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Mein Name ist Hilde, ich komme aus Oberschlesien

Als sie 13 Jahre alt war, floh sie mit ihrer Familie nach Westen und wieder zurück. Was sie dabei erlebte, hat sie ihrer Tochter Bascha Mika erzählt

Hilda
Hilde aus Oberschlesien Foto: privat

Da machst du dich nach den Weihnachtsferien auf, fährst deine drei Stationen mit dem Zug, willst zur Schule gehen und dann – nichts. Keine Schule mehr. Ratslos stehen meine Freundin Vera und ich vor der verrammelten Tür. „Die Front ist zu nah“, höre ich zwei Mädchen aus unserer Klasse tuscheln, „die Russen stehen schon fast an der Oder“. Bereits vor Wochen ist unser Gymnasium, die Annaberg-Schule in Oppeln, zu einem Lazarett umfunktioniert worden; unterrichtet wurden wir seitdem im Museum der Stadt. Jetzt ist auch damit Schluss.

Es ist Montag, der 8. Januar 1945. Ein schöner, klarer Wintertag. Der nächste Zug zurück nach Gumpertsdorf fährt erst in ein paar Stunden, Vera und ich wollen nicht warten, sondern lieber zu Fuß nach Hause gehen. Wir laufen durch die Oppelner Vorstadt, über die Oderbrücke und den Kanal, durch ein paar Dörfer, über verschneite Felder. Zwölf Kilometer, immer Richtung Südwesten.

Klara, ein Mädchen aus unserer Klasse, hat sich uns angeschlossen. Niemand kann Klara leiden, sie ist eine echte Nervensäge. Prompt bleibt sie mitten auf dem Feld stehen, packt mich am Arm und quiekt: „Es gibt einen neuen Witz, grad ist er mir wieder eingefallen!“ Oh Gott, denke ich, warum bloß konnten wir diese Klette nicht abschütteln. Vera ist ein paar Schritte vorausgelaufen, langsam kommt sie den Weg zurück.

„Also ...“, Klara stellt sich in Pose: „Hitler hat uns zu Weihnachten um drei Kilo Fleisch bei der Sonderzuteilung betrogen. Das erste Kilo von dem Bock, den er bei Stalingrad geschossen hat. Das zweite Kilo von dem Schwein, das er am 20. Juli hatte. Und das dritte Kilo von den Hammeln, die noch an den Sieg glauben.“

Ich glotze sie erschrocken an. Wahrscheinlich seh’ ich dabei so dämlich aus wie mein Lieblingshuhn, wenn ich es zu Hause über den Hof jage. Vera lächelt kein bisschen. „Bist du bekloppt?“ zischt sie leise, so als wären wir nicht ganz alleine auf dem Feld. Ohne ein weiteres Wort lässt sie Klara stehen und geht weiter. Ich hinter ihr her.

Vera ist meine beste Freundin. Sie hat einen Onkel in Oppeln, der uns immer Lakritz und Bonbons schenkt. Nirgendwo mehr sonst gibt es Süßigkeiten, nur noch zu Weihnachten mit der Zuteilung – und bei Veras Onkel. Er ist ’was Wichtiges in der Partei, hat sie mal erzählt, ich glaube, er fände Klaras Witz gar nicht komisch.

Da red’ ich und red’ ich und hab’ mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Hilde, mit vollem Namen Hildegard Dziuk. Doch gerufen werden ich „Spoker“, der Sperling, weil ich so klein und so mickrig bin. Vor ein paar Monaten bin ich dreizehn geworden, aber alle sagen, ich sehe aus wie elf.

Wir leben in Schlesien, genauer gesagt in Oberschlesien. Wer über uns spotten will, behauptet, dass wir an einem Tag Kraut mit Kartoffeln und am anderen Tag Kartoffeln mit Kraut essen. Ein bisschen ist da was dran. Im Winter haben wir als Gemüse eigentlich nur noch das selbsteingelegte Sauerkraut, und Kartoffeln gibt’s sowieso immer.

Als ich geboren wurde, hieß unser Dorf Comprachtschütz, doch 1936 wurde es umbenannt. Jetzt heißt der Ort Gumpertsdorf so wie irgendein Oberst oder General oder so. Das klingt deutscher.

Gumpertsdorf liegt an der Bahnstrecke zwischen Oppeln und Neiße, ungefähr hundert Kilometer weit weg von der polnischen Grenze. Wir wohnen in der Fabrikstraße 9, mein Vater ist Maurermeister und hat das Haus zusammen mit seinem Vater gebaut, der ist auch Maurermeister.

Gumpertsdorf hat nur gut 2000 Einwohner, aber eine Zigarrenfabrik, eine Ziegelei und das Gut der Familie Wösler. Die meisten Leute im Dorf bewirtschaften einen eigenen Hof, die anderen gehen in die Ziegelei, auf’s Gut oder lernen in der Fabrik, wie man Zigarren rollt. Auch meine Mutter und die Tante Marie haben das als junge Frauen gemacht.

Kaum jemand aus unserem Ort fährt – wie mein Vater – täglich zur Arbeit nach Oppeln. Er ist Polier beim Reichsbahnausbesserungswerk und am Sonnabend spielt er im Werksorchester die Trompete.

1939 wurde der Vater als Pionier zur Wehrmacht eingezogen, doch schon einige Monate später kam er aus dem Krieg zurück, weil er eine schwere Magen-Darm-Krankheit hatte. Kaum war er wieder gesund, hat ihn das Ausbesserungswerk reklamiert, das heißt, sie brauchten ihn dort und er musste nicht mehr zurück an die Front. Seitdem ist er fast der einzige Mann im Dorf – außer den alten Opas und den Jungs, die wie mein älterer Bruder Oswald noch nicht taugen fürs Militär.

Mittwoch, der 10. Januar. Mein Vater kommt aus der Arbeit zurück und ist ganz komisch, so unruhig und aufgeregt, das passt überhaupt nicht zu ihm. Eigentlich ist er ein ruhiger, sanfter Mann, der tut, was meine Mutter sagt. Er ist nicht in der Partei und spricht vor uns Kindern nie über Politik oder den Krieg. Aber an diesem Abend hat uns der Krieg eingeholt. Das Reichsbahnausbesserungswerk soll verlegt werden, Richtung Westen, hundert Kilometer weit weg von Oppeln in eine Stadt, die heißt Schweidnitz. Die ganze Belegschaft mitsamt den Familien soll mit. Das Werk wird vollständig evakuiert.

Wir Kinder haben bisher nicht so viel gemerkt vom Krieg. Zwar sind die Väter eingezogen und die Lebensmittel seit längerem rationiert, Apfelsinen und Schokolade gibt’s nur noch zu Weihnachten. Aber das Dorf ist ja nie bombardiert worden. Nur einmal gab’s einen Angriff auf unsere Bahnstrecke, doch das war vielleicht auch ein Irrtum, denn die Bombe fiel zehn Meter weit neben die Gleise und riss nur einen großen Krater ins Feld.

Manches haben wir aber doch mitbekommen. Dass es in Lamsdorf ein riesiges, russisches Kriegsgefangenenlager geben soll, zum Beispiel. Und dass du ins KZ kommst, wenn du ein Schwein schwarz schlachtest. Was ich nie vergessen werde, sind die Gefangenen, die vor die Kellerfenster unseres Gymnasiums einen Splitterschutz bauen mussten. Eines Tages stand ein ganzer Trupp von ihnen auf unserem Schulhof, jung waren sie, ganz blass und ausgemergelt. Uns Schülerinnen wurde strikt verboten, zu ihnen hinzugehen oder mit ihnen zu sprechen. Sie trugen Häftlingskleidung, und wenn du ihre Augen sahst, während du in dein Pausenbrot gebissen hast ...

Nun, im Januar ’45, ist der Krieg endgültig in Gumpertsdorf angekommen. Immer mehr Soldaten ziehen durchs Dorf und ständig hören wir die Stalinorgeln, diese Raketenwerfer der russischen Truppen. Weil das Land flach ist, trägt der Schall weit. Trotzdem will meine Mutter von der Evakuierung nichts wissen. „Was sollen wir in Schweidnitz? Das ganze Dorf ist doch noch da. Wir gehen nicht!“, entscheidet sie.

Tatsächlich sind bisher nur wenige Familien aus Gumpertsdorf verschwunden. Nur die von irgendwelchen Bonzen. Gestern, beim Fleischer, hat mich unser Dorfpolizist gefragt, ob ich mal mit zu ihm nach Hause kommen will. Und dann hat er mir ein paar sehr schöne, hohe Schnürschuhe von seiner Tochter geschenkt, der Grete Breitkopf.

Grete bekommt jeden Winter einen neuen Mantel und neue Schuhe dazu. Für Kleidung gibt es besondere Bezugsscheine, doch wir kriegen nie welche. Ich trage seit Jahren den selben Wintermantel, er ist inzwischen viel zu klein und so schäbig, dass meine Mutter sich schämte, mich damit zur Schule zu schicken.

Seit wir zehn waren, habe ich Grete einmal in der Woche beim Jungmädelbund getroffen, zum BDM kam man ja erst mit vierzehn. Das sind schöne Abende gewesen, wir haben gesungen oder Geländespiele gemacht, ich bin da gern hingegangen. Doch jetzt gibt es die Treffen nicht mehr, und Grete ist mit ihrer Mutter seit ein paar Tagen fort aus dem Dorf.

Wir aber bleiben. Die Verlegung des Reichsbahnausbesserungswerks findet ohne uns statt.

Dienstag, der 23. Januar. Bei uns ist Einquartierung, die Männer kommen direkt von der Front. Immer wieder haben wir in den letzten Jahren unsere gute Stube für Soldaten räumen müssen. Einmal hat ein Offizier aus Wien bei uns gewohnt, der hieß Simanke und ist so lange geblieben, dass ihn sogar seine Frau bei uns besuchen kam.

Die Frontsoldaten denken nicht ans Schlafen, die ganze Nacht reden sie mit den Eltern. Ich kriege mit halbem Ohr mit, wie einer von ihnen meine Mutter fragt, warum wir überhaupt noch da sind. „Wir haben hier doch alles“, höre ich meine Mutter sagen, „unser Haus, den Acker, was zu essen ...“ – „Wenn die Russen hier reinkommen“, antwortet der Soldat, „nehmen die als erstes ihren Mann und ihren Sohn mit. Die sehen sie dann nie wieder.“

Mittwoch, der 24. Januar. Morgens um sechs werden Oswald und ich von den Eltern geweckt. Wir sollen unsere wärmsten Sachen anziehen, mehrere Lagen übereinander. Ich trage die hohen Schuhe von Grete Breitkopf und eine Hose, die mir die Mutter aus alten Anzügen genäht hat. Draußen liegt der Schnee eineinhalb Meter hoch, es ist kalt, mehr als zwanzig Grad minus, aber es schneit nicht. Meine Eltern haben ihre Fahrräder voll bepackt mit allem, was irgendwie auf den Gepäckträgern vorne und hinten Platz findet.

Wir laufen los. Ich bin noch ganz benommen vom Schlaf und dem Schrecken, die Kälte zwickt im Gesicht. Es geht kein Zug mehr von Gumpertsdorf, aber von Tillowitz, einem Ort zwölf Kilometer entfernt, soll es noch einen geben. Das hat mein Vater gestern gehört. Die Eltern führen die Räder, Oswald und ich schieben von hinten. Wir bewegen uns entlang der Bahnschienen, da ist der Weg ziemlich frei, die Schneezäune schützen die Gleise vor Verwehungen.

Bevor wir uns morgens aufgemacht haben, ist meine Mutter zu Tante Marie und Opa Martin rübergelaufen, um ihnen zu sagen, dass wir gehen. Sie sollen in unser Haus einziehen, damit es bewohnt bleibt, und sie müssen sich um die Tiere kümmern. Wie alle im Dorf haben wir Hühner, Gänse, Enten, ein paar Ziegen und jedes Jahr ein Schwein, das mit Milch und Gerstenkleie gefüttert wird, und im Herbst ist dann Schlachtfest. Wie gern habe ich im Sommer die Gänse gehütet, dann konnte ich mir ein Buch schnappen und stundenlang auf der Wiese liegen und lesen.

Neudorf, Goldmoor, Tillowitz. In Tillowitz wohnt der Kapellmeister des Orchesters, in dem mein Vater die Trompete spielt. Er ist mit ihm ein bisschen befreundet, deshalb wollen wir da hin. Der Kapellmeister ist nicht da, nur seine Frau ist zu Hause, aber wir dürfen bleiben und bei ihr übernachten.

Donnerstag, der 25. Januar. Der nächste Morgen. Wir lassen die Räder in Tillowitz stehen, auch wenn das meiner Mutter gar nicht gefällt. Sie liebt ihr Rad von der Firma „Bergkönig“ mit den bunten Netzen über den Speichen, ich durfte nie darauf fahren.

Mein Vater hat seine Bahnuniform angezogen und auch noch den Mantel dazu. Das war sehr hellsichtig, denn am Bahnhof lassen uns seine Kollegen in den Zug nach Neiße einsteigen. Überall in den Abteilen sehe ich Aufkleber: „Pssst, der Feind hört mit.“ Als ob das noch eine Rolle spielen würde.

Dreißig Kilometer, dann sind wir in Neiße. Von dort wollen wir weiter nach Schweidnitz.

In Neiße ist die Hölle los, überall lärmende Soldaten mit jungen Frauen im Schlepptau. Irgendwie scheinen sie alle noch fröhlich zu sein, aber vielleicht sind sie einfach nur kopflos. Wir nehmen den Zug nach Westen. Ich bin hungrig und völlig kaputt. Wie die Heringe sind wir in dem Waggon eingepfercht. Ich bin zu klein, zwischen all den dicken Mänteln gehe ich fast unter und bekomm’ kaum noch Luft. „Erdrückt mir das Kind nicht!“, schimpft meine Mutter.

Wir schaffen es nach Schweidnitz. Dort hören wir die Stalinorgeln noch lauter als in Gumpertsdorf. Kaum angekommen fragt mein Vater nach dem Ausbesserungswerk, das vor zwei Wochen hierher evakuiert wurde. Der Bahnbeamte mustert ihn genau und zeigt dann auf einen Zug, der zwei Gleise weiter wartet: „Da steht der Transport für die Belegschaft, die fahren gleich ab.“ Das Ausbesserungswerk soll schon wieder verlegt werden, noch weiter in den Westen, nach Delitzsch in Sachsen.

Wir laufen zum Zug, mein Vater sieht Arbeitskollegen aus Oppeln, die machen uns Platz in ihrem Waggon. Auch hier ist es furchtbar eng, aber in der Mitte steht ein bullernder runder Ofen mit einem Eisengitter rundrum, und auf der Platte dampfen kleine Töpfchen mit heißem Tee. Wir bekommen eine kleine Ecke für uns, da können wir auf dem Boden sitzen und es gibt etwas zu Essen und zu Trinken.

Was haben wir doch für ein Glück! Wären wir nur kurze Zeit später in Schweidnitz angekommen, wir hätten den Transport verpasst. Anfang ’45 sind in der Stadt viele Menschen umgekommen.

Freitag, der 26. Januar. Fahren, stehen, warten, dösen, wieder fahren, schlafen. Überlastete Strecken, Stunden auf Abstellgleisen. Ich weiß nicht, wie lange wir nach Delitzsch brauchen. Ich habe aufgehört, nachzudenken. Angst hab’ ich eigentlich nicht, ich habe grenzenloses Vertrauen zu meinem Vater, er bekommt immer alles irgendwie hin.

Irgendwann kommen wir an, irgendwo zwischen Leipzig und Bitterfeld.

Auch in Delitzsch gibt es ein Reichsbahnausbesserungswerk, dort haben sie schon alles für die Ankunft der Kollegen aus dem Osten vorbereitet.

Februar und März 1945. Mein Vater geht jeden Tag zur Arbeit ins Werk, Oswald und ich müssen zur Schule. In Delitzsch gibt es ein gemischtes Gymnasium für Jungen und Mädchen, wo nur noch Lehrerinnen und alte Lehrer unterrichten. Mit uns sitzen da auch viele ausgebombte Kinder aus Köln.

Wir leben in einem Zimmer bei dem alten Herrn Schulz. Der wohnt im ersten Stock eines Hauses in der Arbeitersiedlung, die zum Ausbesserungswerk gehört. Herr Schulz ist Kommunist, Witwer und ziemlich nett. Er raucht wie ein Schlot und hat einen kleinen Schrebergarten mit einer Laube.

Uns geht es nicht schlecht, auch wenn die Stube sehr eng ist. Meine Eltern schlafen in einem alten Eisenbett, dann gibt es noch ein Doppelstockbett für Oswald und mich. Er liegt unten, ich oben. Der Vater bekommt Essen vom Werk, das holen wir mit dem Kochgeschirr ab, und wenn meine Mutter es mit Kartoffeln verlängert, reicht es für alle.

Mein Vater raucht gern, aber jetzt verkneift er sich den Genuss. Mit seinen Zigarettenmarken gehen wir zu den Bauern in der Umgebung und tauschen dafür Rhabarber und Gemüse.

Das Leben läuft fast normal, hier in der Mitte von Deutschland. Nur schlafen können wir kaum. Ständig wird Alarm gegeben. Nachts kommen die Bomber, dann müssen wir in den Keller, obwohl der uns auch nicht schützen würde. Am Tag kommen die Flieger, dann müssen wir wie die Hasen über die Straße laufen und uns irgendwo verstecken oder an die Häuserwände drücken. Doch viel passiert nicht in Delitzsch, die Bomben fallen auf Leipzig und Bitterfeld.

April 1945. Die Amerikaner sind da. Draußen hört man Geschützfeuer, wir hocken im Keller unseres Hauses. Die Tür fliegt auf. „Any soldiers?“, fragt eine Männerstimme ins Dunkel. Soldaten stehen oben an der Kellertreppe, Gewehre im Anschlag. Ich hebe langsam die Hände. Die Männer lachen, schauen uns prüfend an, inspizieren den Raum und gehen wieder. Noch Jahre später wird mein Bruder sich lustig machen, dass ich die einzige war, die sich den Amerikanern ergeben hat. Ist das ein Wunder, wenn einer mit dem Gewehr auf dich zielt?

Jetzt gibt es keinen Fliegeralarm mehr, keine Schule und kein Ausbesserungswerk. Es ist furchtbar langweilig. Die amerikanischen Soldaten geben uns Kindern manchmal Schokolade, ich habe keine Angst vor ihnen.

Juni 1945. Die Amerikaner ziehen sich zurück, Delitzsch wird der Roten Armee übergeben. Herr Schulz, weil er doch Kommunist ist, freut sich darüber sehr.

Sehr bald wird das Essen überall knapp. Noch weiß niemand von uns, dass die Alliierten Europa neu aufgeteilt haben. In unserem Block wohnen ein paar junge Leute aus unser Gegend, die wieder zurück nach Oppeln wollen. „Wir machen, dass wir nach Haus kommen, was sollen wir hier?“, erzählen sie jedem, den sie treffen.

Doch schon ein paar Tage später sind sie zurück in Delitzsch. „Die Oder-Neiße-Linie, das ist jetzt die Grenze, da kommt niemand rüber“, berichten sie, „und bei uns zu Hause sind jetzt die Polen.“

„Polen? Wieso die Polen?“, wundert sich meine Mutter. „Polen ist doch jott weh de!“

Vor allem junge Männer versuchen immer wieder nach Osten durchzukommen. Alle kehren zurück. Erst langsam sickern die Nachrichten durch. Wir wollen es einfach nicht glauben: Oberschlesien steht seit Kriegsende unter polnischer Verwaltung.

Sonnabend, der 4. August. Bis jetzt hatten wir so viel Glück, so viel mehr als andere Flüchtlinge. Und nun? Weiter nach Westen? In Delitzsch bleiben? „Was sollen wir hier?“, klagt meine Mutter. „Wie lange sollen wir noch in einem Zimmer hausen? Egal wie’s zu Hause aussieht, auch wenn da die Polen sind, dort geht es uns besser.“

An Oswalds Geburtstag packen wir unsere Sachen, es geht wieder los. Nicht Richtung Westen, sondern zurück in den Osten. Flucht andersherum. Wer macht so was ’45? Oswald und ich werden nicht gefragt.

„Wir haben doch die Tante Marie und den Opa im Haus gelassen“, beruhigen sich meine Eltern gegenseitig. „Wir werden nicht hungern, schließlich haben wir unseren Garten und das Feld.“ In diesen Tagen begreife ich, dass es so etwas wie Heimat gibt. Die lässt man nicht einfach hinter sich, die lässt einen nicht so schnell los.

Mein Vater hat von einem Zug gehört, der polnische Zwangsarbeiter nach Hause zurückbringen soll. Mit unserem Gepäck laufen wir zum Bahnhof. Und wieder haben wir Glück. Haben einige der Rückkehrer meinen Vater erkannt? Auch im Ausbesserungswerk mussten Zwangsarbeiter schuften, und wie ich meinen Vater kenne, hat er sie nicht noch zusätzlich schikaniert. Auf jeden Fall lassen sie uns mitfahren.

Ab Richtung Osten. Als wir die Elbe auf einer Pontonbrücke überqueren, ganz ohne Geländer, schaukelt und schwankt der Zug wie wild, ich seh nur noch Wasser und sterbe vor Angst. Versteckt zwischen den Zwangsarbeitern überqueren wir die Grenze an der Neiße.

Sonntag, der 5. bis Donnerstag, der 16. August. Wir wollen uns schon freuen, doch der Zug wird mitten im Wald gestoppt. Von russischen Soldaten, die mit Gewehren bewaffnet sind. Unser Halt ist bei einer kleinen Siedlung mit wunderschönen Häusern, hier haben die Rotarmisten ein Munitionslager der deutschen Wehrmacht entdeckt. Sie zwingen uns auszusteigen und die Munition in Güterwaggons zu verladen. Zwei Tage lang schleppen wir Kisten.

In den verlassenen Häusern sieht es wüst aus, die Federbetten sind aufgeschlitzt, das eingemachte Kompott über den Betten ausgekippt. Mit dem, was noch da ist, kochen die polnischen Frauen für alle das Essen. Abends fangen die Russen an zu singen, immer mehrstimmig, das hallt herrlich zwischen den Bäumen, es ist einmalig schön. So wunderbar traurig und melancholisch, dass uns allen die Tränen kommen. Zum Schlafen legen wir uns auf die dreckigen Hausböden ganz dicht zueinander. Nachts sehen die Soldaten in die Zimmer, irgendjemand sagt, sie suchen nach jungen Frauen.

Endlich können wir weiterfahren. Mit dem Zug kommen wir bis nach Lignitz, westlich von Breslau, dort dürfen wir Kinder und die Frauen in einem Nonnenkloster übernachten. Nur die Männer müssen draußen im Klosterhof bleiben. Ein paar Tage stecken wir in Lignitz fest.

Eines Morgens wachen die Männer im Klosterhof auf und all ihre Schuhe sind weg. Sie hatten sie zum Schlafen ausgezogen und irgendwer hat sie ihnen geklaut. Als es weitergeht, müssen sie auf Socken oder barfuß laufen.

Schließlich landen wir in Neiße. Jetzt sind es nur noch gut 40 Kilometer nach Hause. Ich bin völlig erschöpft, aber irgendwie auch voller Hoffnung.

In Neiße ziehen marodierende polnische Banden durch die Stadt und suchen nach Deutschen. Es ist gefährlich. Wir bleiben in der Nähe des Bahnhofs und verstecken uns in einem Viehwaggon hinter einem Stapel Kisten. Dort warten wir stundenlang, vielleicht sogar einen ganzen Tag. Und haben wieder Glück. Niemand entdeckt uns.

Jetzt laufen wir zu Fuß weiter, über Dörfer, die aussehen, als wäre nie Krieg gewesen. Ich will nur noch nach Hause! Seit Tagen träume ich davon, in den Hühnerstall zu laufen und mir ein Ei aus dem Nest zu holen. In Tillowitz können wir wieder bei der Frau des Kapellmeisters übernachten, aber unsere Fahrräder hat jemand mitgehen lassen.

Freitag, der 17. August. Gumpertsdorf, endlich! Unser Feld. Hier gibt es tatsächlich Kartoffeln. Wir buddeln einige aus und stecken sie ein. Noch eineinhalb Kilometer sind es bis zu unserem Haus. Vorsichtig nähern wir uns von der Rückseite, sehen die Gemüsebeete, die Obstbäume, den Blumengarten. Nur auf wenigen Dächern des Dorfes wehen polnische Fahnen, die allermeisten Gumpertsdorfer sind noch da.

Erst später verstehe ich, was in der Zwischenzeit passiert ist. Die meisten Schlesier flohen 1945 vor der anrückenden Roten Armee oder wurden später von polnischer Seite vertrieben. Rund um Oppeln aber entgingen viele Dörfer diesem Schicksal, weil Oberschlesier eine uneindeutige nationale Identität hatten. Viele Bewohner waren zweisprachig aufgewachsen – mit dem sogenannten Wasserpolnisch – und galten in Polen als sogenannte Autochthone, als slawische Ureinwohner.

Nach Gumpertsdorf kam die Rote Armee im März 1945. Da waren nur ganz wenige Einwohner geflüchtet. In ihre verlassenen Häuser zogen bald vertriebene Familien aus Ostpolen ein. Alle anderen Dorfbewohner durften bleiben.

In unserem Garten taucht plötzlich mein kleiner Cousin Viktor auf. Er starrt uns an, dreht sich um und rennt weg. Als wir um die Ecke in die Fabrikstraße einbiegen, stehen sie alle vor unserem Tor: Die Tante Marie, Opa Martin, Tante Hedel mit Viktor und Helmut, mein Jugendfreund Erich. Wir sind zu Hause! Am Abend gibt es Kaninchenbraten.

Wir sind jetzt nicht mehr Schlesier, sondern Slazacy. Und Gumpertsdorf heißt Komprachcice.

***

Mittwoch, der 2. Februar 1959. Ich mache mich wieder auf nach Westen. Mit meinen Mann und meinen drei Kindern. Vierzehn Jahre nachdem wir nach Oberschlesien zurückgekehrt sind, sitze ich wieder in einem Zug, der mich von dort wegbringt. 1970 verlassen auch meine Eltern die Heimat.

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