Lade Inhalte...

1968 in Frankfurt Frauen gegen die 68er-Machos

Mit dem „Weiberrat“ wehrten sich Frankfurter Frauen gegen das machohafte Auftreten von Männern der 1968er-Bewegung. Vorne mit dabei: die vor kurzem verstorbene Autorin Silvia Bovenschen.

Die Autorin Silvia Bovenschen gehörte dem Weiberrat an. Foto: s.fischer-verlag

Wahrheit und Mythos: 50 Jahre nach der Revolte von 1968 müssen sie dringend voneinander getrennt werden. Zur Wahrheit dieses gesellschaftlichen Aufbruchs gehört auch, dass etliche männliche Protagonisten, namentlich die selbsternannten „Häuptlinge“ der Bewegung, sehr machohaft auftraten. Sie sahen sich als die intellektuell und in der revolutionären Praxis bestimmende Kraft. Die Frauen sollten in der zweiten Reihe bleiben. Wer sich heute mit den Aktivistinnen dieser Zeit unterhält, hört immer wieder von dieser Ordnung: Die Männer diskutierten, die Frauen sollten gefälligst zuhören. 

In Frankfurt haben die Frauen Schluss gemacht mit diesem Macht-Gefüge. Oder besser gesagt: Sie haben es zumindest energisch versucht. Einige Ereignisse gelten als Wurzeln der frühen Frauenbewegung. Am 13. September 1968, beim Bundeskongress des SDS in Frankfurt, feuerte die Aktivistin Sigrid Rüger drei Tomaten auf Hans-Jürgen Krahl ab, der als intellektueller Kopf der Bewegung sich mal wieder selbstverliebt am Mikro produzierte. Eine Tomate traf Krahl voll ins Gesicht – einen großen Lerneffekt löste sie wohl nicht aus. 

In Frankfurt gründeten die Frauen den Weiberrat, die erste Gruppe, von deren Sitzungen die Männer ausgeschlossen waren. Silvia Bovenschen, Studentin der Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie, gehörte damals dem Weiberrat an. Die Feministin und Vordenkerin der Frauenbewegung entwickelte sich mit ihren Büchern später zu einer der wichtigsten Intellektuellen in Deutschland. 

Am 5. März erinnern das städtische Kulturamt, das Frauenreferat und der S. Fischer-Verlag in einer gemeinsamen Veranstaltung an die Autorin, die am 25. Oktober  2017 im Alter von 71 Jahren starb. 

Bovenschen hat die teils bitterbösen Aktionen der frühen Frauenbewegung später stets verteidigt. Auch das berühmt gewordene Flugblatt des Frankfurter Weiberrates vom 16. November 1968 mit der Parole „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“ Auf einer Zeichnung hingen die abgehackten Schwänze wie Jagdtrophäen an der Wand, darunter die Namen der „Häuptlinge“ der Bewegung. Bovenschen schrieb dazu später: „Es war schon hart, aber wir waren ja auch wütend. Wir waren in einer Weise abgekanzelt und diffamiert worden, die uns böse gemacht hat.“ 

Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Doch die bestürzenden Enthüllungen in der Folge der aktuellen #MeToo-Bewegung zeigen, dass es noch immer patriarchalische Machtstrukturen in der Gesellschaft gibt. Darüber wird sicher gesprochen werden beim Abend für Silvia Bovenschen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 1968er-Bewegung

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen