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Architektur in Frankfurt „Die Altstadt ist eine Geschichtsfälschung“

Der Architekt Ernst Ulrich Scheffler glaubt, der Politik in Frankfurt hat es an Mut gefehlt und sieht in der neuen Frankfurter Altstadt eine Geschichtsfälschung.

Architekt Ernst-Ulrich Scheffler. Foto: christoph boeckheler*

Herr Scheffler, die Altstadt-Freunde in Frankfurt fordern, dass die Rekonstruktion alter Fachwerkhäuser noch über den derzeitigen Bereich zwischen Dom und Römer hinausgehen müsse. Woher kommt dieser Furor, sich mit aller Macht der Vergangenheit zuzuwenden?
Bei den jüngsten Römerberg-Gesprächen in Frankfurt hat der Soziologe Heinz Bude von einem Verbitterungsmilieu der Mittelklasse gesprochen. Das trifft es recht gut. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, in der Gesellschaft ihr Mitspracherecht zu verlieren. Sie glauben, dass sie außen vor bleiben. So kommt mir das auch bei den Altstadtfreunden in Frankfurt vor. Solche Gruppierungen gibt es fast in jeder größeren deutschen Stadt. Die neue Altstadt in Frankfurt ist eine große Geschichtsfälschung. Es wird ein Bild der Stadt erzeugt, das so niemals bestanden hat.

Was heißt das am Beispiel der Frankfurter Altstadt?
Nun, es gab zum Beispiel historisch kaum noch Fachwerkhäuser. Sie wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts aus Gründen des Brandschutzes verputzt. Die neue Altstadt zeigt also nur ein Wunschbild, es handelt sich bestenfalls um Erinnerungsarchitektur.

Es scheint mir ein regelrechter Hass auf moderne Architektur zu existieren. Woher kommt der denn?
Es ist bei den Menschen viel Vertrauen in die Architektur verlorengegangen. Gescholten werden dabei die Architekten. Sie stecken aber oft in Zwängen, die von den Bauherren ausgelöst werden. Zum Beispiel müssen sie aus wirtschaftlichen Erwägungen sehr viel Nutzfläche in einem Gebäude unterbringen.

Ich denke, dass kaum eine deutsche Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ihr städtebauliches Erbe so radikal getilgt hat wie Frankfurt am Main.
Das stimmt nicht ganz. In Hannover und Kassel ging man mit dem Abriss noch viel radikaler vor. Aber all diese angeblichen Bausünden beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg waren demokratisch legitimierte Entscheidungen durch die Stadtparlamente. In Frankfurt wollte man für den zu erwartenden Autoverkehr in der modernen Stadt gerüstet sein. So wurden 1949 die Berliner Straße und die Kurt-Schumacher-Straße quer durch die Innenstadt gelegt. Heute müssen wir uns mit den Folgen dieser damals richtigen Entscheidung auseinandersetzen.

Die Grünen scheiterten gerade mit dem Vorstoß, wenigstens zwei Fahrspuren von der Berliner Straße wegzunehmen. 27 Jahre zuvor, in der Koalitionsvereinbarung von 1989, hatten SPD und Grüne schon einmal beschlossen, die Berliner Straße ganz aufzugeben. Aber es geschah nichts. Warum tut man sich so schwer?
Nun, es gibt Widerstand von den anderen Parteien. Der hat meist wirtschaftliche Gründe. Es gibt Einzelhändler, die Angst haben, dass ihr Geschäft zurückgeht, wenn die Autofahrer nicht mehr vor dem Laden halten können.

Aber noch einmal zurück zur Ablehnung moderner Architektur.
Ich denke, dass sich in der Liebe zur Rekonstruktion von Fachwerkhäusern auch ein Stück Zukunftsangst verbirgt. Das positive Gegenbeispiel ist die Stadt Rotterdam, die ich mir intensiv angeschaut habe. Dort gibt es viele neue Formen städtischer Architektur. Ich bin ziemlich fasziniert davon. Die Rotterdamer haben ihre zerstörte Altstadt komplett neu aufgebaut. Dort gibt es keine Rekonstruktionen. Statt dessen Würfelhäuser, die auf der Spitze stehen. Und eine phänomenale Kleinmarkthalle.

Und Frankfurt?
In der Frankfurter Innenstadt existieren nicht viele Beispiele moderner Architektur. Ein Beispiel sind die Hochhaus-Türme, die Jürgen Engel für das Palais-Quartier zwischen Zeil und Große Eschenheimer Straße entworfen hat.

Wie lässt sich ein positiver Impuls setzen für gute zeitgenössische Architektur? Könnte eine Internationale Bauausstellung in Frankfurt und Rhein-Main etwas auslösen?
Die Internationale Bauausstellung hat sich als Impuls ein wenig abgenutzt. In Hamburg war sie nur ein halber Erfolg. Jetzt versucht sich Thüringen an einer IBA. Die hat aber mehr den ländlichen Raum im Focus. Ich hätte nichts dagegen, wenn es in Frankfurt eine solche IBA gäbe.

Warum haben sich die Frankfurter Kommunalpolitiker bei der neuen Altstadt ohne Not von einer kleinen Initiative treiben lassen?
Ich saß damals im Preisgericht für den Altstadt-Wettbewerb. Der moderne Entwurf von Jürgen Engel war der beste und gewann zu Recht. Doch dann begannen die politischen Interventionen. Oberbürgermeisterin Petra Roth wollte keine flachen Dächer in der Altstadt. Also musste Jürgen Engel spitze Dächer entwerfen. Und so landete man am Ende bei einer historisierenden Nachbildung von Altstadthäusern. Der Politik hat es einfach an Mut gefehlt.

Aber Frankfurt steht nicht allein.
In der Tat. Schauen Sie sich Dresden an. Dort hat man die zerstörte Altstadt rund um den Neumarkt komplett rekonstruiert. Es sind Betonskelette mit vorgehängten historisierenden Fassaden. Schrecklich. Man kann keine Toten wiedererwecken. In Berlin hat man den Palast der Republik komplett abgerissen. Man hätte ihn sanieren können. Aber man wollte die baulichen Spuren der DDR auslöschen. Heinz Graffunder, der Architekt, hat damals gesagt, dass ein Arzt sich bemüht, einen Kranken zu heilen. Er schlägt ihn nicht tot.

Jetzt gibt es in Frankfurt die Forderung, die Rekonstruktion der Altstadt noch entlang der Alten Mainzer Gasse fortzusetzen. Dafür sollen städtische Ämter weichen.
Ich bin dagegen, dass Teile der Stadtverwaltung an die Peripherie verlegt werden, um Grundstücke vermarkten zu können. Das Rathaus gehört in die Innenstadt. Das städtische Hochbauamt in der Gerbermühlstraße ist ein Skandal.

Während Frankfurt die neue Altstadt rekonstruiert hat, wurden herausragende architektonische Zeugnisse der 50er bis 70er Jahre abgerissen.
Das ist leider so. Der Abbruch des alten Rundschauhauses am Eschenheimer Turm war eine mutwillige Vernichtung qualitätsvoller Bausubstanz. Das Technische Rathaus von 1972 erhielt damals die Auszeichnung als vorbildlicher Bau in Hessen. Genauso wie das Historische Museum. Doch beide wurden abgebrochen.

Wie denkt man in der Architekturbranche über die rekonstruierte Frankfurter Altstadt?
Man macht sich über sie lustig. Die Altstadt war schon viermal auf der Witzseite der renommierten Fachzeitschrift „Bauwelt“. Ich denke: Wenn man Fachwerk liebt, sollte man Höchst oder Melsungen besuchen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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