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68er in Frankfurt „Wir brauchen eine neue Protestbewegung!“

Viel Beifall für Gretchen Dutschke-Klotz bei einer 68er-Debatte in Frankfurt, in der es ständig auch um die Gegenwart geht.

Podiumsdiskussion
Von links nach rechts: Bernd Messinger, Gretchen Dutschke-Klotz, Milan Horacek. Foto: Monika Müller

Eigentlich lädt das schwüle Wetter ja zum Kopfsprung in den Badesee. Statt dessen strömen Hunderte Menschen in die Evangelische Stadtakademie am Römerberg – auf den Spuren der Revolte von 1968. Offenbar aber auch mit der Frage in den Köpfen: Was lässt sich heute tun, um die verkrusteten gesellschaftlichen Verhältnisse aufzubrechen? Denn Gretchen Dutschke-Klotz bekommt großen Beifall für ihre Aufforderung: „Wir brauchen eine neue Protestbewegung!“

Eigentlich ist die 76-jährige Witwe von Studentenführer Rudi Dutschke ja nach Frankfurt gekommen, um ihr neues Buch zu präsentieren: „1968 – worauf wir stolz sein dürfen“. Doch die Gegenwart bricht sich immer wieder Bahn, der Erfolg der Rechtspopulisten und Rechtsextremen. Milan Horacek, Mitbegründer der Grünen, gerade schweißüberströmt mit dem Auto aus Prag angekommen, rechnet auf der Bühne mit der politischen Klasse seines Landes ab: „Ich muss sagen, dass ich den tschechischen Präsidenten, die Regierung und die Parlamentarier richtig verachte.“

Der rechtspopulistische Ministerpräsident Andrej Babis, den Horacek konsequent nur „Nacktarsch“ nennt, sei als früherer Stasi-Agent enttarnt, heute werde wegen Betruges gegen ihn ermittelt. Dennoch bleibe er populär: „Ich bin sehr enttäuscht über die Bevölkerung“, so der Berater des früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel.

Gretchen Dutschke zählt Tschechien zu den europäischen Ländern mit „25 bis 40 Prozent“ Rechten. Für Deutschland dagegen hegt sie „noch ein bisschen Hoffnung“. Heute drohe der Faschismus „aus den USA“ und Deutschland sei „das Land, das uns davor retten kann“, so die gebürtige US-Amerikanerin. Das ist denn mal ein Pfund: Gemurmel im Publikum.

Umsichtige Moderation

Es ist der umsichtigen Moderation des Ur-Grünen Bernd Messinger zu verdanken – der manchmal auch als Zeitzeuge auftritt –, dass sich auf dem Podium nicht bloße Nostalgie Bahn bricht. Rudi Dutschke hatte seinerzeit der Frage nach einem alternativen Wirtschaftssystem, das den Kapitalismus ersetzen solle, nicht beantworten können, das gibt seine Witwe unumwunden zu. Und auch an diesem Nachmittag bleibt die System-Frage offen.

Rudi sei „sehr deprimiert“ gewesen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, nachdem die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ begraben wurde unter den Ketten russischer und polnischer Panzer, sagt seine Witwe. „Gibt es einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?“ fragt Messinger. Und Horacek schüttelt den Kopf: „Nein, das habe ich noch nie erlebt.“

Was aber ist erlaubt, was verbietet sich im Kampf gegen das System? Die Gewaltfrage erreicht das Podium. Rudi Dutschke stand am 18. November 1974 am Grab des RAF-Mitglieds Holger Meins, der im Hungerstreik gestorben war. Und Dutschke rief mit geballter Faust vor der Menge von 5000 Mensch und vor vielen Kameras: „Holger, der Kampf geht weiter!“

Hinterher erklärte er wieder und wieder, er habe damit die Gewalttaten der RAF nicht rechtfertigen wollen. Für Bernd Messinger ist dieser Auftritt auch heute noch „keine Überraschung“. Auch und gerade in Frankfurt am Main habe es unter den Linken „eine Grundsolidarität mit den politischen Gefangenen bis 1975“ gegeben.

Und Milan Horacek erinnert sich an die „klammheimliche Freude“ unter den Linken, als 1973 ein hoher Militär des Franco-Regimes von einem mächtigen Sprengsatz von ETA-Terroristen zerfetzt wurde. Wie heiß er doch gleich? „Carrero Blanco“, ruft 68er-Ikone Daniel Cohn-Bendit lakonisch quer durch den überfüllten Saal. Gelächter. Diese Frage, sagt Horacek, begleite alle politischen Systeme seit der Antike: „Ab wann ist ein Tyrannen-Mord noch zu akzeptieren?“ Für ihren Mann sei es nie eine Alternative gewesen, in den Untergrund zu gehen, hält Gretchen Dutschke-Klotz fest: „Rudi fürchtete, dass er dann keinen Kontakt mehr zur Bevölkerung haben würde.“

Es ist die zweitletzte Veranstaltung des städtischen Literaturfestes Literaturm, das am Sonntagabend zu Ende geht. „Biografien schreiben Frauen aus dem Schatten der Geschichte“ hatte die städtische Literaturbeauftragte Sonja Vandenrath eingangs gesagt. An diesem Nachmittag ist Gretchen Dutschke-Klotz nicht im Schatten geblieben.

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