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Ausstellung in Frankfurt Nachkriegs-Architektur prägt Frankfurt

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt prägende Gebäude des Büros ABB aus den 60er und 70er Jahren in Frankfurt: von den Städtischen Bühnen über das Nordwestzentrum bis zum Interconti-Hotel.

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt
Kuratorin Sunna Gailhofer inmitten ihrer Fotos. Foto: Christoph Boeckheler

Zu Hunderten bedecken die schwarz-weißen Fotografien den Fußboden. Jahrzehnte Frankfurter Architekturgeschichte der Nachkriegszeit breiten sich hier aus. Einige der Bauten sind vergessen, einige längst abgerissen. Doch viele Gebäude prägen noch immer das Stadtbild: die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz, die Deutsche Bundesbank, das Nordwestzentrum, das Hotel Interconti, die Hochhäuser der Dresdner und der Deutschen Bank. Sunna Gailhofer grübelt über der komplexen Aufgabe, bis zum 17. März 500 Fotos aus den 50er bis 70er Jahren in einem sinnvollen inneren Zusammenhang zu ordnen. An diesem Tag eröffnet das Deutsche Architekturmuseum (DAM), Schaumainkai 43 in Frankfurt, die Ausstellung „Bühnen, Banken, Flugzeughallen“.

Es geht um das Werk und das Erbe des Frankfurter Architekturbüros ABB – 1961 von den Architekten Otto Apel und Hannsgeorg Beckert sowie dem Ingenieur Gilbert Becker gegründet. Die Ausstellung passt haargenau in die Gegenwart. Denn die Architektur der 60er Jahre in Frankfurt steht gerade wie keine andere Epoche im Brennpunkt der öffentlichen Diskussion. Am Beispiel der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz, am 14. Dezember 1963 eröffnet, zeigt sich, welche Emotionen dabei im Spiel sind.

Als die Frankfurter Rundschau 2014 erstmals in einer Reportage dokumentiert hatte, wie marode und sanierungsbedürftig die Theaterdoppelanlage ist, gab es kaum Reaktionen in der Kommunalpolitik. Erst 2016 brach die Debatte so richtig los – nachdem die FR darauf verwiesen hatte, dass die Sanierung wohl mehr als 300 Millionen Euro kosten wird. Eine Bürgerinitiative verglich die Bühnen mit dem Palast der Republik im Ost-Berlin der DDR – und forderte ihren Abriss.

Dass es gerade jetzt so „emotionale Reaktionen“ auf die Architektur der 60er Jahre gibt, kommt für Kuratorin Sunna Gailhofer nicht von ungefähr. „Was noch steht aus dieser Zeit, muss dringend saniert werden – man ist also gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt die Architektin.
Sie erinnert daran, dass gerade die Theaterdoppelanlage einmal als architektonisches Zeichen eines demokratischen Aufbruchs nach den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Terrorherrschaft galt. Bei der Eröffnung der Bühnen sprach der damalige Oberbürgermeister Werner Bockelmann (SPD) vom „Werk einer Bürgerschaft, die in diesem Haus zu repräsentieren und sichtbar zu machen wünscht, dass nicht nur Geld und Politik das Leben bestimmen“. Ein entsprechender Filmausschnitt des Hessischen Fernsehens wird im Rahmen der Ausstellung zu sehen sein.

Die Stadt Frankfurt ist gerade in jüngster Zeit mit der Architektur der 60er und frühen 70er Jahre ziemlich rücksichtslos umgegangen. Das 1971 eröffnete Historische Museum am Römerberg, ein herausragendes Zeugnis des architektonischen Stils des Brutalismus: abgerissen. Das 1972 eröffnete Technische Rathaus, seinerzeit vielfach ausgezeichnet als „demokratisches“ Gebäude mit hellen, lichten Büros und breiten Fluren: abgebrochen zugunsten der rekonstruierten Altstadt zwischen Dom und Römer.

Die Ausstellung „Bühnen, Banken, Flugzeughallen“ zeigt einiges, was den Sturm der Zeit überstanden hat. Zum Beispiel das Nordwestzentrum, 1968 als beispielhaftes übergeordnetes Stadtteilzentrum eröffnet. Die Idee des Architekturbüros ABB war damals, viele Funktionen auf engstem Raum zu vereinen und damit den Menschen zu dienen: Vom Bürgerhaus über die Stadtteilbücherei, von den Arztpraxen bis hin zu den Läden, vom Hallenbad bis zur Kindertagesstätte. Der rasche Bau, zum Teil mit minderwertigem Material, ließ das Zentrum allerdings schnell verfallen und erzwang eine umfassende Sanierung.

Als wegweisend galt bei seiner Eröffnung im Jahr 1963 auch das Hotel Intercontinental, Wilhelm-Leuschner-Straße 43. Nach zwei Jahren Bauzeit war damals mit seinen 770 Zimmern das größte Hotel Deutschlands entstanden. Die Architekten statteten es im Inneren mit etlichen zeitgenössischen Kunstwerken aus, etwa Plastiken des berühmten Frankfurter Bildhauers Hans Steinbrenner.

Zwei davon stehen bis heute noch auf den Fluren des Hotels, aber erst das Deutsche Architekturmuseum machte die Direktion auf die Urheberschaft Hans Steinbrenners aufmerksam. Seit kurzem, so berichtet die Kuratorin, gibt es kleine Hinweisschilder an den Kunstwerken. Architektonisch wegweisende Deckenverkleidungen, die das Büro ABB entworfen hatte, fielen einer Sanierung des Hotels zum Opfer.

Nach den Plänen von ABB entstanden von 1967 bis 1972 auch das Hochhaus der Deutschen Bundesbank wie zuvor auch andere Teile der Anlage in Bockenheim. Auch sie werden der Stilrichtung des Brutalismus zugeordnet. Die Bundesbank plant eine umfassende Sanierung des gesamten Gebäudekomplexes, derzeit werden die Pläne ausgearbeitet.

All diese Bauwerke hatte der Fotograf Ulfert Beckert, ein Bruder des Architekten Hannsgeorg Beckert, während der Errichtung oder kurz nach der Fertigstellung mit der Kamera festgehalten. Mehr als 3000 Fotografien sind so in den 60er und frühen 70er Jahren entstanden. Anders als bei der Architektur-Fotografie üblich, zeigen sie oft auch Menschen, die sich die Bauwerke, etwa das Nordwestzentrum, aneignen.

Da steht ein kleiner Junge etwa mitten in der Einkaufspassage und schleckt hingebungsvoll an einem Eis.

Die Kuratorin Sunna Gailhofer, die seit 1995 Ausstellungen im Deutschen Architekturmuseum konzipiert, stieß durch Zufall auf diesen Schatz. 2015 hatte das Museum das Archiv des Büros ABB aufgekauft – dazu gehörten auch die Fotografien.

Der Künstler Eike Laeuen hat in den zurückliegenden Wochen mit seiner Kamera noch einmal einzelne der Gebäudekomplexe durchstreift. Seine Farbaufnahmen bilden einen reizvollen Kontrast zu den schwarz-weißen Dokumenten. Insgesamt etwa 40 Bauwerke versammelt die Ausstellung – ein einmaliger Gang durch die jüngere Architekturgeschichte der Stadt.

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