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Ausbeutung Keine Operation für Billiglöhner

Ein 37-jähriger bulgarischer Hilfsarbeiter verunglückt während Arbeiten im Industriepark Höchst schwer. Zwei Monate nach dem Arbeitsunfall wartet er immer noch auf Hilfe. Seine Auftraggeber fühlen sich nicht zuständig.

Im Industriepark Höchst verunglückte ein bulgarischer Arbeiter. Foto: Michael Schick

Der Unfall geschah in der Nacht zum 29. Januar im Industriepark Höchst. Eine Gruppe von Arbeitern sollte Ziegel in einen Brennofen laden. Biser Rusev, ein 37-jähriger Bulgare, stieg auf Anweisung eine Leiter zu einer Plattform hoch, von wo aus der Ofen zu befüllen war. Einige Meter über dem Boden rutschte er ab, fiel und verfing sich mit einem Bein in einer Sprosse. Im Uniklinikum stellte man neben anderen Verletzungen einen Harnröhrenabriss fest.

Mittel- und wohnsitzlos

Seitdem trägt Biser Rusev nicht nur einen Katheter, seitdem wartet auch auf eine Operation. Denn der Mann hat keine Krankenversicherung. Wie viele andere seit der EU-Erweiterung im Jahr 2007 ist er aus Bulgarien hergekommen, um nach Arbeit zu suchen. Nun kann er aber nicht mehr arbeiten, ist mittellos und hat keinen festen Wohnsitz.

Eigentlich ist Rusev Hirte. Nachdem seine Schwester mit ihrem Mann und drei Kindern nach Frankfurt gezogen ist, folgte er ihr. Hier arbeitete er seit Oktober 2011 als Billiglöhner in verschiedenen Branchen: im Gartenbau, bei Abrissarbeiten, als Reinigungskraft, als Bauhilfsarbeiter. Im Juli 2012 half Rusev mit, giftige Stoffe zu entsorgen, für sieben Euro die Stunde – mehr als vier Euro unter dem Mindestlohn für ungelernte Bauarbeiter. Beschäftigt wurde er von einem Subunternehmer, der auch ein Internetcafé im Bahnhofsviertel betreibt. Ende Januar beauftragte dieser erneut den Bulgaren für den Ziegelofen.

Der Unfall ereignete sich am ersten Arbeitstag. Der Vorarbeiter fuhr ihn zum Geländeausgang, setzte ihn in ein Taxi, das ihn zum Internetcafé seines Auftraggebers fuhr. Weil dieser nicht da war, schleppte sich Rusev zu der Wohnung in der Münchener Straße 55, wo ihn ein Zimmernachbar darauf hinwies, dass er blutete. Zurück im Internetcafé fuhr ihn sein Auftraggeber in die Notaufnahme. Er habe Rusev geraten, einen Privatunfall anzugeben.

Sozialamt soll für die Kosten aufkommen

Die Ärzte empfahlen eine Operation in vier bis sechs Wochen. Doch die ist bisher am Geld gescheitert: Biser Rusev hat, wie viele andere in seiner Situation auch, ein Gewerbe angemeldet, ohne Krankenkassenbeiträge zu zahlen. Kirsten Huckenbeck von der gewerkschaftlichen Beratungsstelle MigrAr spricht von Scheinselbstständigkeit. Huckenbeck zufolge hätten Sub- oder Generalunternehmer Versicherungsbeiträge zahlen müssen. Doch das ist nicht geschehen; keiner in der Kette von Auftraggebern fühlt sich zuständig.

So muss das Sozialamt für die 15.000 Euro teure OP aufkommen. Der Fall ist kompliziert. Trotz einer Notfallindikation vom Arzt weigert sich das Uniklinikum, den Patienten zu behandeln, da es sich nicht um einen Notfall handle. Es sei juristisch umstritten, ob die OP eine Folgebehandlung sei oder mit der Notbehandlung zusammenhänge, sagt Huckenbeck, die sich für den Bulgaren einsetzt.

„Das Uniklinikum will eine Kostenzusage vom Sozialamt, ohne die operieren sie nicht“, so die Beraterin. Doch das Amt könne erst zusagen, nachdem die Behandlung erfolgt sei. Derzeit stimmten sich Sozial- und Gesundheitsamt ab, ob die Kosten noch vor der OP übernommen werden. Bis dahin muss Rusev warten. Parallel läuft ein Antrag auf Aufnahme in eine Krankenkasse.

Lohn nicht ausgezahlt

Nach dem Unfall verlor Rusev seinen Schlafplatz in der Münchener Straße, nachdem das Wohnungsamt wiederholt eine Überbelegung festgestellt hatte. Eine Zeit lang kam er bei seiner Schwester in der Leipziger Straße unter, wo sie zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebt. Beide Häuser gehören dem Immobilienunternehmer Heinrich Gaumer und sind im vergangenen Jahr wegen der prekären Lebensbedingungen seiner bulgarischen Bewohner aufgefallen. Nachdem es dort zu eng für Rusev geworden war, wurde er obdachlos. Derzeit wohnt er in der städtischen Notunterkunft in der Ostparkstraße, lebt von Spenden und Lebensmittelgutscheinen des Jobcenters.

Der Unfall sei nie in das Arbeitsunfallbuch eingetragen worden, sagt Huckenbeck. Außerdem habe Rusev nie den Lohn für die gearbeiteten Stunden bekommen. Nachdem sich der Bulgare Hilfe gesucht hat, habe ihm der Subunternehmer gedroht, er werde Frankfurt nicht lebend verlassen.

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