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Auschwitz NS-Überlebende erinnern sich

Zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz sammelt ein Buch Berichte von NS-Überlebenden, die darin ihre qualvollen Erlebnisse schildern. Auch in Frankfurt soll der Vernichtung der europäischen Juden gedacht werden, etwa durch Konzerte oder Mahnwachen.

Trude Simonsohn und Oberbürgermeister Peter Feldmann an der Goethe-Universität. Foto: peter-juelich.com

Diese eine Schlüsselszene, sagt Trude Simonsohn, könne sie nicht vergessen. In ihrer Schulzeit in der Tschechoslowakei, berichtet die 94-jährige Auschwitz-Überlebende, habe eine Mitschülerin für eine Sprechübung im Englischen einen antisemitischen Text aus dem „Stürmer“ übersetzt und vorgetragen. Die Klasse habe artig applaudiert. „Ich saß da wie gelähmt“, sagt Simonsohn. Auch wenn sie später noch schlimmere Dinge habe erleben müssen, habe sich diese erste Begegnung mit offenem Judenhass in ihrer Schule in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Es sind Erinnerungen wie diese, um die es an diesem Dienstagnachmittag geht. Einen Tag vor dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz wird im Casino auf dem Uni-Campus Westend die Neuauflage des zuerst 1994 erschienenen Buches „Berichte gegen Vergessen und Verdrängen“ vorgestellt. Darin hat der Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer Berichte Frankfurter Juden gesammelt, die ihre Schulzeit in Frankfurt erlebt und die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben. Die Mitte der 90er-Jahre meist schon alten Menschen erzählen von Ausgrenzung selbst durch ehemals beste Freunde, von Prügeln auf dem Schulweg, von Hetze durch die Lehrerschaft, „eine überdurchschnittlich nazifizierte Berufsgruppe“, wie Ortmeyer sagt.

Unter aller Augen

Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Goethe-Universität, sagt, die Berichte ließen einen „frösteln und beklommen innehalten“, zumal ja die Stadt Frankfurt „Ort der qualvollen Erlebnisse“ gewesen sei. „Für die jungen Menschen brach wirklich eine Welt zusammen.“ Brühl erinnerte auch an die besondere Verantwortung der Uni für die Aufarbeitung der NS-Geschichte: Ein Drittel der Studierenden und Lehrenden habe ab 1933 die Hochschule verlassen müssen – weil sie Juden waren.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der ebenfalls gekommen ist, sagt, die Erinnerung an den Terror der Nazis lasse einen „verstummen und aufschreien zugleich“. Wie die Schüler in den Klassen seien die Frankfurter Juden insgesamt offen angefeindet und unter den Augen der Bürger deportiert worden. „Das war kein Geheimnis“, sagt Feldmann.

Gerade weil es auch heute Antisemitismus gebe, seien Zeitzeugen wie Simonsohn und Sammlungen wie das Buch von Ortmeyer so wichtig. Die Vergangenheit „ins Konkrete zu heben“, sei der richtige Ansatz, so Feldmann. Ganz am Schluss sagt Trude Simonsohn noch, warum ihr das Gedenken und die Beschäftigung mit der NS-Geschichte wichtig seien. „Was man nicht aufarbeitet, ist man gezwungen zu wiederholen“, sagt die 94-Jährige.

Workshops für Studierende

So wie bei der Buchvorstellung wird am heutigen Mittwoch, dem offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, überall in der Stadt an die Vernichtung der europäischen Juden erinnert. Neben Mahnwachen und Konzerten bekommt das Gedenken gerade an der Goethe-Uni mehr Raum: Der Senat hat auf Anregung des AStA beschlossen, alle Studierenden zwischen 14 und 16 Uhr von ihren Seminaren freizustellen, damit sie an verschiedenen, vom AStA organisierten Workshops teilnehmen können.

Diese Arbeitsgruppen thematisieren etwa die Überlegungen Theodor W. Adornos zu einer „Erziehung nach Auschwitz“ oder die Geschichte des KZ Monowitz, einem Auschwitz-Außenlager, dessen Häftlinge Zwangsarbeit für den IG-Farben-Konzern leisten mussten. Das Chemieunternehmen stellte das Giftgas Zyklon B her. In seinem Hauptsitz residiert heute die Goethe-Uni.

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