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Armut in Frankfurt Arm sein, ohne es zu ahnen

Die Demografieforscher Andreas Klocke und Sven Stadtmüller im FR-Gespräch über die subjektive Wahrnehmung von Armut und regionale Unterschiede.

14.12.2011 16:45

Die Demografieforscher Andreas Klocke und Sven Stadtmüller im FR-Gespräch über die subjektive Wahrnehmung von Armut und regionale Unterschiede.

Herr Klocke, ist Frankfurt eine Stadt der sozialen Gegensätze?

Ja, das ist aber auch typisch für große Städte. Frankfurt ist auf der einen Seite eine sehr dynamische Stadt, die gerade auch in den letzten Jahren ein gutes Wirtschaftswachstum vorzuweisen hatte. Davon profitieren viele Menschen, die wegen der Arbeit nach Frankfurt ziehen. Auf der anderen Seite gibt es eine signifikante Bevölkerungsgruppe, die nach offizieller Lesart arm ist (also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, Anm. d. Red.).

In Frankfurt kommen auf 1000 Einwohner 910 Arbeitsplätze. Die Stadt hat damit die größte Arbeitsplatzdichte aller deutschen Großstädte. Werden die Zugezogenen angemessen bezahlt, oder schuften sie für Billiglöhne in prekären Beschäftigungsverhältnissen?

Sowohl als auch. Es gibt hoch qualifizierte Arbeitnehmer, die nicht gut verdienen. In der Medienbranche beispielsweise folgen der tatsächlichen Qualifikation häufig keine adäquaten Entgelte, Stichwort Praktikum. Es gibt aber auch einen Zuwachs an jungen Führungskräften, die sehr gute Jahreseinkünfte erzielen. Wir sehen also auch hier Gegensätze.

Aus dem Sozialbericht geht hervor, dass die Quoten für Armut (2007:18,2 Prozent) und Reichtum (2007: 11,6 Prozent) in der Mainmetropole besonders hoch sind. Etwa ein Fünftel der Frankfurter ist also arm. Woher kommt diese Kluft?

In größeren Städten gibt es immer eine starke Polarisierung der Einkommen. Hier spreizen sich die Einkommen sehr viel stärker als im ländlichen Raum oder in strukturschwachen Regionen. Gerade in konjunkturell guten Zeiten ziehen viele hoch qualifizierte Arbeitnehmer in die Städte, weil hier gute Jobs entstehen. Somit steigt das Durchschnittseinkommen – mit der Folge, dass statistisch mehr Menschen unterhalb des nun gestiegenen Durchschnittswerts liegen. Es ist verrückt, aber die Armut steigt tatsächlich in aller Regel an, wenn die Konjunktur anzieht.

In den letzten Jahren sieht man immer mehr Menschen im Stadtbild, die sich offensichtlich durch Flaschensammeln einen Nebenverdienst erschließen. Ist das ein Zeichen der von Ihnen beschriebenen Spreizung der Einkommensverhältnisse?

Viele Menschen wollen keine Sozialleistungen in Anspruch nehmen, weil sie der Gemeinschaft nicht auf der Tasche liegen wollen. Die Boulevardmedien pflegen das Bild des Sozialschmarotzers. In der Realität kommt es dagegen viel häufiger vor, dass sich Menschen schämen, Sozialleistungen zu beanspruchen. Gerade diese Leute versuchen, aus eigener Anstrengung ihr Gehalt aufzupäppeln, zum Beispiel durch Flaschensammeln. Auch gibt es Menschen, die nach offizieller Berechnung als arm gelten, das aber gar nicht ahnen. Es wird ja niemandem offiziell mitgeteilt, dass er arm ist.

Die Mittelschicht schrumpft. Immer häufiger sind auch Menschen, die einen guten Ausbildungsgrad besitzen, auf solche Nebeneinkünfte angewiesen.

Das stimmt, ist aber schwer mit Zahlen zu unterfüttern. In der Sozialwissenschaft gibt es ein Konzept, die „subjektive Armut“. Das meint Folgendes: Nach offizieller Messung sind bestimmte Menschen nicht als arm einzustufen, sie haben aber einen signifikanten sozialen Abstieg hinter sich – beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, eine Scheidung oder nach dem Tod des Partners. Auch wenn diese Personen noch deutlich über der Armutsgrenze liegen, so können sie sich selbst dennoch als arm empfinden, weil sie nun auf vieles verzichten müssen. Und darunter leiden diese Personen ganz besonders. Diese subjektive Armut ist ein Phänomen moderner Gesellschaften und nimmt zu.

Gibt es hierzu konkrete Zahlen für Frankfurt?

Es gibt leider keine offiziellen Zahlen. Grundsätzlich werden aber die Messinstrumente sensibler für solche Faktoren.

Das Stadtplanungsamt hat festgestellt, dass von 2005 bis 2009 in fast allen Frankfurter Stadtteilen – Ausnahmen sind etwa das Ostend, das Nordend und die Innenstadt – das Durchschnittseinkommen gesunken ist. Das zeigt die mittlerweile massiv stattfindende Verdrängung von Menschen mit niedrigen Einkommen aus dem Innenstadtbereich.

Das ist ein Effekt, den beobachten wir in allen großen Städten. Es finden Verdrängungsprozesse statt. Dazu gehört auch die Lohnentwicklung, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland extrem unterdurchschnittlich verlief. Das bringt Vorteile, weil man so preisgünstig für den Export produzieren kann, birgt aber gleichzeitig die Schwierigkeit, dass die Binnennachfrage nicht so stark ist, wie sie sein könnte.

Wie sieht denn die Einkommensverteilung in Hessen aus?

Das Äquivalenzeinkommen schwankt hessenweit von 1200 bis 1600 Euro. Das ist ein Unterschied von immerhin 25 Prozent. Es gibt besonders strukturschwache Regionen in Nordhessen, Frankfurt aber ist hessenweit in der Spitzengruppe. Für Armutsbetrachtungen sollte man aber immer auch die kleinräumliche Bezugsgröße heranziehen. Sonst wird man der Lebenssituation der Menschen nicht gerecht. Wenn man die Durchschnittseinkommen in Hessen zur Grundlage nimmt, haben wir beispielsweise. in Nordhessen eine Armutsquote von 20 Prozent. Betrachten wir nur die nordhessischen Landkreise, so liegt die Quote bei lediglich 12 Prozent. Je nachdem wie man den Bezug wählt, kommen also unterschiedliche Ergebnisse heraus.

Welche Personen werden in der Zukunft besonders von Armut betroffen sein?

Seit zwei Jahrzehnten sind Kinder besonders häufig von Armut betroffen. Zunehmend beobachten wir aber bei den heutigen Berufstätigen sogenannte unstete Berufswege – dann wird es später schwierig mit den Rentenansprüchen. Deswegen wird in der Zukunft wahrscheinlich die Altersarmut stark ansteigen.

Das Interview führte Milan Jaeger

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