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Baustelle U 5 Viel Geduld vonnöten

Die Bauarbeiten an der Eckenheimer Landstraße sind heftig. Noch bis August sollen die Arbeiten andauern. Das große Chaos bleibt allerdings bisher aus.

Dieser Mann hat genug von langen Umwegen – und kreuzt einfach die Baustelle. Foto: Andreas Arnold

Das Mädchen mit dem Fahrrad ist die Erste an diesem Montagmorgen, dem Tag nach den Osterferien. Die Musterschule aber wirkt, als seien die längst noch nicht vorbei. Es ist kurz nach halb acht – das Mädchen weilt einsam vor dem Tor. Lediglich eine Gruppe Bauarbeiter steht weiter vorne an einer Absperrung. Sie genießen die wenigen Sonnenstrahlen, die es durch den Häuserspalt von der gegenüberliegenden Straßenseite schaffen. Eigentlich könnte das ein gewöhnlicher Montagmorgen sein, an dem die Schüler eben lieber länger im Bett liegen, denn vor der Schule zu stehen. Aber es ist der erste Tag, an dem nun vor allem die Schüler der Musterschule von den Umbaumaßnahmen an der Strecke der Linie U 5 und der Sperrung der Eckenheimer Landstraße betroffen sind. Einige hatten da im Vorfeld ein Verkehrschaos prophezeit, in dem jetzt wohl nahezu die gesamte Schülerschaft zu stecken scheint.

„Wir sind mit der Linie 18 gekommen und vom Friedberger Platz jetzt gelaufen“, erzählt dann einer der Ersten, der aus der Seitenstraße auftaucht. Mehr los als sonst sei nicht gewesen, sagt der Junge. Mit jeder Minute strömen mehr in Richtung Schule. Von Chaos, wenn man denn so will, berichtet nur einer. „Der 36er von der Konstablerwache war so voll, da sind wir zu Fuß gegangen.“ Gelassen nehmen das alle, egal die Viertelstunde, die es jetzt mehr brauche. Den Weg von der Konstablerwache oder dem Friedberger Platz könne man ja ohnehin „ganz easy laufen“, findet Bennet.

Einige Schüler huschen dennoch kurz vor knapp hastig die Straße entlang. Ob das Chaos einfach nur ein wenig verspätet eingesetzt hat? „Ich wusste das irgendwie gar nicht mit der Sperrung“, gesteht dann aber Linda, die wohl nicht nur für sich spricht. Bevor sie eilig im Gebäude verschwindet, ruft sie, dass ihr das morgen nicht noch mal passieren werde.

Nach Unterrichtsbeginn sind es vielleicht drei, vier Schüler, die mit angestrengtem Gesicht und schnellen Schrittes den Weg Richtung Eingang suchen. Auskunft geben möchte keiner von ihnen, sie müssten schließlich in die Klasse. Aber nein, sie hätten keine Probleme bei der Anreise gehabt.
Nach diesem kurzen Schauspiel kehrt Ruhe ein auf der Eckenhmer Landstraße, die durch die Bauarbeiten zum Stillstand gezwungen wird. Gegen Mittag zeigt sich die am Morgen noch zurückhaltende Sonne in vollem Glanz. Ein Thermometer an der Straße zeigt 19 Grad an.

Beim italienischen Restaurant Papanova wischt ein Mitarbeiter draußen vorsorglich die Tische ab. Drei Meter entfernt kämpfen währenddessen Bagger lautstark mit den alten Gleisen und versuchen, sie von den Betonschwellen zu lösen, die dann, meterhoch übereinandergestapelt, nah am Terrassenbereich eine ganz eigene Atmosphäre erschaffen.

Drinnen steht Pasquale Terranova, Besitzer des Restaurants. „Hier haben wir schon 30 Prozent an Einbußen seit der Sperrung“, beklagt der 41-Jährige. In seinem zweiten Lokal, weiter die Eckenheimer Landstraße hinunter, seien es sogar 70 Prozent. Weshalb es so einen Unterschied gebe, könne er nicht genau sagen. Vielleicht „weil die Leute von oben noch durchkommen, von unten aber nicht mehr“, und weil man oben die Straße noch überqueren könne, mutmaßt Terranova.

Er erzählt von Gästen, die im Restaurant saßen, während draußen plötzlich – so gar nicht italienisch – sich der Presslufthammer hinzugesellte. „Sie haben sich entschuldigt, meinten aber, dass sie es einfach nicht aushalten würden, und sind gegangen“, so der Gastronom.

Als „interessant“ umschreibt Carsten Buchterkirch die ganze Situation. Er lehnt im Verkaufsfenster des Einkaufskiosks und erklärt, dass sich die Umsatzeinbußen bestimmt schon auf 30 bis 40 Prozent beliefen. „Es fehlt einfach die Laufkundschaft aus der U-Bahn“, sagt der Mitarbeiter.

Es gestaltet sich schwierig, diese Baustelle zu durchschauen. Als Hindernislauf für die Kunden bezeichnet es eine Frau in einem der angrenzenden Geschäfte. Auf dem Gehweg begegnet man plötzlich einem Mann auf einem Motorroller, der versucht, irgendwie die Straße zu queren. Doch alle Raffinesse nützt nichts, der Roller passt nicht durch die eng gestellten Absperrungen hindurch.

Weiter hinunter die Straße sitzt plötzlich ein älterer Herr in kurzer Hose mitten auf der Straße, die Lektüre in der Hand, die Sonne im Gesicht. Er sei nicht von hier, warte nur auf die Familie; dass die Geschäfte aber Einbußen haben, könne er verstehen.

Wer Verständnis für die Situation sucht, wird bei Mesut Ocak wohl kaum fündig. Sein „Tintenring“ sei härter getroffen worden als erwartet. „Das sind Rieseneinbußen bei uns von rund 50 Prozent“, sagt der 31-Jährige, der das Druckergeschäft seit sechs Jahren betreibt. Viele Kunden hätten schon angerufen, um zu fragen, ob man überhaupt zu seinem Geschäft durchkomme, „um dann aber doch nicht zu kommen“. So schlimm sei es noch nie gewesen. Den Mai, so erklärt Ocak, wolle er noch abwarten, und wenn es so weitergehe, müsse über die ganze Situation nachgedacht werden, schließlich will auch ein Mitarbeiter bezahlt werden.

Vom aktuellen Epizentrum lärmender Bagger sehen sie sich weiter oben, bei „Eis Christina“ an der Ecke Wielandstraße, weit genug entfernt – noch. Entsprechend laufe auch das Geschäft, erklärt Corrado Spadotto. „Am Wochenende hatten wir genug zu tun“, ohnehin kämen die Leute, sobald sich die Sonne zeige, meint der Geschäftsführer. Wie es werden wird, wenn die Baustelle weiter die Straße hinunterwandere, bleibe abzuwarten – „jetzt gibt es aber noch nicht viel zu sagen“, erklärt Spadotto.

Nach Unterrichtsschluss schieben sich die Schüler über die engen Bürgersteige, laut und quirlig, kurz blitzt die Erinnerung auf, wie es vor wenigen Wochen noch war, zwischen Oeder Weg und Anlagenring. Sind die Schüler weg, kehrt diese eigenartige Ruhe in die Straße. Bis auf die Arbeiter ist kaum jemand dort – und eben denen, die sie bei der Arbeit beobachten. Oder mit einer Mischung aus Staunen und Fassungslosigkeit auf dieses Schlachtfeld von einer Baustelle blicken – zumindest dort, wo der Beton einfach weggebaggert wurde, als wäre er Erde.

Unweit davon steht in einer kleinen Bude mit der Aufschrift „Frischer Spargel“ eine Verkäuferin, die sagt, es laufe mit dem Geschäft. Eine Ausnahme. Für die Mehrheit bringt es Mesut Ocak vom „Tintenring“ auf den Punkt: „Uns geht es allen schlecht. Das wird ein schwerer Kampf.“

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