Lade Inhalte...

50 Jahre 1968 „Es braucht keine Einheitsbewegung mehr“

Drei Generationen diskutieren in Frankfurt über die Frage, was von 1968 bleibt, und verzichten darauf, die Epoche zu glorifizieren.

FR-Veranstaltung zu 50 Jahren 68
Sie diskutierten rege über 1968 und die Folgen. Von links: Claus-Jürgen Göpfert (FR), Mike Josef, Cornelia-Kathrin von Plottnitz, Valentin Fuchs, Bascha Mika (FR). Foto: peter-juelich.com

Der Hörsaal 5 (eigentlich natürlich römisch V) auf dem Campus Bockenheim, in dem Theodor W. Adorno lehrte, und der Hörsaal 5 auf dem Campus Westend, den es 1968 noch gar nicht gab, haben etwas gemeinsam: Wenn man mit den Klapptischen vor den Stühlen nicht aufpasst, verursacht man einen Heidenlärm. Einem Besucher ist das am Dienstagabend zu Beginn der gemeinsamen Diskussion von FR und Uni im Hörsaalzentrum im Westend passiert. „Randalieren Sie ruhig“, sagte dazu FR-Chefredakteurin Bascha Mika, „es passt zum Thema.“

Nun, randaliert hat bei dem Gespräch zum Thema „Was bleibt von 1968?“ tatsächlich niemand. Dafür aber gab es eine spannende Diskussion zwischen Studierenden aus drei Generationen: Cornelia-Kathrin von Plottnitz, die 1968 an der Goethe-Uni studierte, Mike Josef, der 2006 gegen Studiengebühren kämpfte, und Valentin Fuchs, amtierender Asta-Sprecher.

Nein, von „Helden“ des Jahres 1968 wolle sie nicht sprechen, wohl aber von „Menschen, die mich sehr beeindruckt haben“, sagte von Plottnitz, in der von Bascha Mika und FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert moderierten Diskussion. Adorno natürlich, aber auch Jürgen Habermas. Von Plottnitz hörte bei den großen Soziologen und Philosophen, obwohl sie selbst Germanistik und Anglistik studierte. „Die Veranstaltungen waren Höhepunkte meines Studiums – wenn ich auch nicht immer alles verstanden habe.“

Doch wie sehr wirkt 1968 nach? Die Vertreter der nachfolgenden Generationen sind sich einig, dass auch sie von den Errungenschaften der Bewegung profitiert haben. Dass etwa Studierende und Professoren im Senat der Hochschule auf Augenhöhe diskutieren, hätten die 68er erreicht, sagte Mike Josef, der mittlerweile Frankfurter SPD-Vorsitzender und städtischer Planungsdezernent ist. Und auch Valentin Fuchs betonte: „Die Erinnerung an 1968 nervt nicht.“ Seiner Meinung nach hätte es auch Entwicklungen wie die Öffnung der Ehe für Homosexuelle ohne die damalige Generation nicht gegeben.

Doch so sehr insbesondere von Plottnitz spannende Anekdoten aus der Zeit der Studentenproteste erzählte: Der Abend diente nicht dazu, etwas zu glorifizieren. Denn manches an der Bewegung mutet im Rückblick schon seltsam an. Um das Thema Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen sei es seinerzeit offenbar nicht gegangen, merkte Bascha Mika kritisch an. Die 68er hätten sich von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen befreien wollen – „nur die Frauen, die mussten ihre Befreiung selbst in die Hand nehmen“, so die FR-Chefredakteurin.

In der Tat hätten sich bei den Debatten an der Uni oder in den Studentenwohnheimen vor allem die Männer produziert, berichtete von Plottnitz. Frauen hätten dann erst bei der anschließenden Party im Mittelpunkt gestanden. „Das war eine blöde Aufteilung“, befand die Studentin und gründete zusammen mit anderen Frauen den Frankfurter Weiberrat. Studentinnen trafen sich in eigenen Räumen, ohne Männer – zunächst. Denn mit zunehmender Dauer geriet das Konzept des Weiberrats ins Wanken. Männer kamen einfach zu den Veranstaltungen, und die Frauen stritten sich darüber, ob die ungebetenen Gäste nun hinauszuwerfen seien oder nicht.

Auch Mike Josef konnte nicht erkennen, dass die 68er in Sachen Gleichberechtigung viel bewegt hätten. So hat er als Planungsdezernent fast täglich mit Investoren zu tun: „Und zu 99,9 Prozent sitzen mir dort Männer gegenüber.“ Auch Valentin Fuchs sah keine allzu positive Entwicklung. In der höchsten Gehaltsstufe der Uni-Beschäftigten seien 80 Prozent Männer, behauptete er.

Bleibt die Frage, ob es – gerade angesichts der Erfolge von Rechtspopulisten – neue Proteste braucht? Vielleicht gar ein neues 1968? Der Anlass des damaligen Widerstandes sei jedenfalls immer noch aktuell – weil etwa in vielen Ländern die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr sei, sagte der Uni-Vizepräsident Roger Erb zu Beginn des Abends.

Doch 1968 lässt sich nicht kopieren. Ein Gefühl, das wie damals eine ganze Generation beherrscht, gebe es heute nicht mehr, sagte Fuchs. Was nicht schlimm sei. Es sei auch sinnvoll, für „partikulare Interessen“ einzutreten: „Es braucht keine Einheitsbewegung.“

Viele Zuhörer im Hörsaal hatten 1968 selbst als Studierende erlebt und steuerten ihre Eindrücke aus der damaligen Zeit bei. Und abermals ging es nicht darum, eine Epoche zu glorifizieren. So stand am Ende des Abends die Frage eines Mannes, die unbeantwortet blieb: „Was haben wir 68er eigentlich erreicht, was haben wir gemacht, dass wir jetzt unsere Kinder mit befristeten Arbeitsverträgen und ohne Altersvorsorge in die Welt schicken?“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum