Lade Inhalte...

Betroffene Notbremse gezogen

Eine Studentin berichtet, wie sie auf der Zeil für die Shinchonji-Kirche geworben wurde und noch rechtzeitig aussteigen konnte.

Kulte in Frankfurt
Sektenvertreter sprechen Menschen auf der Zeil an. Foto: Rolf Oeser

Zunächst hielt ich es für eine merkwürdige Anmache: Ich ging die Zeil entlang und wurde von einem jungen Mann angesprochen. Er sei Theologiestudent und brauche für eine Präsentation Interviewpartner, sagte er. Ob ich ihm nicht helfen könne. Weil ich selbst Theologie studiere, weckte er mein Interesse.

Als wir uns das nächste Mal in einem Café treffen, liest er mir Bibelstellen vor und will wissen, wie ich sie verstehe. Auf Nachfrage erzählt er, dass er nicht an einer Universität Theologie studiere, sondern an einer Bibelschule, nach der Arbeit. Ich bin neugierig und gehe eines Abends hin. Die Atmosphäre in den Räumen an der Galluswarte ist entspannt, die Leute sind jung, international und wertschätzend, ganz sympathisch.

Einige Erzieher und Uni-Dozenten sind darunter. Sie sagen, dass sie zum International Bible College gehören, in dem sich verschiedene Christen über die Bibel austauschen könnten. Oft geht es um das Johannesevangelium, alles wird mit Bibelversen untermauert.

Der Gottesdienst, den ich kurz darauf besuche, wirkt locker; moderne christliche Lieder werden gespielt. Dass es ansonsten alles andere als locker zugeht, merke ich wenig später: An einem sechsmonatigen Bibelkurs möchte ich seltener und nicht an vier Abenden in der Woche teilnehmen. Das stößt auf Unverständnis.

Danach wollen Leute aus der Gruppe sich ständig mit mir treffen, was mich zu nerven beginnt. Und in den Bibelkursen habe ich das Gefühl, dass eine Frau regelrecht auf mich angesetzt wurde. Sie scheint mich zu beobachten. Dann werde ich aufgefordert, einen Anmeldebogen auszufüllen und eine ganze Reihe persönlicher Daten anzugeben, etwa Telefonnummer und Adresse. Auf dem Zettel steht aber kein Veranstalter oder Ähnliches. Außerdem soll ich 200 Euro in bar bezahlen. Für die Raummiete, heißt es.

Da schöpfe ich Verdacht, fange an zu recherchieren und finde heraus, dass International Bible School offenbar ein Tarnname der koreanischen Sekte Shinchonji ist. Ich lese, dass Mitglieder von ihrem Umfeld isoliert und unter Druck gesetzt werden.

Daraufhin schicke ich den mir bekannten Mitgliedern die Nachricht, dass ich weiß, um welche Gruppe es sich handelt und nicht mehr kontaktiert werden will. Daran halten sich nicht alle. Mehrfach werde ich noch angerufen oder bekomme Nachrichten, auch von Leuten, denen ich meine Kontaktdaten gar nicht gegeben habe. Deshalb blockiere ich die Nummern dieser Anrufer auf meinem Handy.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich als aufgeklärte Theologiestudentin zumindest für kurze Zeit auf eine Sekte einlassen könnte. Aber ich habe es zunächst gar nicht gemerkt. Den Absprung habe ich rechtzeitig geschafft und daraus gelernt, in Zukunft noch etwas kritischer zu sein.

Aufgezeichnet von Gregor Haschnik

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen