Lade Inhalte...

Amtsgericht Frankfurt Fluchgefahr

Eine 56 Jahre alte Hexe erleichtert eine Immobilienkauffrau und eine Zahnärztin um 30.000 Euro. Sie soll vorgetäuscht haben, den Frauen mit übersinnlichen Fähigkeiten über ihren Liebeskummer hinwegzuhelfen. Die Hexe sieht sich jedoch als Opfer eines Racheplans.

Angeklagt wegen gewerbsmäßigen Betrugs: Eine 56-Jährige muss sich wegen Hokuspokus vor dem Amtsgericht verantworten. Foto: image

Die Hexe ist so weit ganz knusper. Name: Selma C., Alter: 56, Staatsangehörigkeit: „Witwe“, Berufsausbildung: „Ich hab‘ in der Küche ausgeholfen“, derzeitiger Status: „nicht mehr richtig bei Sinnen“.

Verbuddelte Knochen

Die Hexe hat laut Staatsanwaltschaft das getan, was Hexen eben so tun: verzweifelten Menschen das Geld aus der Tasche hexen. Beim Hokuspokus hat sie sich immerhin Mühe gegeben: Zeuginnen berichten von Knochen, die nachts auf Frankfurter Friedhöfen in Gräbern verbuddelt wurden, von Gebetszetteln, die entweder an herkömmliche Schafe verfüttert oder – in Wasser aufgelöst – dem Liebsten in spe als Drink serviert wurden. Vor dem Amtsgericht macht die Hexe auf bekloppt, was ihr gutes Recht ist, denn schließlich ist sie wegen gewerbsmäßigen Betrugs angeklagt.

Außergewöhnlich an diesem Fall sind die Opfer. Rekrutieren Hexen ihre Klientel in der Regel gerne aus bildungsfernen Schichten, hat es diesmal eine Zahnärztin und eine Immobilienkauffrau erwischt. Laut Anklage soll die Hexe die beiden um mindestens 30.000 Euro erleichtert haben. Zudem wirft die Staatsanwaltschaft ihr Sozialhilfebetrug vor: Um 4500 Euro soll sie die Stadt Frankfurt geprellt haben, weil sie ihren Lohn als „Wahrsagerin und Wunderheilerin“ nicht ordnungsgemäß angegeben habe.

„Ich habe mich bei dieser Sache nicht mit Ruhm bekleckert“, stellt die 34 Jahre alte Immobilienkauffrau im Zeugenstand selbstkritisch fest. „Aber ich war fix und fertig und habe nach jedem Strohhalm gegriffen.“ Die Trennung von ihrer „großen Liebe“ und Probleme im Job hätten sie damals in die Depression getrieben, sie habe kaum noch 40 Kilo gewogen und sei nicht mehr Herrin ihrer Sinne gewesen. „Ich war am Boden, und diese Frau hat mich noch weiter reingestampft.“

Verfluchter Ex-Freund

Die Hexe habe ihr eingeredet, es laste ein Fluch auf ihr und ihrem Ex-Freund. Dann habe sie „Verhaltensweisen beschrieben, die sämtlich auf meinen Ex-Freund zutrafen“. Das ließ ihr Vertrauen in deren Hexenkünste wachsen, ebenso die Tatsache, dass der Ex – wenn auch nur kurzfristig – zu ihr zurückkam. Die Kosten für den Spaß: 10.000 Euro. Quasi ein Freundschaftspreis: Die Zahnärztin musste doppelt so tief in die Tasche greifen und der Hexe zudem noch die Zähne richten.

Der wirren Erzählung der Hexe kann vermutlich nur folgen, wer selbst ein bisschen Abrakadabra im Kopf ist. Fakt ist: Sie leugnet alles. Lediglich aus Spaß an der Freud’ habe sie den beiden Damen mal aus ihrem Kaffeesatz vorgelesen, selbstverständlich für lau. Hinter den Anschuldigungen der beiden vermutet sie einen Racheplan, aus welchen Gründen auch immer. Als Wahrsagerin, Wunderheilerin oder sonst was habe sie sich nie betätigt. Die Immobilienkauffrau sagt etwas anderes. „Ich war sehr oft bei ihr. Da saßen immer viele Frauen mit verzweifelten Gesichtern. Da brauchte man kein Studium, um zu erkennen, dass die unglücklich sind.“

Ein Studium hat die Hexe auch nicht vorzuweisen. Noch nicht mal eine Ausbildung in Teufels Küche. Der Prozess wird fortgesetzt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum