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Schule Die Elite der Elite

In den USA stauben Vorzeigeschüler teils absurde Preise ab.

Einschulung
„Ein Flair wie bei den Oscars.“ Foto: Dann Tardif (Corbis RM Stills)

Jennifer fühlt sich wie ein Star an diesem Abend. Es ist nun schon das dritte Mal, das die 17-Jährige unter dem Applaus des ganzen Ballsaals auf die Bühne gebeten wird. Die Handykameras blitzen und surren, insbesondere die ihrer Familie, während sie in ihrem Galakleid ihre Preise entgegennimmt und dabei ihr schönstes Lächeln auflegt. Diesmal wird Jennifer mit einer Urkunde für „Reife, Loyalität und Führungsqualitäten“ geehrt. Vorher hat sie bereits den Preis für ihre „Fähigkeit, Wandel herbeizuführen“ abgestaubt, sowie die Trophäe für die beste Schülerin im Fach Geschichte.

Es ist das Jahresabschlussbankett der Horace-Mann-Schule in New York, eine der prestigeträchtigsten Privatschulen der Stadt. Die Schülerinnen und Schüler haben sich ebenso wie die Gäste und Lehrer in Abendgarderobe geschmissen, es herrscht ein Flair wie bei den Oscars. Deutlich zu spüren ist die knisternde Anspannung unter den Teenagern.

Nicht jede Schülerin wird nämlich so mit Preisen überhäuft wie Jennifer. Die Mehrheit, etwa 80 Prozent, gehen leer aus. Schließlich sollen die Ehrungen ja bedeutsam sein, es wird die Elite der Eliteschule gekürt – der beste Sportler, die beste Musikerin, der oder die Schülerin, die sich im vergangenen Jahr am meisten entwickelt hat, Schüler, die sich durch soziales Engagement hervorgetan haben.

Ein solches oder ähnliches Ritual vollzieht sich um diese Jahreszeit überall in den Vereinigten Staaten. Jede Highschool und jedes College laden zum Ende des Schuljahres Familien, Freunde und Förderer ein und präsentieren ihnen ihre Vorzeigeschüler. Es ist eine Art, eine „Community“ zu schaffen, wie man hier gerne sagt – also möglichst viele Ehemalige, Eltern und Honoratioren der Gemeinde an die Schule zu binden. Aber es ist auch ein unverhohlenes pädagogisches Instrument. „Natürlich sollen dadurch bestimmte Verhaltensweisen gefördert werden“, sagt Jonathan Zimmerman, Professor für Pädagogik an der New York University. Zusätzlich zu den Noten werden Anreize geschaffen, sich in bestimmten Fächern besonders hervorzutun, sich sportlich oder musisch zu engagieren, etwas für die Gesellschaft zu tun oder sich für die Belange der gesamten Schule einzusetzen.

Auswüchse bleiben dabei allerdings leider nicht aus. „Natürlich kann das ein Klima schaffen, in dem alles zum Wettbewerb wird“, gibt Zimmerman zu. Das Sozialverhalten unter den Schülern wird immer mehr von Konkurrenz geprägt, das Interesse an nicht-akademischen Aktivitäten wird im Extremfall nur noch im Hinblick auf die Preise betrieben.

Das gibt auch Jennifers Mutter zu, selbst wenn sie nicht glaubt, dass das gesamte Schulleben nur durch den Wettbewerb um die Preise gesteuert wird. „Die Kids fangen erst gegen Ende des Schuljahres an, darüber nachzudenken. Auf keinen Fall steckt hinter jeder Aktivität das Kalkül.“ Dennoch ist das Gewicht der Preise groß. „Leider sind sie heute auch zu einer Waffe in der großen Lotterie um einen Collegeplatz verkommen“, sagt Zimmerman.

Im immer härteren Kampf um die immer knapperen Plätze auf einem Elitecollege werden in den USA die Preise entscheidender. Die Anwärterinnen auf einen Studienplatz in Harvard, Yale oder Stanford haben meist makellose akademische Leistungsnachweise. Bei einer Akzeptanzquote von rund fünf Prozent entscheidet meist, was die Kandidatinnen außer guten Noten noch aufzuweisen haben. Auszeichnungen in der Schule können da oft das Zünglein an der Waage sein.

Mit dem ursprünglichen Gedanken der Awards-Feiern hat das alles nicht mehr viel zu tun. „Im Amerika der Pioniere“, erklärt Zimmerman, „waren die jährlichen Schulfeste die vielleicht wichtigsten kommunalen Veranstaltungen des ganzen Jahres.“ Im ländlichen Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts war das Schulhaus neben der Kirche oft die bedeutsamste Institution. Das jährliche Fest brachte die gesamte Gemeinde in der gemeinsamen Sorge um die Jugend zusammen. Geehrt wurden dabei nicht nur herausragende Schüler, sondern auch Bürger aller Schichten, die sich um die Gemeinde verdient gemacht hatten. In kleinen Orten im Hinterland, erzählt Zimmerman, sei diese Tradition noch immer lebendig. An einer Eliteschule in New York sind diese Ursprünge des Rituals hingegen nur noch rudimentär nachzuvollziehen.

Während Jennifer sich im Rampenlicht sonnt, sitzt ihre Klassenkameradin Christina am Tisch und blickt etwas trübe aus ihrem dunkelblauen Abendkleid. Christina hat keinen Preis bekommen und ist an diesem Abend zum Statistendasein verdammt. Sie hätte zweifellos lieber auf diese Verleihungszeremonie verzichtet – bei der jeder sehen kann, dass sie und manche andere leer ausgehen. Doch für Zimmerman gehören derartige Grausamkeiten zum Ritual dazu: „Community heißt nicht immer nur, dass sich alle einig sind.“ Das würde Christina sicher unterschreiben.

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