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Altstadt „Frankfurt muss mehr auf die Fassaden achten“

Ein Rundgang mit dem Architekten Christoph Mäckler, Vorsitzender des Gestaltungsbeirates, durch die neue Frankfurter Altstadt.

Christoph Mäckler
Christoph Mäckler auf dem Hühnermarkt vor seinem Lieblingsgebäude in der Altstadt, dem „Neuen Paradies“ mit seiner dunklen Schieferfassade. Foto: Renate Hoyer

Er eilt mit Riesenschritten, den langen Oberkörper leicht gebeugt, über den Hühnermarkt. Nein, seinen gefürchteten Notizblock hat Christoph Mäckler heute nicht gezückt. Aber der Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst ist durchaus in der Stimmung, Tacheles zu reden.
Der 67-jährige Architekt hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Namen gemacht durch seine ungezähmte Kritik an Architektursünden und städtebaulichen Fehlgriffen. Er ging mit dem Block in der Hand durch deutsche Innenstädte und schonte dabei Kollegen manchmal nicht – das kam nicht gut an in der Branche. Heute treffen wir uns, weil der gebürtige Frankfurter seit neun Jahren eine ganz besondere Funktion wahrnimmt: Er ist Vorsitzender des Gestaltungsbeirates für die neue Frankfurter Altstadt. 

Wir stehen auf dem Hühnermarkt, dem Geviert, das sich bereits zum Zentrum des fast vollendeten Quartiers gemausert hat. „Natürlich hätte es mich gereizt, auch hier zu bauen“, brummt Mäckler. Aber als die Stadt ihn stattdessen bat, den Gestaltungsbeirat zu führen, sagte er ohne Zögern zu. Schließlich habe jemand den Politikern, die ja „Laien“ seien, auf die Finger schauen müssen. Mäckler lacht dieses kurze, fast grimmige Lachen, das ihn charakterisiert. Und mäßigt zugleich seine Stentorstimme, weil erste Touristen schon ganz verschreckt schauen. 

Der öffentliche Raum: Ihm gilt Mäcklers besonderes Augenmerk, „weil es die Flächen und die Plätze sind, auf denen die Menschen sich bewegen“. Den Hühnermarkt hält er für durchaus gelungen: „Er besitzt gute Proportionen“, nicht zu weit, nicht zu eng. Leider werde an den Universitäten, in den Architekturfachbereichen, „der öffentliche Raum zu wenig gelehrt“. 
Der Gestaltungsbeirat sollte auf die städtebauliche und architektonische Qualität der Altstadt achten. Auf gute Materialien, auf gute Fassaden. „Auch die Fassaden kommen an der Universität zu kurz.“ Und in der Stadt Frankfurt entstehe leider manches moderne Gebäude ohne Qualität. „Die Kommune muss mehr auf die Fassaden achten“, sagt der Architekt streng. 

Mäckler führt mich zu seinem Favoriten, zu dem Haus im Quartier, das er für besonders bemerkenswert hält. Es ist ein Eckgebäude des Hühnermarkts mit dem schönen Namen „Neues Paradies“, konzipiert von den Architekten Johannes Götz und Guido Lohmann. Schwarzer Schiefer bedeckt die Fassade auf einem Sockel aus rötlichem Main-Sandstein. Elegant und klassisch wirkt das Haus, ganz in Mäcklers Sinn. „Und schauen Sie nur die hohen Fenster, das ist sehr gelungen.“ 

Wir gehen auf dem Krönungsweg Richtung Römer. Das letzte Haus der Altstadt bevor dann der Kunstverein kommt, hat es dem Fachmann angetan. „Zu den drei Römern“, entworfen vom Berliner Büro Jordi&Keller. Die Fassade aus rotem Sandstein, klar gegliedert, wieder mit hohen Fenstern. „Das ist eines der schönsten Häuser“, flüstert Mäckler nun geradezu, „von jungen Architekten, modern und dennoch der Tradition verbunden.“ Wobei der Schweizer Architekt Marc Jordi immerhin auch schon 50 Jahre zählt und seine Partnerin Susanne Keller sogar 55 Jahre. Aber egal: Mäckler lobt die Eckfenster des Hauses als „rematerialisierte Moderne“. 

Und weist dann grimmig auf die Fassade des angrenzenden modernen Anbaus des Frankfurter Kunstvereins aus dem Jahre 1962: „hat keine Struktur und überhaupt keine Fassadengliederung“. Der Architekt wendet sich mit Grausen ab. Wir tauchen ein in die Gasse Hinter dem Lämmchen. Hier lobt Mäckler besonders das Haus Nummer 6, entworfen vom Frankfurter Architekten D. W. Dreysse. „Es hat wunderschöne Fenster.“ Der Stadtplaner geißelt den fatalen Hang der modernen Architektur zu „spektakulären Inszenierungen“, die von ihrer Umgebung völlig losgelöst seien, und nennt als Beispiel die neue Bebauung auf dem alten Rundschau-Gelände am Eschenheimer Turm, die schon seit Monaten in der Kritik steht. „Zum Glück nimmt dieser Trend langsam ab.“ 

Mäckler schaut mit zweifelndem Blick auf seinen Begleiter. Wie kann er seine Botschaft am besten vermitteln? Drei Themen hält er für besonders wichtig. Erstens: die funktionale Mischung eines Quartiers. Wohnen und Arbeiten sollten zusammengehören. Diese Voraussetzung erfüllt die neue Altstadt mit ihren 80 Wohnungen, den Läden, Restaurants und Cafés. Dann die soziale Mischung: Ein Quartier dürfe nicht allein einer Bevölkerungsgruppe vorbehalten sein. Diese Bedingung erfüllt die Altstadt gewiss nicht – hier gibt es nur teure Eigentumswohnungen. Der Architekt wettert gegen die immer neuen teuren Wohnhochhäuser in Frankfurt: „Die Luxustürme spalten die Gesellschaft.“ 

Als warnendes Beispiel nennt Mäckler das Europaviertel an der Messe. „Hier gibt es keine soziale Mischung und keine funktionale.“ Und dann kehrt er zum öffentlichen Raum zurück, in dem sich ja alle Menschen bewegten. „Es sind die Sozialräume unserer Gesellschaft, hier ist Qualität besonders wichtig.“ Mäckler schmunzelt: Das hat gesessen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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