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Ohne mich Zimmerpflanzen

Auch gutgemeinte Bemühungen helfen nicht. Unsere Autorin ist mit der Pflege überfordert.

Zimmerpflanzen
Auch ein Bonsai wächst nur mit der richtigen Pflege. Foto: photocase

Kürzlich bekam ich einen Bonsai geschenkt. Ein Bonsai ist ein Baum, nur sehr viel kleiner als handelsübliche Bäume. Ich dachte, so ein Baum ist robust, der wächst einfach so. Aber nicht der Bonsai. Man müsse einen „guten Standort“ wählen, ihn regelmäßig wässern und düngen, hieß es in der Gebrauchsanweisung. „Wenn Sie auf Ihren Baum achten und ihm Wasser geben, wenn er es braucht, wird er gut gedeihen.“ Und da fangen sie an, die Probleme: Was ist ein „guter Standort“? Was bedeutet „regelmäßig“? Woher soll ich wissen, wann ein Baum Wasser braucht? Leider spricht er nicht, er schreit auch nicht, wedelt nicht mal mit den Zweigen. Und wenn er die Blätter fallen lässt, ist es meist schon zu spät.

Es gab eine Zeit, da habe ich es sogar geschafft, einen Kaktus umzubringen. Es hat eine Weile gedauert, aber dann hatte ich ihn so weit. Ich habe ihn in Liebe ersoffen.

Beim Bonsai ging es sehr viel schneller. Ich platzierte ihn an einer Stelle, die ich für einen guten Standort hielt, auf dem Esstisch, direkt vor dem Balkonfenster. Ich goss ihn in Intervallen, die mir regelmäßig vorkamen, und mit einer Menge Wasser, die mir angemessen erschien. Vielleicht etwas zu oft. Vielleicht etwas zu viel. Aber ich fürchtete, er brauchte Wasser, ohne es mir mitteilen zu können. Ich beschnitt seine frischen Triebe, ich düngte ihn mit Zuwendung, ich sprach ihm Mut zu, denn ich wusste, er hatte es nicht leicht bei mir. Nach handgestoppten zehn Tagen gab er auf. Seine Blätter wurden erst braun, dann rar, die Erde schimmelte. Es erschienen Milben von irgendwoher. Ich versuchte es mit Liebes- also Wasserentzug. Es wurde schlimmer. Ich durchhauchte sein welkes Geäst mit feinstem Nebel aus der Blumenspritze. Es wurde noch schlimmer.

Andere Menschen können sowas. Die stellen sich einen Bonsai, einen Kaktus, einen Gummibaum ins Zimmer, gießen ihn nach einem scheinbar simplen Prinzip, stecken ab und an ein Düngerstäbchen hinein und fertig. Das Ding lebt, es gedeiht und blüht. Wo ich bin, wächst kein Gras mehr.

Ich habe sie alle hingerichtet. Jeden Ficus Benjamini, jedes Usambaraveilchen und jede Orchidee sowieso. Und leider auch alle, die zur zeitweisen Hege in meine Obhut gegeben wurden. Deshalb sind meine Zimmer pflanzenfrei. Nicht mal sogenannte pflegeleichte Geschöpfe besitze ich. Keinen Bogenhanf, keinen Drachenbaum, keine Efeutute, keine Yuccapalme (die ohnehin nicht, seit das Gerücht ging, es könnten sich darin suppentellergroße Spinnen befinden). Ich finde, auch das ist eine Art von Naturschutz.

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