Lade Inhalte...

100 Jahre Gesundheitsamt Die dunkle Vergangenheit des Frankfurter Gesundheitsamts

Die Ausstellung „Auf Herz und Nieren“ dokumentiert die hundertjährige Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts - und spart dessen unrühmliche Rolle im Nationalsozialismus nicht aus.

Ausstellung
Messzirkel zur Schädelvermessung im Nationalsozialismus. Foto: peter-juelich.com

Durch 140 Kilometer Aktenordner hat sich Sabine Börchers gekämpft, um die Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamtes nachzuzeichnen. Die bedeutendsten Eckpfeiler sind nun in der Ausstellung „Auf Herz und Nieren“ zu sehen.

„Nach dem Denkmal der Grauen Busse ist das ein weiterer Bestandteil unserer Bemühungen, einhundert Jahre Frankfurter Gesundheitsamt in die Öffentlichkeit zu rücken“, sagt Stadtrat Stefan Majer (Grüne) zum Anlass der Ausstellung.

Dazu gehört insbesondere in Frankfurt auch das Kapitel des nationalsozialistischer Morde, an das auch die Grauen Busse auf dem Rathenauplatz erinnern. Das Gesundheitsamt war mit seiner „Abteilung für Erb- und Rassenpflege“ maßgeblich an Euthanasie-Verbrechen beteiligt.wurden im Reichsgesundheitsamt auf 420.000 Karteikarten die Daten von rund zwei Drittel der Frankfurter Bevölkerung zusammengetragen. Hierbei handelt es sich um eine der größten erbbiologischen Bestandsaufnahmen, die die Nazis in Deutschland angefertigt haben. Die Aufzeichnungen wurden genutzt, um über Durchführung von Zwangssterilisationen und Euthanasie-Morden zu entscheiden.

Die nationalsozialistisch organisierte Arbeit des Gesundheitsamtes endete auch mit 1945 noch nicht. Heirats- und Adoptionsberatung, die ebenfalls auf Basis der erbbiologisch klassifizierten Karteikarten vorgenommen wurde, wurde bis in die 1960er Jahre fortgeführt.

Über die Zeit der nationalsozialistischen Führung hinaus hielten sich außerdem zwei verantwortliche Mitarbeitende im Amt. Trotz ihrer Arbeit für die „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ waren sie nach Kriegsende in zum Teil prominenter Position weiterhin für das Gesundheitsamt tätig. Allgemein gilt diese nationalsozialistische Vergangenheit des Gesundheitsamtes als kaum aufgearbeitet. In der Ausstellung ist sie einer von insgesamt sechs Themenkomplexen.

Anschaulich wird auf Tafeln und in Schaukästen weit mehr als einhundert Jahre öffentlichen Gesundheitswesens dargestellt. Die leitende Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte Evelyn Brockhoff kommentiert das vergilbte Papier, mit dem die Ausstellung beginnt: „Frankfurts erster Stadtarzt Johann Wolff ist durch eine Urkunde von 1381 namentlich bekannt. Mit diesem Schriftstück beginnt die umfassende Überlieferung zum kommunalen Gesundheitswesen.“ Der Leiter des Gesundheitsamts René Gottschalk ergänzt, „dass die politisch Verantwortlichen in Frankfurt schon früh die Notwendigkeit erkannten, sich in dieser durch Messe- und Krönungsbesucher stark frequentierten Stadt aktiv für die Gesundheit der Bevölkerung einzusetzen.“ Im Laufe der Jahre nahm diese Arbeit in Form von Ernährungsstatistiken, Impfaufrufen und Wasserkontrollen ganz unterschiedliche Gestalt an. Besonders stolz ist das Frankfurter Gesundheitsamt auf Innovationen wie Drogen- und Aids-Beratungen sowie humanitäre Sprechstunden, mit denen neue Impulse in die ganze Republik gesendet wurden.

Weitere Details zur wechselhaften Geschichte des Gesundheitsamtes sind in Börchers Publikation „Aufklärung - Vorsorge - Schutz“ nachzulesen, in der sie ihre umfassende Recherche zusammengetragen hat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen