Lade Inhalte...

150 Jahre Goethehaus Für Goethe gab’s nie viel Geld

Erst das Freie Deutsche Hochstift hat das Dichterhaus im Großen Hirschgraben in Frankfurt gerettet und gesichert. Die Stadt Frankfurt selbst legte keinen Wert auf das Goethehaus, der Dichter hatte sich ja von seiner Geburtsstadt abgewandt.

Der Große Hirschgraben mit dem Goethehaus 1878, Ansichten aus dem Reiseführer "Die Rheinlande". Foto: Freies Deutsches Hochstift

Im Goethehaus sitzt der Bibliothekar Joachim Seng und lacht. Der Goethe-Forscher muss lachen, weil das reiche Frankfurt schon wieder kein Geld hat. Was Goethes Geburtshaus im Großen Hirschgraben angeht, war das immer so. Diesmal trifft es die geplante Erweiterung um ein Museum der Romantik.

Dreimal kam die Goethestätte auf den Markt, nachdem Goethes Mutter Katharina Elisabeth den Familiensitz mitsamt Inventar 1795 veräußert hatte. Jedes Mal wird das in den Augen des Dichters „bürgerlich-bequeme und anständige Haus“ teurer, es wird zum Spekulationsobjekt. Denn es herrscht Landflucht, berichtet Joachim Seng – es zieht die Leute in die Stadt und die Preise steigen. 1861 ist die Witwe Anna Catharina Rössing Eigentümerin und bietet die Immobilie zum Kauf an.

Erneut hat sich die Stadt gerade Sparmaßnahmen verordnet und winkt ab. Ein Tapeziermeister mit Namen Johann Georg Clauer nimmt sich den schönen Besitz und lässt zum Einbau von zwei Ladengeschäften drei Schaufenster und zwei Türen ins Erdgeschoss brechen.

Innen ist seit den Jahren der Witwe Rössing ohnehin schon alles verändert und umgebaut. Immerhin gibt es für Goethe-Verehrer, die von überall anreisen, einen „Gedenkraum“, da liegt ein Besucherbuch aus. Die Stadtregierung aber gibt sich dem „eingeborenen merkantilischen Geist“ hin, wie der Chronist Fritz Adler in einer Geschichte des Hochstifts urteilt. Immerhin hat 1844 der Frankfurt-Flaneur und Philosoph Arthur Schopenhauer erreicht, dass an der Fassade eine Gedenktafel angeschraubt wird:

„In diesem Hause wurde Johann Wolfgang Goethe am 28. August 1749 geboren.“

Über die Tafel kommt ein Blumenkränzchen, wenn der große Sohn einen runden Geburtstag hat. Ansonsten aber herrscht laut Fritz Adler „allgemeines Spekulationsfieber, das in der alten Handelsstadt besonders heftig auftrat“. Auch der Tapeziermeister Johann Georg Clauer muss sehen, wo er bleibt, und vermietet jenen Goethe-Gedenkraum samt all den Büsten und Erinnerungsstücken auf zwei Jahre fest an Privat. Schließlich will auch er, der beim Kauf 40.000 Gulden bezahlt hatte, wieder ausziehen und verkaufen. Doch „zeigte der Magistrat kein Interesse, durch einen Ankauf das Elternhaus des größten Sohnes im originalen Zustand zu bewahren“, hält der Goethehaus-Führer fest. „Die wollten lieber Brücken bauen“, lacht Bibliothekar Joachim Seng oben im ersten Stock.

Geistesbildung für das gesamte Volk

Das ist jetzt 150 Jahre her, es ist der Wendepunkt in der Geschichte. 1863 gelingt es, das Goethehaus als Museum, zugleich als „ein Heiligthum unseres gesamten Volkes und Pflegestätte deutscher Kunst und Wissenschaft“ einzurichten. Diesen Zielen hatte sich in der Stadt seit 1859 das Freie Deutsche Hochstift verschrieben. „Geistesbildung“ sollte fortan „nicht bloß das Vorrecht der Fürsten der Wissenschaften und Künste, sondern das gemeine Recht unseres ganzen Volkes sein“. Diese Worte fand Otto Volger, ein bärtiger Naturwissenschafter am Senckenberg-Institut, bei Gründung in der Loge Carl zum aufgehenden Lichte.

Volger ist es, der sich „tatkräftig bemüht um die Rettung des Goethehauses als ,Stiftsort’“, berichtet der Goethehaus-Führer. Der Neu-Frankfurter hat die Freiheitsfeiern zu Friedrich Schillers 100. Geburtstag gerade in vollen Zügen erlebt – er ist beseelt von der Kauf-Idee. Er verhandelt lange und geht volles Risiko, denn mit Reichtum gesegnet ist er nicht, und der Tapeziermeister Clauer verlangt 56.000 Gulden – was einen Gewinn von 16.000 Gulden innerhalb von eineinhalb Jahren bedeutet. Trotzdem gehört es für Volger „zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens, der Tage zu gedenken, an welchen ich bald mit diesem, bald mit jenem treuen Freunde hier in Frankfurt von Haus zu Haus wanderte und für den Kauf des Goethehauses um Beistand bat“.

Den Winter über gibt es nun im Haus Lehrgänge und Vorträge, besonders Volgers Abhandlungen über die Urgeschichte der Menschheit finden laut Zeitungsbericht „eine fort und fort sich steigernde Theilnahme“. Man kann sich auch eine Eintrittskarte kaufen und das Haus „in Begleitung eines bestellten Führers“ erkunden. Viel macht „Santa Casa“ aber noch nicht her. Vor der Sammlung von Erinnerungsstücken zum Ausstellen stehen Umbau und Renovierung. Erst in Goethes Erinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ findet man heraus, welches Zimmer überhaupt welchen Zweck hatte.

Immerhin: „Nach Abnahme der Tapetenbekleidung im ehemaligen Arbeitszimmer des Hrn. Rathes Goethe hat sich (…) die Fensternische mit dem Glasfenster selber wiedergefunden, das derselbe einst an dieser Stelle anbringen ließ“ (um in die Gasse spähen zu können). Otto Volger hat erneut „die Gleichgültigkeit der Frankfurter in den Kreisen der hohen Behörden“ an seinem Projekt zu beklagen. Von da kommt nämlich kein Geld. Trotzdem ist laut Chronik das Goethehaus 1865 „wieder in Stand gesetzt“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen