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Alt-Sachsenhausen Frankfurter Polizisten im Partyviertel

Platzverweise und Randale: Unser Autor hat eine Nacht mit Polizisten und ihrer Body Cam im Frankfurter Partyviertel Alt-Sachsenhausen verbracht.

Video-Dokumentation
Die Polizisten ziehen durchs Amüsierviertel. Foto: Rolf Oeser

Wenn es Nacht wird in Alt-Sachsenhausen, laufen die merkwürdigsten Menschen durchs Viertel. Manche tragen Baustellen-Absperrungen auf dem Kopf und lieben es zu diskutieren. Andere wollen unbedingt einen Alkoholtest machen und dürfen nicht. Wieder andere treten Mülleimer um. Einfach so. Und inmitten dieser Menschen steht Frau Hofmann, Polizeikommissarin im 8. Revier, und Trägerin der sogenannten Body Cam.

Hofmann, die ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil man sich als Polizeibeamtin in Sachsenhausen eben nicht nur Freunde macht, gehört zu einer vierköpfigen Streife, die am späten Samstagabend durchs Frankfurter Amüsierviertel läuft. Anders als ihre Kollegen trägt sie zwei Westen. Eine zum Schutz und eine mit der Aufschrift „Video-Dokumentation“ auf dem Rücken. Auf der Schulter trägt sie eine wenige Zentimeter große Kamera. Vor allem bei Personenkontrollen schaltet Hofmann das Gerät ein. Der Polizei geht es darum, Material für spätere Gerichtsverfahren zu sammeln und potenzielle Angreifer mit der Schulterkamera abzuschrecken.

Body Cam bleibt zunächst ausgeschaltet

Der Abend in Alt-Sachsenhausen beginnt ruhig. Zwar ist es um 22 Uhr schon recht voll im Viertel, auch sind die Teilnehmer der etwa 457 Junggesellenabschiede, die durch die Straßen ziehen, schon hackestramm, aber um Straftaten müssen sich die Polizisten um diese Zeit noch nicht kümmern.

Hofmann läuft mit Einsatzleiter Falk Heinrich und zwei weiteren Beamten durch das Viertel oder steht am Streifenwagen an der Kreuzung zwischen Kleiner Rittergasse und Klappergasse. Um diese Zeit sind die Polizisten vor allem für Auskünfte aller Art zuständig. Zwei Schwaben wollen wissen, wo es eine Großraumdisco gibt und werden auf Läden in der Innenstadt und an der Hanauer Landstraße verwiesen. Ein junger Mann fragt: „Könnt ihr mir sagen, wo der Taxistand ist?“ Auch er bekommt eine Antwort – und gratis dazu die Belehrung, dass man Polizisten nicht ungefragt duzen sollte. Die Body Cam bleibt ausgeschaltet.

Im Jahr 2013 bekamen die Sachsenhäuser Polizisten die ersten Schulterkameras, die in Hessen eingesetzt wurden. Damals war der Einsatz der Videotechnik bei Kontrollen noch ein Pilotprojekt. 2015 wurde die Body Cam unter der schwarz-grünen Landesregierung regulär eingeführt. Seitdem wird die Zahl der Kameras stetig erhöht – auf hessenweit 400, wie der Landtag vor einigen Monaten beschlossen hat.

„Das Gerät hilft uns im Alltag durchaus“, sagt Hofmann. Dabei gehe es nicht immer um spektakuläre Einsätze, die es anderntags in den Polizeibericht der Frankfurter Tageszeitungen schaffen. Sinnvoll sei es etwa, Platzverweise zu dokumentieren, die die Polizei in Alt-Sachsenhausen vergleichsweise häufig ausspricht. Die Beamten können gerichtsfest dokumentieren, wann und weswegen der Platzverweis ausgesprochen wurde. Das könnte wichtig werden, sollten die Betroffenen die Maßgabe ignorieren und deshalb in Gewahrsam genommen werden. Sofern sie später juristisch dagegen vorgehen wollen, können die Polizisten den Ablauf ihres Einsatzes belegen.

Es geht auf Mitternacht zu in Alt-Sachsenhausen, und immer noch sind die Beamten entspannt. Einmal laufen sie in Richtung Mainufer, weil es heißt, Jugendliche träten dort Mülleimer um. Doch von den Tätern fehlt jede Spur. Ansonsten heißt es: Präsenz zeigen – und Leute abwimmeln, die glauben, sie könnten zum Spaß einen Alkoholtest machen. Jeder Einsatz des Geräts kostet Geld, und außerdem stehen die Beamte nicht zur Volksbelustigung inmitten des Viertels, das sich immer weiter füllt. Mit immer mehr Menschen, die viel zu viel getrunken haben, aber partout nicht damit aufhören wollen.

Die Body Cam bleibt also zunächst ausgeschaltet. Aber sie wird zum Einsatz kommen, da sind sich die Polizisten sicher. Womöglich um sogenannte Solidarisierungseffekte zu unterbinden, von denen die Polizei regelmäßig berichtet. Einmal zum Beispiel kontrollierten die Beamten einen mutmaßlichen Hooligan, der mit neun Freunden unterwegs war. Der Mann habe versucht, sich der Kontrolle zu entziehen, es ging hoch her. Nur zwei Polizisten standen zehn nicht gerade zierlich wirkenden Männern gegenüber. Doch die Freunde des Verdächtigen griffen nicht ein. Mit Sicherheit, weil die Kamera lief, so die Polizei.

In Alt-Sachsenhausen ist jetzt der maximale Party-Level erreicht. Und dazu gehört, ein rot-weiß-gestreiftes Hütchen, das an Baustellen als Absperrung eingesetzt wird, auf dem Kopf zu tragen. Findet zumindest ein Mitglied einer Gruppe von augenscheinlich betrunkenen jungen Männern. Die Polizisten können über das Erscheinungsbild weniger lachen. Sie vermuten, dass die Absperrung von irgendeiner Baustelle geklaut wurde. Die Kontrolle der jungen Leute beginnt – und damit Diskussionen ohne Ende. Jede Ansage der Polizisten wird nochmal und nochmal kommentiert. „Haben Sie nichts Besseres zu tun“, fragt einer der Jugendlichen die Beamten. Einsatzleiter Falk Heinrich scheint eine solche Frage nicht zum ersten Mal zu hören – und er scheint wenig Lust auf eine allzu ausführliche Antwort zu haben: „Jetzt sind wir hier, und jetzt kümmern wir uns um diesen Sachverhalt und haben gerade nichts Besseres zu tun“, erklärt er dem jungen Mann.

Schließlich scheint alles geklärt, die Baustellenabsperrung wird abgelegt, doch dann fangen die Jugendlichen auch noch an, sich gegenseitig zu schubsen. Den Polizisten reicht es, sie greifen den Wortführer heraus und durchsuchen ihn. Kommissarin Hofmann erklärt dem Mann, dass die Kamera läuft, und drückt auf den Knopf an der Weste. Verbotene Gegenstände hat er nicht dabei. Die Polizisten belassen es bei einer Ermahnung. Sollten die Jugendlichen nochmal auffallen, bekämen sie einen Platzverweis. Doch so weit kommt es nicht. Folglich werden die Aufnahmen von der Kontrolle nach sechs Monaten gelöscht. So sieht es der Datenschutz vor.

Im Jahr 2017 gab es 26 Aufnahmen, die länger gesichert wurden, weil sie in einem Strafverfahren als Beweismittel dienten. Doch es ist eine andere Zahl, die die Body Cam in den Augen der Polizei zu einem Erfolgsmodell werden ließ. Die Zahl der Widerstandshandlungen in Alt-Sachsenhausen ist um mehr als 40 Prozent zurückgegangen, seit die Kamera eingesetzt wird.

In dieser Nacht müssen sich die Beamten zwar noch den Ruf „ACAB“ anhören (die Abkürzung steht für „All Cops are Bastards“). Tätlich angegangen werden sie aber nicht. Dennoch landen zwei Männer in Gewahrsam. Sie waren Platzverweisen nicht nachgekommen. Die Body Cam bleibt in beiden Fällen ausgeschaltet.

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