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Bankenstadt Frankfurt Stadt des Geldes und der Gegensätze

Frankfurt, Stadt des Geldes und der Gegensätze: ein Streifzug durch die Welt der Topbanker und ihrer Kritiker anlässlich eines der größten europäischen Bankenkongresse.

Ein Mann spielt mit Münzen in einer Ausstellung zum Thema Geld in Lenzburg, Schweiz. Foto: dpa

Frankfurt. Stadt der Finanzen und der Fassade. Ort der Macht und des kritischen Geistes. Bühne der Deutschen Bank und der Blockupy-Bewegung. Heimat der Gegensätze. Gerade erst wieder in dieser Woche. Gegelt das Haar, wie angegossen der Anzug auf der Euro Finance Week. Wild die Mähne, unprätentiös die Klamotten auf der Fair Finance Week, einer Gegenveranstaltung zu einem der größten Banker-Kongresse Europas. Auf Streifzug durch zwei Welten, die das Geld verbindet – und vieles trennt.

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Graues Sakko, schwarzes Sakko, schwarzes Sakko, schwarzes Sakko, graues Sakko – und zwischendrin erstaunlich viele, auch mal hellere Damenblazer. Eine Dame trägt sogar gelb – gewagt. Auf der Euro Finance Week kleidet man sich in Business-Uniform. Wer mit Jeans oder farbigen Pullis aufkreuzen würde, würde herausstechen aus der Masse – und das will man hier eher nicht.

Insgesamt geht es diskret zu. Wer sich beim Mittagessen an einen der etwas rar gesäten Stehtische im Kongresszentrum der Frankfurter Messe begibt, bekommt schon mal einen kritischen Blick zugeworfen – gerade geführte Gespräche verstummen oder werden auf leise gestellt. Die Euro Finance Week ist vor allem eine Networking-Veranstaltung – man knüpft Kontakte oder vertieft bestehende, Informationen werden ausgetauscht. Darum trägt auch jeder Besucher ein Schild mit Namen und Arbeitgeber. Dumm nur, wenn das mal wieder verdreht ist und man den „alten Bekannten“, der einen freudig begrüßt, leider nicht wiedererkennt. Da hilft dann nur noch geschickte Improvisation: „Schön Sie wiederzusehen. Wie geht’s? Schade, ich muss sofort wieder los.“

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Grüner Strickpulli, gelb-blau gestreifter Strickpulli, schwarzes Sakko, goldener Glitzerpulli, beiger Strickpulli – dazu wahlweise ausgewaschene Jeans mit ausgelatschten Turnschuhen oder schwarze Stoffhose mit Halbschuhen. Auf dem Vortrag „Nachhaltigkeit von Geldanlagen – ist das möglich?“ auf der Fair Finance Week werden alternative Investmentmöglichkeiten diskutiert. Er wird vom Fair Finance Network Frankfurt organisiert, hinter dem sich mehrere Alternativbanken verbergen.

Hier wird anders und auch viel emotionaler als auf der Euro Finance Week diskutiert, wo Fragen und Anregungen meist sachlich und ohne nennenswerte Gefühlsregungen vorgebracht werden. „Wir müssen uns doch mal überlegen, wie nachhaltig unser Leben überhaupt ist. Das ist ja schön, wenn wir in Unternehmen investieren, die Wasser sparen – aber das bringt doch nichts“, erklärt eine ältere Dame in verzweifeltem Tonfall, dabei wild gestikulierend. „Wir müssen wegkommen von unserem Fokus auf Geld. Das Geld muss vom Herrschenden wieder zum Dienenden werden. Vergesst doch mal das Geld, das uns total entsolidarisiert hat“, wirft ein Mann in knallrotem Pulli ein, der sich als ehemaliger Mitarbeiter der Ökobank GLS-Bank vorstellt.

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Mitreden muss man sich leisten können. In der Welt der Großbanken. Die Eintrittspreise für die Euro Finance Week lassen einen schlucken. Mit 952 Euro ist man einen Tag dabei. 2856 Euro kostet die Wochenkarte. Eher keine Veranstaltung für den kleinen Mann. Das große Geld bleibt unter sich.

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Mainzer Landstraße, schmuckloser Bürobau. Mit dem Aufzug geht es hinauf in die vierte Etage. Sitz der Triodos Bank, die Kundengelder nachhaltig anlegt. Hier ist mitreden kostenlos. Etwa 50 Personen sind gekommen, um über Geld, Gewissen und Banken zu reden. Eine „wahnsinnige Resonanz“, findet Triodos-Geschäftsführer Georg Schürmann.

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Das Kongresszentrum der Messe Frankfurt und für Freitag die Frankfurter Alte Oper haben hingegen die Veranstalter der Euro Finance Week gebucht. Der Platz wird benötigt – für mehr als 8000 Besucher und die zahlreichen Veranstaltungen mit über 300 Rednern.

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Eine Gegenveranstaltung zur Euro Finance Week? Nein, das sei man nicht, sagt Triodos-Banker Schürmann, der 20 Jahre bei der Deutschen Bank gearbeitet hat. Sein Anzug sitzt noch immer perfekt. „Wir sind eine Ergänzung, denn es gibt keinen Programmpunkt nachhaltige Geldanlage auf der Euro Finance Week und die Bürger sind nicht eingeladen.“

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Nachhaltigkeit, ganz ignoriert wird sie auch von den großen Banken nicht. Am Mittwoch findet eine Debatte zum Thema „Klima-Finanzierung – Wie man grünes Wachstum für alle Betroffenen profitabel machen kann“ statt, anschließend eine Podiumsdiskussion, wie Banken in Entwicklungsländern aktiv werden können. Da darf man aber schon zweifeln, ob es hier um gute Absichten geht.

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Kunst und Geld, wo lässt sich das besser verknüpfen als im Kabarett? Günter Schultheiß, eine Hälfte des Duos Camillo, sitzt in der Frankfurter Käs am Flügel. Auftakt zur Fair Finance Week. Er singt ein altes Lied, es ist aus den 80ern, aber das fällt nicht wirklich auf. Wie die Probleme doch letztlich immer wieder dieselben geblieben sind! Macht, Armut und Reichtum, Krisen.

Die Performance-Künstlerin Anna Poetter, aufgewachsen in einem Pfarrhaus, wollte es genauer wissen. Sie ist auf den Spuren des Geldes, unserem „Allerheiligsten“, gepilgert, von Zürich nach Frankfurt. Von einer Hauptstadt des Geldes in eine andere. Schmutzig geht es an beiden Orten zu. Geld, das sei weit mehr als ein Zahlungsmittel geworden, sagt Poetter. Die Menschen würden ständig über Geld reden. Es bestimme die soziale Ordnung, dominiere unser Leben. Keine brandneue Erkenntnis, substanziell geändert hat sich allerdings in den vergangenen Jahren trotzdem nichts. Im Gegenteil, die Verhältnisse haben sich verschärft.

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Das Mittagessen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Während früher auf Bankenkonferenzen üppig aufgetischt wurde, wollen Veranstalter heute auch etwas Bescheidenheit zeigen. Das kommt in Krisenzeiten gut an. Zur Auswahl gibt es nur noch zwei Hauptgerichte, zum Frühstück gar nur noch Laugengebäck und Muffins. Anders am Freitag in der Alten Oper – da wird dann doch ein wenig üppiger aufgetischt, unter anderem Trüffelnudeln.

Bühne frei, Licht an. Auftritt: Frankfurter Beschwerdechor in der Käs. Frauen und Männer in roter Oberbekleidung. Anklagend: „Ich brauch keine Millionen, ich brauch Milliarden zum Glück, ich bin der Hedgefonds, und ich sitz euch, sitz euch im Genick.“ Und weiter: „Wer braucht denn den Sozialklimbim? Ich will den Reingewinn! Und damit das auch funktioniert, wird alles schnell privatisiert.“

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Die großen Fragen, die an den Grundfesten des Finanzsystems rütteln, sie wurden auf den vielen Veranstaltungen der Euro Finance Week eher nicht gestellt. Vieles war sehr technisch. Es ging um die Probleme der Versicherer, angesichts niedriger Zinsen, um die Lage auf den Immobilienmärkten, die IT-Systeme der Banken oder die Regulierung der Kreditinstitute – um nur ein paar Themen zu nennen. Es ist eine Konferenz von der Finanzbranche für die Finanzbranche. Wer das Programm liest, findet Begriffe wie „MaRisk Novelle 2013“, „Solvency II“ oder „Mikroprudentielle Aufsicht“ – das ist harter Tobak.

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Die Kritiker gehen grundsätzlicher an die Sache ran. „Wir haben ein viel zu großes Finanzsystem“, kritisiert Professor Bernhard Emunds. Ein System, das sich stark um sich selbst dreht. „Da sind wir bei einem großen Gerechtigkeitsproblem. Sie können sehr viel verdienen, ohne zum Wohlstand der Gesellschaft beizutragen“, sagt Emunds. Der Theologe und Ökonom leitet das Oswald von Nell-Breuning-Institut. Er fordert eine einmalige Vermögensabgabe in Europa. Denn solange die Politik die großen Vermögen sichern wolle, sichere sie auch die Schulden. „Die Banken müssen sehr viel sicherer werden“, sagt er und kritisiert die aus seiner Sicht noch immer viel zu geringen Eigenkapitalquoten der Geldinstitute. „Mit der Deutschen Bank sitzen wir mehr oder weniger auf einer Bombe.“

Aus dem Publikum werden Forderungen laut, zum Beispiel dass endlich Geschäfts- und Investmentbanken getrennt werden müssen, dass den Banken verboten werden soll, selbst Geld zu schöpfen, dass der Zahlungsverkehr verstaatlicht werden soll, und vieles mehr. Vielen geht die Zähmung der Finanzmärkte viel zu langsam voran – und vor allem nicht weit genug. Es gebe im Vergleich zur Finanzbranche „keine andere Branche, für die jede neue gesetzliche Grenze ein Ansporn ist, sie zu umgehen“, sagt Emunds.

Immerhin: Auch auf der Abschlussveranstaltung der Euro Finance Week am Freitag kommt ein prominenter Bankenkritiker zu Wort: Der Ökonom Martin Hellwig fordert deutlich mehr Eigenkapital für Banken und kritisiert beschlossene Reformen.

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Mit Ted-Geräten kann auf der Abschlussveranstaltung der Euro Finance Week am Freitag das Publikum immer wieder über verschiedene Fragen abstimmen. Der Testlauf: „Welchen Beruf würden Sie wählen, wenn Sie nicht Banker wären. Pilot, Lokführer, Anderes“? Immerhin mehr als 26 Prozent wollen Piloten sein, die verdienen schließlich auch mehr als Lokführer, die weniger als sieben Prozent Zustimmung bekommen. Bei den ernst gemeinten Fragen gibt es aber tatsächlich einige Überraschungen. Immerhin 46,5 Prozent erklären, der Stresstest der Europäischen Zentralbank sei nicht hart genug gewesen, nur 40 Prozent sehen das anders (der Rest stimmt mit „weiß nicht“). Und knapp 60 Prozent des Publikums glauben, Banken bräuchten mehr Eigenkapital. Wohlgemerkt: Im Publikum sitzen vor allem Banker.

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Die Journalisten folgen dem Geld und der Macht. Dutzende Pressevertreter tummeln sich auf der Euro Finance Week. Sie hängen an den Lippen der Großen der Finanzwelt. Es wird getippt, was das Zeug hält, die Agenturen schicken zahlreiche Berichte raus.

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So viel Gehör erhalten die Alternativbanken, die Kritiker nicht. Am Dienstagabend sitzen zwei Journalisten im Publikum – am Mittwochabend auch. Am nächsten Tag bedankt sich die Pressesprecherin via Email dafür, dass man vorbeigeschaut hat.

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Das meiste Geld legen die Kunden noch immer bei den Großbanken sowie den Sparkassen und Volksbanken an. 0,3 Prozent Marktanteil haben die Alternativbanken. Sie haben sich in der Nische eingerichtet. Jedes Mal, wenn das Finanzsystem röchelt, kommen wieder ein paar Kunden mehr zu ihnen. Josef Schnitzbauer, Teamleiter Privat- und Geschäftskundenbereich der Ökobank GLS kritisiert dieses Kundenverhalten. Die Leute müssten sich mal fragen: „Hab ich denn keine Verantwortung dafür, dass ich denen mein Geld wegnehme, die uns in diese Krise getrieben haben?“

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Der viel beschworene Kulturwandel lässt auf sich warten. „Wenn ich auf Bankenkonferenzen bin, erlebe ich nicht viel davon“, sagt Triodos-Banker Schürmann. „Da erlebe ich eher mehr von früher.“ Zum Thema Kulturwandel wird auf der Euro Finance Week in diesem Jahr auch nicht mehr viel gesagt – die Banker haben dazu bereits so viel erzählt, dass ihnen wohl nichts mehr einfällt.

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