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Autoabgase in Frankfurt Stadt sieht Bund und EU am Zug

Der Frankfurter Magistrat kritisiert die Grenzwerte für Stickstoffdioxid. Auch der Autoindustrie müsse mehr auf die Finger geschaut werden.

Selbst am Römer wurden die Grenzwerte überschritten, dabei fahren hier normalerweise keine Autos. Foto: dpa

Tobias Riedl schwante schon vor sieben Monaten so etwas. „Dass wir ein enormes NO2- Problem haben“, sagte der Greenpeace-Verkehrsexperte seinerzeit der FR. Und zwar nicht irgendwo auf den Hauptverkehrsachsen, wo nur Schwerverkehr unterwegs ist. Nein, in der Innenstadt, wo die Menschen sind – wo die Menschen krank werden von Autoabgasen. Wenn dieser Umstand der breiten Öffentlichkeit bisher nicht klar sei, liege das daran, dass dort die Messgeräte fehlten.

Aber dem konnte abgeholfen werden: Im März kamen Tobias Riedl und der Physiker Denis Pöhler von der Uni Heidelberg nach Frankfurt, im Gepäck eine Apparatur neuster Bauart: das Icad NO2, erstes mobiles Messgerät für Stickstoffdioxid. Damit befuhren der Forscher und der Umweltaktivist die Haupt- und Nebenstraßen, blieben stundenweise stehen, maßen stationär und fahrend. Das Ziel: Sie wollten herausfinden, wo die Belastung am größten ist – und ob der Stoff, der Herz, Lunge und Kreislauf angreift, NO2, von Dieselmotoren ausgeblasen, womöglich auch dort im Übermaß lauert, wo wir ihn gar nicht vermuten.

Das Ergebnis gibt Riedl jedenfalls nach Erkenntnissen von Greenpeace recht. In Frankfurt gab es gerade mal eine einzige Messstelle, an der die Werte sich mit Ach und Krach innerhalb der von der Europäischen Union vorgegebenen Grenzen bewegten, in der Stegstraße in Sachsenhausen. Überall sonst, sogar auf dem Römerberg, wo Fußgänger und Radfahrer und Stadtpolitiker und Hochzeitspaare ausschließlich unmotorisiert unterwegs sind, sprengten die Resultate den Rahmen des Verträglichen.

Stickstoffdioxid entsteht, wenn fossile Energieträger brennen: Öl, Kohle, Gas, Holz. Um die Belastung in den Städten zu prüfen, setzten Verwaltungen lange Zeit nur auf Feinstaub-Messstationen. Dieselfahrzeuge stoßen aber große Mengen NO2 aus.

Greenpeace: „Umsteuern!“

„Das Gesundheitsrisiko wird vollständig unterschätzt“, kritisiert Greenpeace in seiner Bewertung der Frankfurter Ergebnisse. Die Schlussfolgerung: „Frankfurt muss in seiner Verkehrspolitik umsteuern“, auch das eine Forderung, die Riedl schon im Frühjahr erhob. Der Wechsel weg vom Auto hin zu Rad- und Fußgängerverkehr sei Gebot der Stunde. Unsere Städte seien aber für Autos gebaut. Die Konsequenz: „Das muss sich ändern. Die Stadt muss eine andere Verkehrspolitik gegenüber der Autolobby durchsetzen“, verlangt Riedl.

Kann die Stadt das? Kaum, sagt die Stadt in Person des Verkehrsdezernenten und seiner Kollegin aus dem Umweltdezernat. „Die Stadt kann das nicht leisten – da sind Bund und EU gefordert“, sagt Verkehrsstadtrat Klaus Oesterling (SPD). Die müssten andere Grenzwerte erlassen und der Autoindustrie besser auf die Finger schauen. „Die EU erlaubt die Produktion von Autos mit zu hohem Schadstoffausstoß“, sagt der Sozialdemokrat, „und die Verantwortung wird nach unten abgewälzt.“ Und wenn man als Stadt einfach eine City-Maut beschlösse? Oder die Innenstadt für Autos sperrte? „Franz Frey hat die Maut ja im OB-Wahlkampf vorgeschlagen – die Resonanz der Wähler war nicht so, dass das jemand wiederholen möchte“, sagt Oesterling. Sperrungen und Tempolimits wiederum verlagerten die Probleme nur in die Nachbarstraßen und belasteten die Geschäfte mit „Kaufkraftabfluss“.

Was die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) nach eigenen Angaben nicht hindert, solcherlei regelmäßig im Magistrat vorzuschlagen – vergebens. „Die Mehrheitsverhältnisse sind nicht danach.“ Die Greenpeace- Messwerte „überraschen mich nicht“, sagt Heilig: „Wir wissen ja, dass immer noch viel zu viele mit ihrem Stehzeug unterwegs sind und sich in den Stau stellen – ich kann das nicht nachvollziehen.“ Solange das anhalte, bleibe der NO2-Ausstoß hoch. Die Stadt sei mit Rad und ÖPNV gut zu erschließen, „in Frankfurt braucht niemand ein Auto“. Sie verstehe aber auch „Bürger, die sagen: Ihr könnt mich mal, geht erst mal an die Vergünstigungen für die Autoindustrie ran“. Das allerdings sei etwas, das nur Bund und EU leisten können. Da sind sich die Frau von der Umwelt und der Mann vom Verkehr wieder einig.

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