Lade Inhalte...

Alina Bronsky Die schreibende Hausfrau

Sie empfängt einen, obwohl ihr Mann erst kürzlich tödlich verunglückt ist. Sie spielt mit Klischee und übersteht alle Kritiken. Eine Begegnung mit der Darmstädterin Alina Bronsky, der Hoffnungsträgerin der hessischen Literaturszene.

09.01.2012 00:53
Grete Götze
Die Hoffnungsträgerin der hessischen Literaturszene: Alina Bronsky Foto: Andreas Arnold

Das ist sie, das ist sofort klar, als sich die Tür zum Café Linie 3 in Darmstadts beschaulichem Stadtteil Bessungen öffnet: Die Schriftstellerin Alina Bronsky, Hoffnungsträgerin der hessischen Literaturszene. Eine große, schlanke Frau mit einem klaren, traurigen Gesicht und einer schönen, fremden Aura. Eigentlich habe sie die Verabredung anlässlich ihres neuen Romans „Spiegelkind“ absagen wollen, sagt die 33-Jährige, als sie sich auf einen der Holzstühle setzt. Aber sie ist zuverlässig. „Wenn diese Mail Sie nicht mehr pünktlich erreicht, werde ich zum Treffpunkt kommen. An diesem Wochenende ist mein Noch-Ehemann tödlich verunglückt“, steht in der E-Mail.

Alina Bronsky ist nicht das einer normalen Darmstädterin

Auch in der Zeitung stand es schon: Der Vater ihrer drei Kinder ist in den Walliser Alpen bei seinem Versuch, das Allalinhorn zu besteigen, 20 Meter tief in eine Gletscherspalte gestürzt und sofort gestorben. Solche Geschichten schreiben eigentlich Schriftsteller, nicht das echte Leben. Aber das Leben von Alina Bronsky ist auch nicht das einer normalen Darmstädterin.

Bronsky wird 1978 in der russischen Industriestadt Jekaterinburg geboren, auf der asiatischen Seite des Uralgebirges. Den Großteil ihrer Kindheit verbringt sie im Observatorium zwischen Teleskopen, ihre Mutter ist Astronomin. Irgendwann bekommt ihr Vater, von Beruf Physiker, eine Einladung. Und dann ist die 13-Jährige plötzlich in Deutschland. Am Anfang versteht sie kein Wort. Aber sie lernt schnell dazu. Bronsky möchte Schriftstellerin werden.

„Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“

Sie schreibt Buchmanuskripte. Die Umschläge kommen zurück, der Berufswunsch bleibt. Und dann, nach einem abgebrochenen Medizinstudium und einem Volontariat bei einer hessischen Tageszeitung, beginnt 2007 endlich ihre literarische Karriere, als Bronsky eine E-Mail mit der Buchidee von „Scherbenpark“ an drei Verlage schickt und alle ein Buch daraus machen wollen. 2008 veröffentlicht Kiepenheuer und Witsch den Roman – und die damals 30-Jährige wird mit Lob überschüttet.

Mittlerweile ist „Scherbenpark“ 60.000-mal verkauft worden, 15 Länder haben die Lizenzen für den Bestseller erworben, die Bühnenfassung wird an vier Theaterhäusern gespielt, und in diesem Jahr soll der Film in die Kinos kommen. „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, Bronskys zweiter Roman aus dem Jahr 2010, schaffte es sogar auf die Longlist des deutschen Buchpreises. Dabei sind Bronskys Heldinnen Außenseiterinnen, die aus einer fremden Welt kommen und mit einer neuen, düsteren konfrontiert werden. Aber sie finden sich mit so viel List, Wut und Klugheit darin zurecht, dass sie einen mit jeder Zeile in ihren Bann ziehen. Sascha Naimann aus „Scherbenpark“ ist so wild entschlossen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen wie die Großmutter Rosalinda aus „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“.

Die einen verschlingen Bronskys Bücher, die anderen haben nur Verachtung übrig

Um ihre Figuren zu zeichnen, verzichtet Bronsky auf Schnickschnack. Ihre Bücher sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, der Satzbau ist einfach, und fast in jeder zweiten Zeile wird direkte Rede verwendet. Auch mit dem bewussten Einsatz von Klischees spart die Schriftstellerin nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die einen ihre Bücher verschlingen und die anderen nur Verachtung dafür übrig haben, wie eine Buchhändlerin erzählt.

Der Neonazi, den die „Scherbenpark“-Heldin Sascha in der Nähe ihres Hochhaus-Ghettos kennenlernt, ist so doof, wie man sich einen Nazi spontan vorstellt, über die deutsche Frau heißt es in Bronskys zweitem Roman: „Ausdrucksloses Gesicht, keine Schminke, flache Schuhe, keine Röcke“, und über den Heiratsmarkt weiß Ich-Erzählerin Rosalinda: „Nur eine attraktive Frau konnte sich Intelligenz erlauben, wenn sie jemals Chancen auf einen Mann haben wollte.“

Zu gut konsumierbar, zu popliterarisch

So spielt Bronsky mit Klischees und zeichnet durch wenige klare Beschreibungen glaubwürdige Figuren. Das hat ihr seitens der Feuilleton-Theoretiker den Vorwurf eingebracht, zu gut konsumierbar, zu popliterarisch zu sein. Aber es ist gerade die klare Haltung der Schriftstellerin, die ihre Figuren so sinnlich macht, dass Theaterregisseure diese auf die Bühne stellen wollen und Dokumentarfilmer vor die Kamera.

Das neue Werk der dreifachen Mutter ist ein Jugendbuch, angesichts der formalen Schlichtheit ihrer Texte folgerichtig. „Spiegelkind“ ist der erste Teil einer Trilogie, in der die 15-jährige Juliane Rettemi in einer fantastischen Welt aus Frauen mit magischen Fähigkeiten, Freaks und Normalen auf Identitätssuche geht. Es ist ein gesellschaftskritischer Roman über die Frage, ob es erstrebenswert ist, normal zu sein, aber auch ein Roman über Scheidungskinder. „Es gibt unzählige Bücher über Trennungen, aber ich wollte den Konflikt so verpacken, dass die Figuren radikal sein können, aber in ihrer fantastischen Welt geschützt sind“, sagt Bronsky.

„Ich bin eine schreibende Hausfrau“

Die Schriftstellerin schützt nicht nur ihre Figuren, sondern auch sich selbst. Alina Bronsky heißt nämlich gar nicht Alina Bronsky, sie verwendet den Namen nur, um ihr Privatleben abzuschotten. Dieses Bedürfnis merkt man ihr an. Denn so offenherzig die junge Frau im Café Fragen zu ihrem Leben beantwortet, so verschlossen wirkt sie gleichzeitig, so ängstlich fragt sie sich nach dem Inhalt dieses Artikels.

Es könne schon sein, dass ihre Eltern sich damals Sorgen um sie gemacht hätten, als sie 20-jährig eine unverheiratete Studienabbrecherin mit Kind gewesen sei, sagt Bronsky, und man ahnt ihre Freude darüber, dass sie ihnen die Sorgen nehmen konnte. Sie genieße es, nicht in ein Büro laufen zu müssen, sondern zu Hause zu arbeiten, erzählt sie. „Ich bin eine schreibende Hausfrau“, sagt sie und auch, dass sie inzwischen am liebsten Kinderbücher lese. Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Bücher habe sie ebenso verschlungen wie die „Twilight“-Geschichten von Stephenie Meyer, in denen es um große selbstlose Liebe geht. „Danach sehnen sich die Menschen in der unverbindlich gewordenen Zeit“, sagt Bronsky.

Und als sie ihr Gegenüber dann anlächelt, entsteht ein Moment des Glücks darüber, dass sie sich für einen kleinen Moment geöffnet hat. Bis sie mit der Frage: „Jetzt haben Sie aber alles, oder?“ wieder in ihrer Welt verschwindet.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen