Dreiviertel-Strafe. Bei Thomas R. wären das ungefähr drei Jahre und acht Monate. Sie wird sich erfüllen, aber anders als gedacht. Irgendwann im Frühjahr 2012 fällt einem seiner Mitgefangenen auf, dass R. irgendwie komisch läuft, ein Bein nachzieht.

„Ob ich sterben will? Die Frage könnte ich zurückgeben. Möchten Sie mit so einer Krankheit leben?“ Pfarrer W. ist vorbeigekommen. Er besucht Thomas R. von Zeit zu Zeit. Vor den Brandanschlägen hat R. sich in der evangelischen Kirchengemeinde seines Stadtteils engagiert. Pfarrer W. hat zwei Kirchenschriften zur Sozialpolitik mitgebracht. R. würde sie gerne lesen. Aber er kann die Seiten nicht mehr umblättern. Thomas R. glaubt an Gott. In letzter Zeit fragt er sich öfter, wie der Schöpfer wohl zum Thema Sterbehilfe steht. Pfarrer W. weiß keine Antwort. Er wird beten, dass Thomas R. die Kraft hat durchzuhalten. „In der Bibel selbst habe ich nichts gefunden, was gegen Sterbehilfe sprechen würde“, sagt R. Noch wolle er nicht gehen. Aber die Option zu haben, das wäre gut.

Heute ist der Rest seines Lebenswegs tatsächlich vorgezeichnet. Wie schnell die Krankheit verläuft, lässt sich nicht sagen. Irgendwann wird die Atmung aussetzen. Heute kümmert man sich um ihn, aber ganz anders, als er sich das früher erhofft hat.

Frau K., die in der Nachbarschaft lebt, hat sich seiner angenommen. Jeden Abend schaut sie vorbei. Ihr erzählt er von der „Bewegung Morgenlicht“. Es ist keine Heldengeschichte. Aber eines ist Thomas R. wichtig: „Man muss das im Zusammenhang sehen. Wenn man zurückblickt, soll man begreifen, dass diese Zeit auch Menschen wie mich hervorgebracht hat.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen