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Ärztemangel Gibst du Krankmeldung!

Ein ganz normaler – nein, ein „superguter“ Montag in einer Hausarztpraxis, oder: Der wahre Ärztemangel kommt erst noch.

Hausärztin
Hausärztin und Patientin im Gespräch. Anonymität war Voraussetzung dafür, dass der Reporter dabei sein durfte. Foto: Christoph Boeckheler

Herr A. hat sich am Freitag „ein bisschen dusselig gefühlt“. Dann Fieber bekommen. „Soo ein Hals und soo ein Kopp.“ 39 Grad, aber keine Gliederschmerzen. „Keine Gliederschmerzen?“, fragt Dr. Schmidt zurück. Nein, sagt der Patient. Er heißt genauso wenig Herr A., wie die Hausärztin Dr. Schmidt heißt. Ebenso werden alle weiteren Beteiligten in diesem Text nach dem Alphabet durchbuchstabiert, denn wenn irgendwo Anonymität wichtig ist, dann auf jeden Fall in einer Arztpraxis.

Ob er noch die Mandeln habe, fragt Dr. Schmidt. Unklar, sagt Herr A., ein Mann im mittleren Alter, er sei zwar operiert worden, aber als kleiner Junge. Im Übrigen gehe es ihm heute schon viel besser, eigentlich wisse er gar nicht, warum er hier sei. Herr A. muss „Aaaah“ sagen. „Das ist ein grippaler Infekt“, sagt Dr. Schmidt, „ich schreibe Sie für zwei Tage krank, das sollte reichen.“ Im Gehen krächzt der Patient: „Meine Mutter sagt, das liegt alles daran, dass ich Fahrrad mit offenem Mund gefahren bin.“ Alle lachen.

Ein Reporter im Sprechzimmer? Wieso? Weil die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit einen Bericht über einen Landarzt veröffentlichte, der Dr. Schmidt in manchen Passagen nicht gefiel. Der Landarzt erzählte aus seinem Alltag in Ostsachsen, von seinem „Glück auf dem Lande“, wie es im Titel hieß. Dr. Schmidt war das zu wenig. „Das ist alles zu lieb“, urteilte sie, „das klingt mir alles zu rosig“ – und lud die FR ein, sich selbst ein Bild zu machen vom Ärztealltag. Was sich die FR natürlich nicht entgehen lässt.

Schreibtisch, Computer, zwei Stühle, Hocker, Liege, Ultraschallgerät, drei Bilder an der Wand. Frau B. kommt herein. Sie war vorige Woche schon zum Blutabnehmen da. „Da war alles okay“, sagt Dr. Schmidt. „Aber Sie hatten über Gedächtnislücken geklagt.“ Die junge Patientin ist ratlos. „Ich hatte wieder so ein Erlebnis bei der Arbeit. Ich habe einer Kollegin etwas nicht gesagt, obwohl das vereinbart war. Das verunsichert mich. Ein Gefühl, als wäre die Festplatte voll, und was ich mir neu merken muss, wirft ältere Sachen runter.“ – „Ich sage immer: zu viele Windows-Fenster offen“, vergleicht Dr. Schmidt. Sie checkt Bauch, Lunge, Rachen der Patientin. Blutdruck 140 zu 80. „Sind Ihre Impfungen aktuell?“ – „Muss ich zu Hause gucken.“ Bekannte sagten, es gehe ihnen genauso, erzählt Frau B., sie mache sich trotzdem Sorgen. „Und Ihr Mann?“ – „Der lacht.“ Vielleicht sei es auch wegen der Kinder, sagt Frau B. „Es ist so viel im Moment. Ich muss an so viel denken.“

Problematisch, Nachfolger  zu finden

Wie alle anderen, die heute in der Praxis sind, hat Frau B. ein ausführliches Schreiben von Dr. Schmidt in die Hand bekommen. Darin steht, dass der Hausärztemangel zunehmend Probleme mache. Dass in Hessen ein Großteil in den nächsten zehn bis 15 Jahren in Rente gehe und dass es schwer sei, Nachfolger für die Praxen zu finden, selbst in Frankfurt. Frau Schmidt schreibt ihren Patienten, dass sie gern einen Beitrag zu der Diskussion leisten möchte, ob und wie künftig noch eine flächendeckende wohnortnahe Versorgung mit Hausärzten möglich sei. Und dass ein Reporter der FR heute schauen möchte, wie es in so einer Praxis zugeht – „in was für einer Schlagzahl dort Medizin gemacht wird“. Die Patienten sollen unterschreiben, wenn sie mit der Anwesenheit des Redakteurs einverstanden sind. Alle unterschreiben bis auf eine einzige Frau.

Herr C. war tags zuvor in der Sonne. Jetzt dröhnt der Kopf, er hat nicht schlafen können. Starke Schmerzmittel nimmt er schon wegen der Bandscheibe. Ob er arbeiten gehen kann? Schlecht. Er ist Minijobber. Früher hat er 23 Jahre am Stück körperlich gearbeitet. Dann Bandscheibe. „Ruhe!“, rät Dr. Schmidt. „Soll ich Sie krankschreiben, drei Tage?“ Ja. Als Herr C. draußen ist, schnell einige Notizen in den Computer. Eine Mitarbeiterin kommt herein, bei Frau D. sei der HB-Wert wieder im Keller, na gut, die hat gerade ihren 90. gefeiert, und bei Frau E. sei die Tochter jetzt gestorben. Dr. Schmidt schluckt. Die beiden Damen sind zu Routineterminen da, sie müssen heute nicht ins Sprechzimmer. „Ich gehe mal eben Frau E. kondolieren.“

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