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Ausstellung Das Schicksal der Kofferkinder

Die Bildungsstätte Anne Frank beschäftigt sich mit der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte. Die Vernissage der Ausstellung findet am 23. September um 19 Uhr statt.

22.09.2015 17:15
Lena Trautmann
Die Künstlerin Olcay Acet in ihrer Ausstellung. Foto: Peter Jülich

Das Thema Migration ist aktueller denn je. Überall wird über Willkommenskultur und Integrationspolitik diskutiert. Dass in der Vergangenheit Menschen nach Deutschland emigrierten, die über Jahre kaum in die Gesellschaft integriert wurden, gerät dabei immer mehr in Vergessenheit.

„Ich habe mich in Deutschland nicht willkommen gefühlt“, sagt Olcay Acet. Die 44-Jährige kam im Alter von neun Jahren aus der Türkei nach Tübingen. Ihre Eltern waren bereits sechs Jahre zuvor als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei verbot ihnen jedoch, ihre Kinder mitzunehmen. Olcay Acet verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit daher bei ihren Großeltern in der Türkei.

Ihre eigene Geschichte und die von 700.000 anderen Türkinnen und Türken, die das Schicksal der sogenannten „Kofferkinder“ teilen, hat die Künstlerin in Form einer Videoinstallation aufgearbeitet. Diese trägt den Namen „Generation einskommafünf“ und ist vom 23. September bis zum 20. Dezember 2015 in der Bildungsstätte Anne Frank zu sehen. Olcay Acet interviewte dazu 18 Personen, die wie sie als Kinder von ihren Eltern in der Türkei zurück gelassen wurden. Entstanden sind etwa 90-minütige Gespräche, die Einblicke in die Erlebnisse der türkischen Migrantinnen und Migranten liefern. Diese sind auf unterschiedlichen Fernsehern zu sehen. Dabei ist vom Flachbildschirm bis zum schwarz-weißen Röhrenfernseher alles dabei. „Die Fernseher stehen als Analogie zu den Personen, die sie zeigen“, sagt Olcay Acet. Besucher bekommen über Kopfhörer, die an allen Geräten angebracht sind, den Sound zum Interview.

„Wir haben die Ausstellung von Olcay Acet in die Bildungsstätte Anne Frank geholt, da wir einen Raum schaffen wollten, indem man sich mit der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte auseinandersetzen kann“, sagt Mitarbeiter Oliver Fassing. Seine Kollegin Eva Berendsen ergänzt: „Die Ausstellung passt mit dem Ansatz der Multiperspektivität sehr gut in unser Konzept.“

Die Idee zur der Ausstellung kam der Künstlerin bei ihrer Weiterbildung zur Regieassistentin in Berlin. Gemeinsam mit einem befreundeten Regisseur hatte sie über die Umsetzung nachgedacht. „Ich wollte mich aber nicht anpassen und nicht einschränken lassen von einem Fernsehformat“, sagt Olcay Acet. Daher entschied sie sich gegen eine Dokumentation und begann mit den ersten Interviews für ihre Videoinstallation. Vor den Interviews führte sie mit allen Personen ausführliche Telefonate, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Anschließend kam sie für das Gespräch zu den Leuten nach Hause.

„Ich bin nun seit 40 Jahren in Deutschland. Doch wenn ich von meiner Biographie spreche, fange ich noch jedes Mal an zu weinen“, sagt eine der Interviewten. Doch es sei wichtig, die eigene Geschichte auch für andere transparent zu machen, nur so könnten Außenstehende das Erlebte nachvollziehen. Deshalb habe sie sich dazu bereit erklärt, bei dem Projekt teilzunehmen.

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