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Bahnhofsviertel in Frankfurt „Hoffentlich scheitert die Aufwertung“

Der Stadtforscher Sebastian Schipper spricht im FR-Interview über den Wunsch nach Sauberkeit, steigende Mieten und Verdrängung im Bahnhofsviertel.

Humangeograph Sebastian Schipper Foto: Christoph Boeckheler

Sebastian Schipper (34) ist Gastprofessor für Sozialgeographie und Stadtforschung am Geographischen Institut der Freien Universität Berlin. In seiner Habilitationsschrift für das Fach Geographie an der Frankfurter Goethe-Universität hat er sich mit der Frage beschäftigt, wie das Wohnen dem Markt entzogen werden kann. cm

Herr Schipper, die SPD will das Bahnhofsviertel sauberer und sicherer machen...
Das reiht sich ein in eine lange Traditionslinie. Es wird ja seit Jahrzehnten versucht, das Viertel aufzuwerten, das Schmuddel-image loszuwerden, um es attraktiv zu machen als Wohnviertel für Mittelschichthaushalte.

Aus dem Kaisersack am Bahnhof soll ein Platz werden, auf dem sich Anwohner und Touristen wohl fühlen. Was halten Sie davon?
Eine Frage ist: Wer gilt denn als Anwohner? Für wen wird geredet und geplant? Häufig gelten bestimmte Gruppen, die das Bahnhofsviertel nutzen – Drogenszene, Alkoholkranke, Arme – nicht als Anwohner. Meist geht es nur um die Bedürfnisse der Mittelstandsfamilien. Ob sich Migranten, Menschen mit niedrigen Einkommen, Roma wohl fühlen, steht nicht zur Debatte.

Viele Geschäftsinhaber haben in den vergangenen Monaten über die Situation im Viertel geklagt.
Natürlich haben diese ein Interesse daran, dass das Bahnhofsviertel „sauberer und sicherer“ wird, um eine Kundschaft anzuziehen, die vielleicht zahlungskräftiger ist. Das geht aber auf Kosten anderer Gruppen, die das Bahnhofsviertel nutzen.

Gerade im Kaisersack, der Taunusstraße und der Niddastraße halten sich viele Menschen auf, die trinken oder von anderen Drogen abhängig sind. Was passiert mit ihnen, wenn diese Straßen aufgewertet werden, wie das die SPD will?
Das ist eben das Dilemma. Wenn das Interesse ist, diese Menschen dort nicht mehr zu haben, sie zu verdrängen, dann ist die Frage: wohin eigentlich? So viele Alternativen gibt es für sie nicht in Frankfurt. Und in anderen Kommunen ist die Politik ähnlich restriktiv. Die einzige Hoffnung, die ich habe, ist, dass auch diese neuen Aufwertungsversuche scheitern, einfach weil gewisse Drogenhilfeeinrichtungen im Viertel präsent sind, die über Eigentum oder langjährige Mietverträge verfügen und nicht ganz so leicht zu verdrängen sind.

Werden Menschen, die aus dem Bahnhofsviertel verdrängt werden, künftig im Gutleut oder Gallus stehen?
Das ist denkbar. Oder sie werden auf immer engerem Raum zusammengedrängt. Das ist ein Problem, das Sozialarbeit und teilweise auch Polizisten schildern. Die Konzentration der Alkohol- und Drogenszene führt dazu, dass die Konflikte weiter zunehmen.

Das Bahnhofsviertel gilt seit Jahren als hip. Die Einwohnerzahl ist gewachsen. Teure Lokale machen auf, selbst an der Niddastraße sind teure Eigentumswohnungen sind entstanden. Wächst durch die Gentrifizierung der Druck auf die noch nicht aufgewerteten Bereiche?
Genau. Das Bahnhofsviertel ist inzwischen eines der Viertel mit den höchsten Angebotsmieten in Frankfurt. Damit wächst auch die Ertragserwartung der Eigentümer an die Bestandsmieten. Sie versuchen Wohnungen nach einer Sanierung deutlich teurer zu vermieten oder in Eigentumswohnungen umzuwandeln.

Wozu führt das? Können sich jetzt schon Bewohner das Viertel nicht mehr leisten?
Inwieweit es dort zu direkten Verdrängungsprozessen kommt, müsste man untersuchen. Die teuren Mieten führen aber dazu, dass der Mietspiegel steigt und der rechtliche Rahmen für Mieterhöhungen im Bestand wächst.

Steigen denn automatisch die Mieten und Preise, wenn die Stadt etwa die Taunusstraße attraktiver gestalten lässt?
Nein, automatisch nicht. Wenn sich etwa die Drogenhilfeinrichtungen halten können, hat das in der Regel einen dämpfenden Effekt auf das Mietniveau drum herum. Besonders problematisch im Bahnhofsviertel ist, welche Wohnungen dort derzeit entstehen. Es ist kein Zufall, dass diese teuer sind. Die Stadt hat über ein 20 Millionen Euro ausgestattetes Programm Wohnungsbau im Bahnhofsviertel gefördert, das aber ohne jegliche Auflage, etwa die Bedingung, dass preisgebundener Wohnraum entsteht.

Wie wäre es denn möglich, das Viertel zu verschönern, ohne dass dies zu Verdrängung führt?
Zum einen über die Eigentümerstruktur: Wo viele Wohnungen Genossenschaften oder kommunalen Gesellschaften gehören, ist die Chance größer, dass die Mieten nicht direkt erhöht werden. Verdrängung verhindern könnte man auch über ein strengeres Mietrecht. Also eine Mietpreisbremse, die funktioniert, durch eine niedrigere Kappungsgrenze für Mieterhöhungen im Bestand oder die Streichung der Möglichkeit, Modernisierungskosten einseitig auf die Mieter umzulegen.

Interview. Christoph Manus

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