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Altstadt in Frankfurt Frankfurts Altstadt ist umstritten

Die Menschen erobern die neue Frankfurter Altstadt. Ihre Urteile schwanken zwischen „Legoland“ und „wunderbar“.

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Oft fotografiert: Friedrich Stoltze, den viele für Marx halten. Foto: Boeckheler

Nach dem Regen dampft am Donnerstag das warme Pflaster. Die Schieferschindeln der Dächer glänzen. Die Bewegung des Tages: Der rechte Arm mit dem Smartphone, wahlweise der kleinen Kamera, geht nach oben. Bilder, Bilder, Bilder. Die Menschen erobern die neue Altstadt. Erst zögerlich, in kleinen Gruppen, dann immer ungezügelter strömend, sich gegenseitig fotografierend, filmend, nach hinten taumelnd, stolpernd.

„Das Denkmal von Marx“ auf dem Hühnermarkt ist für viele eine Attraktion – obwohl es tatsächlich den Frankfurter Freiheitskämpfer und Mundartdichter Friedrich Stoltze zeigt. Der erste Jogger kämpft sich durch das Getümmel. Die erste Bettlerin hockt am Krönungsweg, der vom Römerberg zum Dom führt. Das Urteil über das Quartier schwankt. „Das haben sie wunderbar hingekriegt, für das, dass das neu ist“, sagt Rita Großmann. Die gebürtige Frankfurterin, Jahrgang 1945, ist eigentlich auf dem Weg „zu einer Vatertagsfeier“. Jetzt wird sie all ihren Freunden von der neuen Altstadt erzählen. „Besonders gut hat mir der Schiefer gefallen“, sagt die Rentnerin noch zum Abschied.

Anastasia Kühn hat dagegen „schon immer gesagt, dass das Legoland ist“. Jetzt fühlt sich die Sekretärin bestätigt. „Das ist eine Altstadt für Touristen und Investoren.“ Aus Sicht der 57-Jährigen „wirkt das alles total steril“. Am meisten aber regt sie sich über die Preise im Umfeld auf. „Im Café Einstein kostet ein Stück Kuchen 4,50 Euro – welcher normale Frankfurter kann sich denn das leisten?“

Ingrid und Uwe Stransky sind aus Offenbach gekommen, um das neue Viertel zu sehen. „Ich bin gespalten“, sagt Ingrid Stransky, „einerseits hat es etwas Disneylandhaftes, aber es hat sich natürlich gegenüber früher zu seinem Vorteil verändert.“ Ihr Ehemann findet, was er sieht, „grundsätzlich schön“. Er sei von Anfang an für die neue Altstadt gewesen, sagt er: „Das schafft Identität.“

Zu klotzig?

Ingrid Füll jedoch blickt kritisch auf die Gebäude in der Häuserzeile Hinter dem Lämmchen. „Es sind so klotzige Bauten“, urteilt sie: „Es ist zu gewollt und nicht gelungen.“ Die Eigentumswohnungen habe sich nur jemand kaufen können, „der viel Geld hat“. Und die Läden seien vor allem „für die Touristen gedacht“. Ihr Sohn mutmaßt: „Es wird relativ laut sein.“ Nein, hier wohnen würde er nicht: „Es wäre mir zu laut.“

Volker Hartmann, der Vorsitzende der Oberräder Initiative „Bürger für Wohnen ohne Fluglärm und Absturzbedrohung“, hat noch erlebt, „wie die ganze Fläche hier ein Autoparkplatz war“. Im Vergleich dazu schneide die Altstadt natürlich besser ab: „Ich mag ja so was Altes, aber man sieht schon, dass es neu ist.“ Hartmann sagt voraus: „Es wird ein Touristenevent werden“ und fügt gleich hinzu: „Ich wäre genervt von den vielen Touristen.“

Die kleinen Durchgänge und die Hinterhöfe haben es vielen Menschen angetan. Etlichen gefällt auch das „Haus am Rebstock“ mit seinen großen hölzernen Balustraden, obwohl zwei Besuchern gleich auffällt: „Da sind ja schon Risse drin!“ Doch die Steinmetze und Schmiede, auch die Zimmerleute bekommen viel Lob. „Es ist toll, wie hier handwerklich gearbeitet wurde“, sagt David Hartmann. Der 26-Jährige ist aus Eschborn gekommen.

Besonderen Eindruck macht das Haus von Goethes Tante Melber am Hühnermarkt: „Der Goethe hat schon toll gewohnt“, sagt eine Frau.

Eine andere fordert: „Hier muss ein Wochenmarkt hin für Obst und Gemüse – das wär wenigstens was für die Bevölkerung!“ Ein junger Mann findet den Hühnermarkt „wie geschaffen, um hier Party zu feiern und für Open-Air-Konzerte“.

Nicht wenige führen persönliche Beweggründe in die Altstadt: „Mein Großvater hatte hier eine Metzgerei“, erzählt Ursula Rixius. Auch sie ist eine gebürtige Frankfurterin und kann den Unterschied ermessen zu dem, was früher war: „Es ist viel schöner als das Technische Rathaus.“ Vor allem gefällt ihr, dass es „keinen Döner und keine Handyläden gibt“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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