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Aufklärung Unterricht über Homosexualität

„Schwul“, „Schwuchtel“, „Homo“ sind alltägliche Beleidigungen auf dem Schulhof. Timo Becker wirkt dem entgegen und klärt Schüler mit einem Kabarettprogramm auf.

Timo Becker
Theaterpädagoge Timo Becker bringt Schüler dazu, sich mit Homosexualität auseinanderzusetzen. Foto: Christoph Boeckheler

Die Hausaufgaben sind schwul. Die Arbeitsblätter, die Stifte, die Sau kurioserweise auch – obwohl die ja eigentlich weiblich ist. „Schwul“ ist jedenfalls ein gängiges Schimpfwort an den Schulen, „Schwuchtel“ und „Homo“ sind alltägliche Beleidigungen auf dem Schulhof. Dabei unterschieden sich Homosexuelle gar nicht von anderen Menschen, sagt Malte Anders auf der Bühne der Schillerschule. Alle gehörten zur selben Spezies. „Es gibt aber Links- und Rechtshänder, Christen und Muslime, Eintracht- und Bayernfans, Homo- und Heterosexuelle – alle sind gleich und doch ein bisschen anders.“

Vor allem in der Schule haben Homosexuelle jedoch mit Ausgrenzung und Mobbing zu kämpfen. Damit sich die Schüler mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen, hat Theaterpädagoge Timo Becker die Kunstfigur Malte Anders geschaffen. Und die macht Aufklärungskabarett für Jugendliche. Ziel ist, dass die Schüler mehr über Homosexualität erfahren und darüber sprechen. So wie am Mittwoch in der Schillerschule. Rund 160 Schüler erhalten von Malte Anders Unterricht in „Homologie“.

Der schwule Malte erzählt Geschichten aus seinem Alltag. Von seinem Coming-out etwa. „Das war schon nicht so leicht, meine Eltern haben sich das auch anders mit meinem Leben vorgestellt“, sagt Anders. Heiraten, Familie, Kinder kriegen. „Normal halt – aber wer bestimmt, was normal ist?“ Schwul und lesbisch, das sei man jedenfalls einfach.

Wieso nicht in Schulbüchern?

Das Schulprogramm dreht sich um die Fächer Erdkunde, Biologie, Mathe, Politik – immer natürlich mit dem Bezug zum Thema Homosexualität. Es gibt Filme, Bilder, Präsentationen. Jeder fünfte Pinguin ist schwul, erfahren die Schüler, in Saudi-Arabien steht auf Homosexualität die Todesstrafe, zehn Prozent der Deutschen sind schwul oder lesbisch: Das sind rund 8,1 Millionen. „Wenn es so viele gibt, wieso kommen es dann nicht in Schulbüchern vor?“, fragt Anders. Etwa Mathe-Textaufgaben, in denen ein Mädchen mit seinen beiden Vätern auf den Bauernhof fährt.

Die Neuntklässler hören zu und tuscheln. Sie kichern über Bilder von kopulierenden Bonobos. Sie raten mit beim Bilderquiz: Ist der gezeigte Promi schwul oder nicht? Und nach 50 Minuten können sie ihre eigenen Fragen stellen. Auf Zetteln. Anonym. „Bist Du wirklich schwul?“, lautet eine der Fragen. Ja, sagt Timo Becker schlicht. Wie er das festgestellt habe, wollen die Schüler wissen. Wann er den ersten Freund hatte, ob die Möglichkeit bestehe, dass er sich in eine Frau verliebe. Erzählte Anders noch fiktive Geschichten, so sitzt nun Timo Becker da und erzählt seine eigene. Davon, dass er schon in der Grundschule in einen Jungen verliebt war. Dass er mit 14 eine Freundin hatte – die er beim ersten Sehen für einen Jungen hielt. Und dass es viele verschiedene Sexualitäten gebe, er aber sich nur in Männer verliebe.

Die Schüler haben eine Reihe von Fragen: Ob er über eine Leihmutter nachgedacht habe, wie man andere Schwule kennenlerne. „Das Programm ist ein Eisbrecher“, sagt eine Lehrerin, die es schon einmal mit Schülern gesehen hat. „Danach wird über das Thema geredet.“ Das ist es, was Becker erreichen will. Das Thema enttabuisieren. „Und die Schüler haben etwas gelernt, auch wenn sie sich nur zwangsweise eineinhalb Stunden damit beschäftigt haben“, sagt Becker. Etwas gelernt über sexuelle Vielfalt. Über Vorurteile, Toleranz, Respekt. „Klar, nicht jeder wird das alles in sein Leben integrieren. Aber ich kann etwas anstoßen.“

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