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Antisemitismus „Viele Juden fühlen sich bedroht“

Viele Juden stellen sich die Frage, wie lange sie noch sicher in Deutschland leben können, berichtet der Filmemacher Adrian Oeser.

Demonstration gegen Antisemitismus
Viele Juden in Deutschland leben angesichts des zunehmenden Antisemitismus derzeit in Sorge. Foto: imago

Adrian Oeser (30) ist Fernsehjournalist sowie Filmemacher und lebt in Frankfurt. Sein Film „Der Antisemitismus-Report“ wurde vom Hessischen Rundfunk für die ARD produziert und Anfang November ausgestrahlt.  In der ARD-Mediathek kann man den Film noch bis zum 5. November nächsten Jahres ansehen: www.ardmediathek.de. Die Bildungsstätte Anne Frank zeigt den Film am 6. Dezember.  Nach der Vorführung diskutieren Adrian Oeser, die Journalistin Esther Schapira und ein Protagonist aus dem Film. Die Diskussion wird von Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte moderiert. Der Abend beginnt um 18.30 Uhr in der Hansaallee 150, der Eintritt ist frei. 

Herr Oeser, Sie haben den Film „Der Antisemitismus-Report“ über Judenhass in Deutschland gedreht. Wie steht es 2018 um den Antisemitismus?
Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat das in meinem Film gut zusammengefasst. Er hat gesagt, dass die Juden, die 1945 nach Deutschland zurückkamen, immer auf gepackten Koffern gesessen hätten. Heute sei es nicht so, dass Juden wieder die Koffer packten, aber sie schauten wieder verstärkt nach, wo ihre Koffer eigentlich verstaut seien. Es gibt also keine Ausreisewelle, aber viele Juden stellen sich die Frage, wie lange sie noch sicher in diesem Land leben können. Das hängt damit zusammen, dass viele Juden sich bedroht fühlen. Von Rechten, von Linken, von Muslimen, aus der Mitte der Gesellschaft.

Liegt das an einer veränderten Wahrnehmung oder hat Antisemitismus zugenommen?
Einerseits zeigen die Einstellungsforschung und die Kriminalstatistik, dass es keinen Anstieg des Antisemitismus gibt. Auf der anderen Seite sagen 78 Prozent der Juden in Deutschland, dass sie eine starke Zunahme des Antisemitismus wahrnehmen. Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn hat das in meinem Film so zusammengefasst: Die Antisemiten sind nicht mehr geworden, aber sie sind lauter geworden. Viele gesellschaftliche Tabus sind gefallen. Wenn der AfD-Politiker Alexander Gauland sagt, dass man stolz sein könne auf die Wehrmacht, die ja den antisemitischen Vernichtungskrieg geführt hat, hat das eine antisemitische Implikation. Man nennt das sekundären Antisemitismus. Weil man nach 1945 nicht mehr offen Antisemit sein konnte, sucht Judenhass sich neue Ausdrucksformen wie eine solche Verherrlichung der Wehrmacht. Wenn so etwas wieder sagbar wird, fühlen sich alle Antisemiten ermutigt, ihren Hass offen auszudrücken.

Wie erleben Jüdinnen und Juden Antisemitismus im Alltag?
Die alltäglichste Ebene sind versteckte Andeutungen. Ein junges Mädchen hat mir für den Film erzählt, dass sie bei einem Praktikum gefragt wurde, warum Juden keine Steuern zahlen müssten. Ein gängiges Vorurteil. Die nächste Stufe sind offene Anfeindungen auf der Straße, die Menschen erleben, die als Juden erkennbar sind. Die werden etwa als „Scheißjude“ beschimpft. Die Betroffenen berichten, dass so etwas meist von Menschen ausgeht, die sie als Muslime identifizieren. Die krasseste Eskalationsstufe sind körperliche Angriffe. Die gibt es selten, aber Fälle wie der des jungen Syrers, der in Berlin mit seinem Gürtel auf einen Mann mit Kippa eingeschlagen hat, verunsichern viele Menschen sehr.

Stimmt es, dass Juden verstärkt versuchen, ihre Identität zu verbergen?
Ja. Es gibt eine weit verbreitete Vorsicht, sich öffentlich als Jude zu zeigen. Mehr als 70 Prozent der Juden vermeiden es, offen jüdische Symbole wie einen Davidsstern oder eine Kippa zu tragen. Das geht so weit, dass die Kinder des Offenbacher Rabbiners Mendel Gurewitz nicht mehr mit ihm spazieren gehen wollen, weil sie dann angefeindet werden.

In Ihrem Film geht es auch darum, dass Antisemitismus in allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt. Verbindet Judenhass unterschiedliche Gruppen?
Samuel Salzborn sagt in meinem Film, Antisemitismus werde zur Bindeideologie zwischen unterschiedlichen Spektren, von palästinensischen und islamistischen Gruppen, die einen starken Hass auf Israel haben, über antiimperialistische Linke und die BDS-Bewegung, für die Israel ebenfalls Feindbild Nummer eins ist, bis hin zu Rechtsextremen. Man muss dazu sagen, dass Antisemitismus mit Bezug auf Israel heute die primäre Erscheinungsform von Judenhass ist und eine starke soziale Basis hat: 40 Prozent der Deutschen können verstehen, dass deutsche Juden aufgrund der Politik Israels abgewertet werden.

Noch gibt es wenig Präventionsprogramme, die sich dem Antisemitismus widmen. Warum?
Viele Jüdinnen und Juden haben eine ähnliche Wahrnehmung und beklagen, dass sie immer diejenigen sind, die auf Antisemitismus hinweisen müssen. Es gibt einfach eine geringe gesellschaftliche Sensibilität für das Thema. Dass Antisemitismus nur ein Problem für Juden ist, ist allerdings ein Irrglaube. Am Antisemitismus kann man auch ablesen, wie es um eine Gesellschaft und eine Demokratie insgesamt steht. 

Was kann man denn tun gegen Antisemitismus?
Diese Frage ist in der Forschung sehr umstritten. Meine Einschätzung ist, dass man den Versuch nicht aufgeben darf, antisemitischen Weltbildern mit Präventions- und Bildungsarbeit entgegenzuwirken. Es macht ja schon einen Unterschied, ob jemand seine antisemitischen Stereotype reflektieren kann oder ob solche Denkmuster offen geäußert werden. Antisemitische Stereotype müssen wenigstens erkannt und reflektiert werden. Und dann wäre es wichtig, dass nicht sofort auf Abwehr gesetzt wird, wenn eine Aussage oder eine Karikatur öffentlich als antisemitisch kritisiert werden. Es wäre doch viel sinnvoller, Kritik ernst zu nehmen und sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen.

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