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Aus dem Gericht Ein ungewöhnlicher Verbrecher

Die Ein-Mann-Bewegung „Morgenlicht“, die vor einem Dreivierteljahr mit Brandanschlägen gegen wilden "Neo-Liberalismus" vorging, steht vorm Frankfurter Landgericht: reuig. Und beruft sich auf den Widerstandsartikel des Grundgesetzes.

Justitia Foto: dpa

Nein, es ist kein gewöhnlicher Verbrecher, der hier vor dem Frankfurter Landgericht steht. Gewöhnliche Verbrecher handeln meist, um sich einen Vorteil zu schaffen. Das hat Thomas R. nie getan. Gewöhnliche Verbrecher berufen sich auch nicht auf das Grundgesetz, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt werden. Thomas R. schon. Er nennt Artikel 20 Absatz Vier des Grundgesetzes: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

So hat das Thomas R. gesehen. Damals, als der 50-jährige Diplomingenieur ganz allein als „Bewegung Morgenlicht“ ganz Frankfurt in Atem und die Polizei auf Trab hielt. Als er Brandanschläge auf Banken, parkende Autos, eine Zeitarbeitsfirma und einen Drogeriemarkt verübte. Als er dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch eine Rohrbombenattrappe schickte und ihn warnte, sollte er noch einmal gegen Hartz-IV-Empfänger hetzen, werde die nächste Bombe scharf sein. Damals, in der Zeit vom 31. Oktober 2009 bis zum 5. Februar 2010. Vor kurzem also. Und vor einer halben Ewigkeit.

„Ich stehe heute nicht mehr zu diesen Taten“, sagt Thomas R., „ich möchte nicht, dass andere Menschen das nachmachen. Mittlerweile weiß ich, dass es andere Vorgehensweisen gibt.“

Damals wusste er das nicht. Seit fünf Jahren war er da schon arbeitslos, schrieb Bewerbung um Bewerbung – vergebens. Zweimal landete er bei einer Zeitarbeitsfirma – viel mehr als Arbeitslosengeld kam da auch nicht raus, aber immerhin verdienten wenigstens andere an seiner Arbeitskraft. Gegen Ende arbeitete er für anderthalb Euro die Stunde in einem Altenheim der Caritas. Damals hatte Thomas R. nach allen Regeln der Kunst die Schnauze voll.

„Meine persönliche Welt und die öffentliche sind mehr und mehr auseinandergedriftet“, erinnert er sich. „Am Leben in Frankfurt konnte ich nicht mehr teilnehmen“, und bei den meisten anderen Arbeitslosen fand Thomas R. kein Gehör, wenn er über Neo-Liberalismus, die Macht der Banken und ein Finanzwesen, das Menschen fresse, reden wollte. Die hätten seltsamerweise ganz andere Interessen gehabt. „Ich wollte ein Fanal setzen. Ich wollte, dass die Menschen erkennen, wie weit es schon gekommen ist: Wenn Menschen wie ich, die nicht vorbestraft sind, solche Sachen machen.“

Das nötige Rüstzeug für seine Anschläge besorgte er sich aus einem Lehrbuch der US-Armee: „Kriegsführung durch Brandsätze“. Dann ging’s los. Er habe stets im Vorfeld recherchiert, dass in dem Gebäude keine Menschen wohnten, und selbst dann die Brandanschläge nachts an Wochenenden verübt. Menschen, sagte er, habe er nie verletzen wollen. Zweimal jedoch befanden sich auch Wohnungen in den Häusern. Vermutlich ein Fehler, räumt Thomas R. ein, ebenso wie das Abfackeln der Autos: „Da schäme ich mich wirklich dafür, das war eine völlig unsinnige Aktion, für die ich mich entschuldigen möchte.“

Gedanken an die Romantik

Ein „Maximum an Aufmerksamkeit“ habe er erreichen wollen, auch durch seine Bekennerbriefe, die er an Zeitungen, Fernsehsender und Polizei schickte. Er tippte sie in Internet-Cafés, schrieb die Adressen mit verstellter Handschrift. Lediglich die Bombenattrappe für den Ministerpräsidenten habe er zu Hause in seiner Wohnung im Riederwald gebastelt. Dass er Ende Februar im Riederwald eher zufällig festgenommen wurde – eine Streife hatte ihn aufgrund der Aufzeichnung einer Videokamera erkannt – erweist sich jetzt für ihn beinahe als Segen: Ein Maximum an Aufmerksamkeit hat er jetzt, und wohl auch noch während der folgenden zwei Verhandlungstage, an denen er sich wegen – auch menschengefährdender – Brandstiftung verantworten muss.

Auf den Namen „Morgenlicht“ sei er übrigens gekommen, weil er einen Namen wollte „für eine militante Aktion, der ein bisschen positiv klingt und Hoffnung birgt“. Zudem sei „Morgenlicht“ auch der Titel eines Liedes von Ton, Steine, Scherben. Vor allem aber verbinde er mit diesem Wort die Dichter der deutschen Romantik.

Auf solche Ideen wäre ein gewöhnlicher Verbrecher wohl nicht gekommen.

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