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Kolumne Ich wär so gerne Gewaltmonopolist

Auf Dauer wäre es wohl zu aufreibend und zu gefährlich, aber für einen Tag?

29.06.2017 11:04
Fritz Tietz
Foto: Eva Hillreiner, Fotolia

Nicht auf Dauer natürlich, das wär mir zu aufreibend. Und zu gefährlich obendrein. Denn das weiß ja jeder: Wer Gewalt ausübt, muss damit rechnen, selber aufs Maul zu kriegen. Das gilt sogar für Gewaltmonopolisten. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal die fragen, die täglich ein Gewaltmonopol durchzusetzen haben. Deutsche Polizisten zum Beispiel.

Vielleicht die, die in Nürnberg neulich einen Berufsschüler aus dem Unterricht holten und nach Hause bringen wollten. Es gibt ein spektakuläres Video von dieser Aktion, das sich in großer Klickzahl über die sozialen Netzwerke verbreitete. Hei, wie die Polypen da einstecken mussten!

Es war in dem Fall nämlich so, dass die Auffassungen darüber, wo des Schülers Zuhause ist, um ungefähr 6000 Kilometer beziehungsweise zirka neun Flugstunden auseinanderlagen. So kam es zu einer zeitweise heftigen Hauerei zwischen denen, die die Überzeugung teilten, des Schülers Zuhause liege irgendwo in Afghanistan, und einigen seiner Schulkameraden, die das Zuhause ihres Mitschülers eher dort wähnten, wo er aktuell wohnte. Am Ende ging’s aber aus, wie’s eigentlich immer ausgeht, wenn staatliche Gewaltmonopolisten zulangen. Sie setzten ihre Auffassung durch. Und zwar, klar, mit Gewalt.

Genau darum wäre ich gerne ab und zu mal Gewaltmonopolbesitzer: Ohne lange fackeln zu müssen, meine Sicht der Welt durchsetzen. Egal, was andere davon halten. Das wär’s. Oder wie es der Spießer in mir formulieren würde: Wenn man mich nur mal ließe.

Dann wären einige deutsche Innenminister längst nach Afghanistan abgeschoben worden und ein paar von den Nürnberger Polizisten gleich mit. Dann würde ich aber auch jedem Auto, das widerrechtlich meinen Radweg zuparkt, die Luft aus den Reifen lassen. Oder dieser Kerl neulich Abend im Hamburger Hauptbahnhof: Wie der inmitten des eh schon stickigen Pendlerelends eines rappelvollen Regionalzuges aus einer Pappschachtel etwas in sich hinein gabelte, das den ganzen Waggon mit einem infernalischen Gestank verseuchte. Statt ohnmächtig vor Ekel in den nächsten Wagen zu wechseln, wie ich es tat, hätte ich ihn als Gewaltmonopolist natürlich sofort überwältigt und der nächsten Benimmschule zugeführt.

Ich hatte die Idee von der Überlassung staatlicher Gewalt an Privatpersonen schon einmal durchgespielt – in einem in den 1990er Jahren gedrehten Film für die Satiresendung „Extra Drei“. Zu den Bildern eines gesetzten älteren Herrn, der einen zufällig seinen Weg kreuzenden jungen Mann erbarmungslos zusammentrat, empfahl ich dem damaligen Finanzminister Waigel, er möge doch zur Sanierung des seinerzeit etwas schwächelnden Bundeshaushalts das staatliche Gewaltmonopol veräußern. So wie das ja mit anderen staatlichen Besitztümern längst gemacht worden war und bis heute gemacht wird, indem etwa das ehedem öffentlich-rechtlich organisierte Gesundheitswesen zugunsten von meistbietenden Pfeffersäcken privatisiert, Bundesbahn und Bundespost in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden und selbst so speziell deutsches Volkseigentum wie die Autobahnen demnächst in den Besitz international agierender Konzerne übergehen soll. Gegen Zahlung von einer Milliarde D-Mark, so lautete mein Vorschlag, sollte jeder, der sich das leisten könne, einen Tag lang nach Herzenslust Gewalt ausüben dürfen.

Dass die Sache ein, zwei Haken hat, habe ich damals nicht vertieft. Zum Beispiel: Darf einer, der ein staatliches Gewaltmonopol erwirbt, dieses nur mit den eigenen Fäusten ausüben, wie in meinem Film dargestellt, oder sollte er dafür auch polizeitypische Waffen einsetzen dürfen? Oder gleich die Befehlsberechtigung über eine Polizeihundertschaft mit erteilt bekommen, auf dass die für ihn die Drecksarbeit der direkten Gewaltanwendung erledige?

Was die eigenen Fäuste angeht: Ich bin kein sonderlich geübter Schläger und im Übrigen auch schon fast 60, während der Stinkezeugfresser noch sehr agil und nicht besonders schwächlich wirkte, so dass ich realistischerweise sagen muss: Nee, den mal einfach so vertrimmen und verhaften, das haute wohl nicht hin. Dann ihn mit Schlagstock oder Pfefferspray angehen und mittels Wasserwerfer und vorgehaltener Wumme aus dem Regionalexpress treiben? Schon deshalb nicht, weil meine Angst, mich dabei selbst zu verletzen, viel zu groß wäre. Und die Hundertschaft? Auf keinen Fall! Weil ich dann, eklige Befehle bellend und doofe Weisungen herumtrompetend, auf meine alten Tage doch noch werden müsste, was ich ums Verrecken gar nicht gerne wäre: Vorgesetzter.

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