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Anti-Atom-Proteste 7000 Kernkraftgegner fordern Ausstieg

Friedlich demonstrieren in Frankfurt Tausende gegen Atomenergie und fordern einen sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft. Mit Mülltonnen und Techno-Beats.

Demonstranten protestieren in Frankfurt gegen Atomkraft. Foto: dapd

Friedlich demonstrieren in Frankfurt Tausende gegen Atomenergie und fordern einen sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft. Mit Mülltonnen und Techno-Beats.

"Ist das geil hier?“, brüllt Mike Sprunkel, und die Masse auf dem Römerberg macht lautstark deutlich, dass es sich dabei eher um eine rhetorische Frage handelt. Sprunkel, von Beruf Musiker mit eigener Band, war in den vergangenen vier Jahrzehnten bei so ziemlich allen Protesten dabei: Startbahn-West, Mutlangen, Brokdorf… Mit der Zeit hat er so manche Illusionen verloren, und irgendwann hat er das Lied „Rebell“ geschrieben, das von einem Menschen handelt, der seine Ideale aufgibt („glücklich warst du nur, wenn der Spießer weint… heute morgen sah ich ein Plakat der CDU, du kandidierst zur Bürgermeisterwahl“). Doch am Samstag am Römer, wo er das Stück vorträgt, ist Sprunkel wieder ein richtig glücklicher Mann.

7000 Menschen sind zur Demonstration gegen Atomkraft gekommen. Sagt die Polizei. Die Veranstalter, ein breites Bündnis aus Umwelt- und Naturschutzgruppen, sprechen sogar von 10.000 Teilnehmern. Wie auch immer: Der Platz vor dem Rathaus ist auf jeden Fall voll. Auch auf dem Paulsplatz stehen die Menschen. Letztmals war 2005 hier so viel los – als die Eintracht am Römer ihren Aufstieg feierte.

Zwei Tage zuvor gibt es in einem der zahlreichen Billigläden auf der Berger Straße tatsächlich noch Atomkraft-Nein-Danke-Anstecker. Das ist die gute Nachricht für Demonstranten, die gewisse modische Mindeststandards erfüllen wollen. Das Problem dabei: Die Buttons sind funkelnagelneu und sehen auch so aus.

Keine neuen Heldengeschichten

Heldengeschichten („der Anstecker wurde mir in Wackersdorf von einem Wasserwerfer von der Brust geschossen“) erübrigen sich damit. Solche Geschichten gibt es am Samstag einige zu hören. Denn auf der Demonstrationsroute, die vom Hauptbahnhof über Taunusanlage und Goetheplatz zum Römerberg führt, sind viele Veteranen unterwegs. Die meisten tragen tatsächlich noch die alten Anstecker. Andere wählen zusätzlich neue Protestformen. Ein Mann schleppt eine blaue Mülltüte mit. Aktionäre des Energieriesens RWE sollen dort ihre Wertpapiere entsorgen.

Doch anders als etwa beim Ostermarsch oder bei der Demonstration zum Tag der Arbeit sind auch viele junge Leute unterwegs. Und die sorgen für einen beachtlichen Lärmpegel. Das Anti-Atom- Jugendbündnis ist mit einem Wagen gekommen, von dem Techno-Beats wummern. Mit Spraydosen sprühen die Jugendlichen Parolen wie „Atomkraft muss sterben!“ auf die Straße. Ein paar Meter weiter brüllt ein Mann die Namen der elf Kernkraftwerke in Deutschland. Nach jedem Meiler, den er nennt, skandieren die Leute um ihn herum: „In die Tonne.“ Dabei schlagen sie auf einen Abfallbehälter ein.

"Hier, jetzt, weltweit, für immer"

Vor allem aber ist ein Wort immer wieder zu hören. „Abschalten, abschalten“, schallt es durch die Frankfurter Innenstadt. Den ganzen Nachmittag über.

Reden gibt es auch zu hören. Stefan Körzell, Landesvorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, bezeichnet die schwarz-gelbe Bundesregierung als „Restrisiko“. Biblis A und B dürften nie wieder ans Netz, fordert er: „Die Brücke der Atomkraft ist in Fukushima endgültig zusammengebrochen.“

Eine „Entmachtung der Energiekonzerne“ fordert der Umweltaktivist Michael Wilk. Er ist der radikalste aller Redner. „Wir werden uns vor laufende Atomkraftwerke setzen“, ruft er. Sollte das AKW Brokdorf an Pfingsten wieder ans Netz gehen, werde es dort die erste Blockade geben.

Werner Neumann vom BUND kritisiert die Notfallpläne für einen Störfall in Biblis. „Wir müssen die Energiewende selbst organisieren“, sagt er, der Bundesregierung könne man nicht vertrauen. Schließlich ruft Neumann: „Abschalten, hier und jetzt und weltweit und für immer.“

Da jubelt die Menge, und ein paar Demonstranten rollen ein Transparent aus. Darauf steht: „Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima – was wollt ihr noch?“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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