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Alltagssexismus „Ihr seid nicht schuld, wenn ihr blöd angemacht werdet“

Mädchen zwischen Alltagssexismus, rassistischen Bemerkungen und Cybermobbing. Ein Gespräch mit Sinah Klockemann vom Mädchenhaus Frankfurt.

Frau mit #MeToo-Hashtag
Viele Frauen werden täglich Opfer von Alltagssexismus. Foto: imago

Sinah Klockemann ist politische Sprecherin beim Frankfurter Verein für feministische Mädchenarbeit. Die 33-Jährige arbeitet zudem seit zehn Jahren im Mädchentreff. Im Interview erzählt sie über den Alltagssexismus, den Schülerinnen erleben.

Sie erreichen Mädchen und junge Frauen zwischen 10 und 25 Jahren. Was berichten diese Ihnen vom Alltagssexismus in Frankfurt? Sind dumme Anmachen überhaupt noch ein so großes Problem?
Alltagssexismus ist leider nach wie vor ein riesiges Thema, zugenommen haben zudem offen rassistische Kommentare. Gerade im öffentlichen Raum trauen sich Leute immer mehr Dinge zu sagen, die vorher tabu waren. Der öffentliche Nahverkehr ist für viele Mädchen ein Angst-Raum.

Inwiefern?
In den öffentlichen Verkehrsmittel werden sie oft von jungen oder auch erwachsenen Männern auf eine sehr unangenehme Art und Weise angesprochen. Angefangen von noch harmloseren, aber nervigen Kommentaren wie „Lach doch mal“ hin zu diesem sogenannten „Man spreading“, also wenn die Männer sich so breitbeinig hinsetzten, dass man selbst als gar keinen Platz mehr hat. Und dann gibt es noch diese Anmachen, die deutlich unterhalb der Gürtellinie sind. 

Oft ist es so, dass Mädchen und Frauen sich selbst die Schuld geben: „Vielleicht war mein Rock zu kurz?“
Dafür gibt es den Fachbegriff „Victim blaming“. Wir versuchen ihnen zu erklären, dass das Unsinn ist. Wir sagen: „Du könntest dich nackt auf die Hauptwache stellen, und es dürfte dich keiner anfassen.“

Was raten Sie den Mädchen noch?
Miteinander solidarisch zu sein. Und nicht zu sagen: „Ja, die war auch betrunken.“ Oder: „Die hat einen kurzen Rock getragen, und dann muss sie sich nicht wundern.“ Das sind so Sprüche, die die Mädchen immer wieder hören und so oft einfach übernehmen. Wir betonen immer wieder: „Ihr seid nicht schuld, wenn ihr blöd angemacht werdet.“

Also nicht denken: „Hm, vielleicht stelle ich mich bloß an?“
Genau. Sondern wenn man eben ein Grund-Unbehagen hat, sollte man auf sein Bauchgefühl vertrauen. Es ist angebracht, darüber wütend und erschrocken zu sein. Und wenn man im Moment selbst sprachlos ist oder von anderen keine Hilfe bekommt, sollte man später noch mal darüber reden können.

Wie sieht es im Schulalltag aus?
Ein großes Thema ist Cybermobbing. Konkret „WhatsApp“-Gruppen. Es gibt Schulgruppen, die sich 24 Stunden am Tag austauschen. Da werden auch gerne mal Fotos und Körperteile von Mitschülerinnen kommentiert. Eine Zeitlang gab es auch diese Listen: Da wurden Bauch, Beine, Po der Mädchen von den Jungs mit Noten versehen. Die Mädchen haben das nur zufällig rausbekommen. Überhaupt gibt es in der Schule noch sehr viel zu tun.

Wie meinen Sie das?
Die Mädchen erzählen uns auch von jungen, männlichen Lehrern, die jugendsprachlich-lustige Sprüche machen wollen, die aber ganz klar gewaltvoll sind. Einmal sagte ein Lehrer: „Wenn ihr diese Aufgabe nicht macht, dann fick ich euch so richtig.“ Aber weil solche Lehrer eben oft als cool gelten, lachen alle. Dabei fühlen sich viele Mädchen in derartigen Situationen sehr unwohl. Sie lachen mit, weil sie sich unsicher fühlen. Das ist häufig eine Bewältigungsstrategie.

Hat „#MeToo“ nichts gebracht?
Generell wird in der Öffentlichkeit mehr über Sexismus und sexualisierte Gewalt gesprochen, das ist gut. Mein Eindruck ist auch, dass die Mädchen so auch mehr erzählen. Ob sich bei den Männern etwas verändert hat, weiß ich nicht. Da höre ich öfter die Aussage: „Man kann jetzt nur noch alles falsch machen.“ Diese Aussage leuchtet mir gar nicht ein. Wenn ich mich als Mann angemessen verhalte, dann muss ich keine Sorge habe, dass mir etwas unterstellt wird.

Reicht es eigentlich, nur die Mädchen zu „empowern“, also in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, oder müssen nicht auch Jungs sensibilisiert werden?
Mädchen wird gesagt: „Sei zu Hause, wenn es dunkel wird, damit dir nichts passiert.“ Dabei müsste man doch eher den Jungs sagen „Wenn ihr rausgeht, verhaltet euch bitte nicht blöd.“ Auch die Jungs müssen sensibilisiert werden. Welches Verhalten ist cool oder eben nicht? Kritische Jungenarbeit gibt es in Frankfurt. Aber leider noch viel zu wenig...

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