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Auszeit-Agentur Ausstieg auf Zeit

Daniela Scholl berät Menschen, die ihr altes Leben für ein paar Monate hinter sich lassen wollen. nicht nur ein Städtetrip für eine Woche, sondern richtig eintauchen, dort arbeiten, wohnen, nach Feierabend durch den Central Park schlendern.

Daniela Scholl hilft Menschen, die für eine begrenzte Zeit ihrem Alltag entfliehen wollen. Foto: peter-juelich.com

Silke H. hatte einen Mädchentraum: Einmal nach New York – nicht nur ein Städtetrip für eine Woche, sondern richtig eintauchen, dort arbeiten, wohnen, nach Feierabend durch den Central Park schlendern. Sie wollte die Stadt ihrer Sehnsüchte in allen Facetten erleben. Stattdessen zog sie zwei Töchter groß und baute ein kleines Unternehmen auf. Sie dachte immer noch ab und zu an New York, doch sie war zufrieden. Erst der Tod ihrer Mutter, die genau wie die Tochter immer nur funktioniert hatte, warf Silke H.s Leben durcheinander. Die 48-Jährige wollte nicht mehr auf passende Zeiten warten, nichts mehr bis zur Rente aufschieben. Sie entschloss sich für eine Auszeit und war die erste Kundin von Daniela Scholl, die sich in Frankfurt gerade mit diesem Thema selbständig gemacht hatte.

Es ging ganz schnell. Daniela Scholl recherchierte in New York, schlug fünf Non-Profit-Organisationen vor, die die unternehmerischen Fähigkeiten von Silke H. gebrauchen konnten, half ihr beim Visum, vermittelte ihr für die ersten zwei Monate eine bezahlbare Unterkunft über eine amerikanische Mitwohn-Zentrale und brachte sie fünf Monate später quasi als Extra-Service für eine gute Kundin zum Flughafen. Eine hohe dreistellige Summe, sagt Daniela Scholl, koste ein solcher Komplett-Service, den sich allerdings die wenigsten Auftraggeber leisten. Vielen sei schon mit einem längeren Telefongespräch geholfen, in dem sie sich Tipps und Entscheidungshilfen holen. Anderen reichen zwei bis drei persönliche Gespräche, in denen die Beraterin Vorstellungen konkretisiert, Ängste relativiert oder überzogene Erwartungen zurechtrückt.

Zum Beispiel die Vorstellung, dass eine Auszeit das Leben danach komplett verändert. „Für Sinnsucher bin ich nicht die richtige Adresse“, sagt sie. Wer einfach mal raus will, weil ihn die langjährige Ehe oder der Chef nerven, wird nach seiner Rückkehr mit den gleichen Problemen kämpfen. „Ich kann helfen, Vorstellungen zu konkretisieren und praktische Hilfe leisten.“ Auf das Gespräch mit Vorgesetzten zum Beispiel, vor dem die meisten zurückschrecken, könne sie die Kandidaten gut vorbereiten.
„Man braucht gute Argumente und Pläne“, sagt sie. Die meisten Personalchefs seien heutzutage sehr offen für solche Wünsche. Manche Unternehmen werben sogar mit dem Angebot für Sabbaticals um Mitarbeiter. Finanzielle Einbußen, sei es bei Rente oder durch freiwillige Krankenversicherung, könne man sich ausrechnen lassen, die Wohnung zwischenvermieten, und wer seine Privatsphäre nicht preisgeben will – „persönliche Sachen kann man doch wegschließen“, sagt sie.

„Glück ist Jetzt“

Das klingt locker. Daniela Scholl kann viele Möglichkeiten aufzählen, kennt Organisationen rund um die Welt, die Freiwillige einstellen. Trotzdem ist ein beträchtliches finanzielles Polster für Flug, Wohnen und Lebenshaltungskosten nötig, eine Auszeit ist nichts für Arme, räumt Daniela Scholl ein. Doch man könne die Kosten niedrig halten, beispielsweise durch „Wwoofing“, wie sich die Mitarbeit auf Öko-Höfen gegen Kost und Logis nennt, die inzwischen nicht mehr nur junge Freiwillige, sondern auch Familien in ihrem Urlaub nutzen. „Es gibt so viele Wege“, sagt Daniela Scholl. Oft trifft sie sich mit Kunden in einem Raum in Bornheim, den Menschen zusammen gemietet haben, um von Musikmachen bis zu Yoga-Kursen Freiräume auszuprobieren. „Es geht uns um mehr Lebensqualität“, sagt sie, „und auch ein bisschen um Konsumkritik“. Der Name des Vereins ist Programm: „Glück ist Jetzt“, das passt auch gut zur Auszeit-Agentur.

„Fast alle glauben, dass es unglaublich schwierig ist, sich solche Freiheiten zu nehmen“, sagt Daniela Scholl, „dabei kann es ganz einfach sein“. Die 43-Jährige hat es selbst ausprobiert, vor sieben Jahren, als das Unbehagen an der Arbeit in einer global agierenden Reisebürokette wuchs. Damals wurde sie müde, Tag für Tag über die billigsten Flugangebote für Geschäftsleute zu verhandeln, viel Zeit in Meetings zu verbringen, um am Abend trotzdem oft nicht zu wissen, warum der Tag so anstrengend war.

Dann kam die Finanzkrise, die Aufträge gingen zurück und die Firma bot Mitarbeitern unbezahlten Urlaub an, um Kosten zu sparen und das Know-how trotzdem zu halten. „Ich habe als einzige in meiner Abteilung zwei Monate genommen“, sagt sie, „das war mein Aha-Erlebnis“. Anders als viele ihrer Kunden nutzte sie die Zeit nicht für exotische Reisen oder sinnstiftende Erlebnisse, sondern um in der Stadt anzukommen, in der sie sieben Jahre oft mit einer 60 Stunden-Arbeitswoche verbracht hatte und von der sie nicht viel mehr als Bahnhof, Flughafen und die Kneipen um die Ecke kannte.

„Ich wollte Frankfurt entdecken, die schönen Cafes, die Badeseen, die Parks“. In Tauber-Bischofsheim aufgewachsen, hatte Daniela Scholl dort eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau absolviert und dann in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert. 2001 war sie aus beruflichen Gründen an den Main gezogen. Mehr als zwei, höchstens drei Wochen Urlaub am Stück waren in ihrem stressigen Job nicht drin.

Aus der Auszeit wurde drei Jahre später ein neuer Beruf. „Ich bekam das Thema nicht mehr aus dem Kopf“, sagt sie. Aus Unzufriedenheit, erinnert sich Daniela Scholl, begann sie viel einzukaufen, Schuhe, Bücher, immer häufiger saß sie abends nach Feierabend am Computer und bestellte im Internet.

Das ist heute nicht mehr drin. Der Schritt in die Selbständigkeit bedeutete auch finanzielle Einbußen. Ganz auf Sicherheit muss sie aber nicht verzichten. Ihr Mann, der als Elektrikermeister arbeitet, unterstützte ihre neue berufliche Ausrichtung, das Paar lebt in einer Eigentumswohnung, in der auch das Büro untergebracht ist. „Zwei Tage, nachdem die Wohnung abbezahlt war, habe ich gekündigt“, sagt die 43-Jährige. Bereut hat Daniela Scholl diesen Schritt bisher noch nicht

Das gilt auch für ihre erste Kundin, mit der sie heute noch freundschaftlichen Kontakt pflegt. Silke H. kehrte wie geplant nach fünf Monaten aus New York zurück und stieg wieder in ihr Unternehmen ein. Ihr Leben hat sich trotzdem verändert. Gerade hat sie ein Kinderbuch geschrieben und mit Crowdfunding finanziert. Silke H. hat viel neue Energie aus ihrer Traumstadt mitgebracht.

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