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Bahnhofsviertel Frankfurt SPD stört sich an Drogenabhängigen vor Bahnhof

Die Frankfurter SPD möchte den Kaisersack aufhübschen. Doch was sagen Drogenabhängige und Geschäftsleute im Bahnhofsviertel dazu?

Crackpfeife
Die Droge Crack wird mit einer speziellen Pfeife konsumiert. Foto: dpa

Den alten Mann juckt’s. Er greift sich mit beiden Händen in die Jogginghose, vorne und hinten, dehnt den Gummizugbund und kratzt und rüttelt alles, was darunter kaum noch verborgen liegt, zieht die rutschende Hose hoch, kratzt weiter und schwankt über das Pflaster der Frankfurter Kaiserstraße, vorbei an Starbucks-Kaffeeschaum-to-go-Schlürfenden, die peinlich berührt weg- und verstohlen wieder hinschauen. Ein Touristenpaar mit Sonnenbrillen zuckt und weicht dem Taumelnden im großen Bogen aus. Den juckt das nicht. Den juckt’s.

„Was wollense haben?“, raunt es von hinten, als man an einer anderen Ecke ein paar Sekunden zu lange stehenbleibt. Dann wandert das Raunen weiter zwischen den gekrümmten Gestalten hindurch, die grüppchenweise vor den Bahnhofstreppen stehen. Ab und zu drückt einer dem anderen Tabletten in die hohle Hand, zwischen deren Fingern eine erkaltete Zigarette klemmt.

„Frankfurt ist die Pillenstadt“

„Das hier ist schon lange kein Drogenumschlagplatz mehr“, behauptet Andrea K., 44, Tattoos und schwere Ketten auf der roten Haut. „Das hier ist ein Barmer-AOK-Umschlagplatz. Frankfurt ist die Pillenstadt“, sagt die Frau, die deutschlandweit schon „viele Scenes“ gesehen hat und erzählt, dass am Kaisersack die meisten „auf irgendeiner Ersatzdroge“ seien oder „Downer“ nähmen, Schlaf- oder Schmerztabletten. Sie selbst sei zum Arbeiten hier, zur „Fegerflotte“ gehöre sie, sagt Andrea K., die lachen muss, als sie von den SPD-Plänen hört, den Kaisersack aufzuhübschen. „Der Oberbürgermeister hat schon mit mir getanzt im Römerkeller“, ruft sie, „Steffi Jones und dieser Eintracht-Spieler waren auch da“, beim Weihnachtsessen für Wohnungslose.

Wenn die Stadt hier Bänke aufstellen würde, gefiele ihr das, „wahrscheinlich würden wir dann auch da sitzen, wir haben ja sonst keinen Platz“, sagt Andrea K., und dann winkt sie einem Bekannten zu, „Thomas“, sagt sie, „Thomas, sag doch auch mal was.“ Thomas, 50, wasserblaue Augen unterm grauen Haar, fragt, ob es Geld gebe fürs Interview, „50 Euro, hab ich gehört?“, redet aber auch unbezahlt weiter und sagt, dass er nur hier sei, um seinen Bruder zu treffen. „Ich bin bei einem Arzt im Substitionsprogramm.“ Zuvor sei er „polytox“ gewesen, „Heroin, Kokain, Pillen, alles“, seit er 13 war. Vielleicht gebe es zu wenig Grün hier, damit sich die Touristen niederließen, „aber ob die hier saubermachen oder nicht, die Drogenabhängigen sind ja eh da.“

„Das ist richtig geschäftsschädigend“

Uhrenhändler David Szlomowicz, vor dessen Schaufenster Thomas und die anderen lungern, winkt ab, als man ihn auf die SPD-Pläne anspricht. „Das hat die Frau Roth auch alles schon gesagt“, am Ende passiere aber nie etwas. Sein Sohn David Boas meint, ein Alkoholverbot wäre vielleicht ein Anfang, Vater Szlomowicz aber unterbricht, „das hilft ja nur, wenn dann auch immer ein Polizist danebensteht und sagt, Junge, du sollst hier nicht trinken“. Mehrmals am Tag müssten sie rausgehen und die Suchtkranken bitten, Abstand zu halten, „das ist ja sonst nicht sehr appetitlich“.

Abbas Akbari, der die Filiale des Selbstbedienungsbäckers Backwerk leitet, sagt: „Das ist richtig geschäftsschädigend.“ Der 38-Jährige erzählt von Kundschaft, die zum teureren „Bedienbäcker“ wechsele, weil sie sich ekele, wenn Drogenabhängige in die Brötchen-Ausgabe griffen. Auf der Kundentoilette habe er bereits ein Drehkreuz angebracht, 50 Cent kostet die Nutzung, trotzdem müsse er oft Menschen nach draußen verweisen, sagt Akbari. Zweimal sei es sogar passiert, dass jemand auf der Backwerk-Toilette gestorben sei. „Die tun mir ja auch leid“, sagt Akbari, der angibt, den Druckraum in der Taunusstraße gelegentlich mit Backwaren zu beschenken. „Es geht mir nicht nur um meine Geschäfte. Aber es ist schade für Frankfurt, wenn man hier ankommt und am Bahnhof so ein Bild sieht.“

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