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„Ich explodiere nicht, ich implodiere“

Schauspieler Matthias Brandt über Momente, in denen er still leidet, und warum ihn Angst oft mehr fasziniert als Liebe.

Matthias Brandt
Matthias Brandt Foto: imago

Matthias Brandt hatte als Sohn des großen Willy eine Kindheit im Rampenlicht. Heute steht der 56-Jährige längst nicht mehr wegen seiner Herkunft, sondern aufgrund seines Erfolgs als Schauspieler und Autor im öffentlichen Interesse. Wie in seinen Rollen erscheint Brandt auch im Interview als ein guter Beobachter: zurückhaltend, überlegt und ein wenig distanziert. Mit Herzklopfen, sagt er, hat er schon von Berufs wegen viel zu tun.

Herr Brandt, wünschen Sie sich, dass Ihren Zuschauern – ob auf der Bühne oder vor dem Fernseher – das Herz bis zum Halse klopft?
Ich möchte, dass sie sich auf irgendeine Weise angesprochen oder gemeint fühlen, die Art der emotionalen Regung würde ich ungern vorschreiben.

Aber bei Ihrer Inszenierung von Hitchcocks Spannungsklassiker Psycho, den Sie als Performance auf der Bühne zeigen, ist Grusel ausdrücklich vorgesehen?
In diesem Fall wäre Herzklopfen in der Tat nicht schlecht, es funktioniert ja auch.

Sie haben jetzt mit dem Programm „Angst“ nachgelegt. Was fasziniert Sie an diesem existenziellen Gefühl?
Die Beschäftigung mit der Angst über den Grusel scheint ja – zumindest in spielerischer Form – auch eine lustvolle Angelegenheit zu sein. Ich fand es ganz interessant, damit zu spielen.

Angst und Verliebtheit – biologisch betrachtet liegt beides nah beieinander: Adrenalin wird ausgeschüttet, der Puls beschleunigt, der Körper ist in Alarmbereitschaft. Welches Gefühl fällt Ihnen als erstes zum Thema Herzklopfen ein?
Beruflich interessiert mich die Angst mehr, aber wahrscheinlich ist die Liebe oder Verliebtheit die stärkere Emotion, noch stärker als die Angst, denke ich.

Können Sie sich an Ängste in Ihrer Kindheit erinnern?
Offenbar hatte ich eine recht angstfreie Kindheit. Jedenfalls fällt mir keine wesentliche Prägung durch Angst ein. Die stärkere Empfindung, an die ich mich erinnere, war Wut. Ein gutes Zeichen, finde ich.

Warum?
Sie ist ein vitaleres Gefühl. Angst hat etwas defensives, das mag ich nicht so.

In Ihrem Erzählband über Ihre Kindheit als Sohn von Willy Brandt schildern Sie, wie Sie beim Zauberer spielen mal die Vorhänge in Brand gesteckt haben. Die Angst vor dem Feuer, schreiben Sie, war dabei gar nicht das Schlimmste. Was war an dieser Situation so erschreckend?
Ich versuche in der Geschichte den partiellen Verlust von Kindheit zu schildern. Das Tolle an Kindheit ist ja, dass es keine Trennung zwischen Realität und Vorstellung gibt. Bis zu diesem Erlebnis war ich der Meinung, dass alles, was man sich vorstellt, auch Wirklichkeit wird, das wurde bei diesem Erlebnis quasi durch die Naturgesetze widerlegt. Ich habe gemerkt, dass Imagination nicht zu allem fähig ist, sondern dass einen die Realität manchmal schmerzhaft einholt. Das kennzeichnet wahrscheinlich den Übergang zum Erwachsenwerden.

Terror, Trump, die Krise in Europa. Können Sie angesichts der Weltlage verstehen, dass sich derzeit so viele Menschen fürchten?
Ich habe auch Angst vor gewissen politischen Entwicklungen. Die Kälte, mit der Menschen begegnet wird, die offenkundig in Not sind, macht mir Angst. Ich finde, dass die rechtspopulistischen Erscheinungen mich dazu auffordern, mich in einer anderen Weise zu engagieren, Farbe zu bekennen, als ich das bisher getan habe. Man konnte sich ja in den letzten Jahren recht bequem entziehen.

Sie äußern sich dennoch selten politisch. Was muss passieren, damit Sie bei diesem Thema Ihre Zurückhaltung ablegen?
Ich habe durchaus eine eindeutige politische Meinung, die ich in meinem Lebenskreis auch äußere. Es gibt aber auch ein Feld, wo ich mir das genau überlege, weil ich natürlich die Erfahrung gemacht habe, dass Aussagen durch meine Herkunft in einen Zusammenhang gestellt werden, der für mich gar nicht besteht, sprich, Dinge werden wichtiger genommen, als sie es sind. Sie können aber davon ausgehen, dass ich mich schon äußern werde, auch öffentlich, wenn ich es für nötig erachte.

2009 fanden Sie, dass Angela Merkel eine gute Bundeskanzlerin ist, weil sie Werte und Anstand besäße. Sehen Sie das immer noch so?
Ja, und ich finde, wenn man sich in Europa umschaut, sind wir bezüglich der bevorstehenden Wahlen in einer luxuriösen Situation. Es läuft ja offenkundig auf zwei honorige Kandidaten hinaus, das kann, wenn man etwa nach Frankreich schaut, nicht jedes Land von sich behaupten. Ich glaube, dass uns andere Länder um diese Auswahl beneiden können.

Und im Privaten, wovor haben Sie da Angst?
Vor dem Verlust geliebter Menschen.

Auch Scham kann ein Herz zum Rasen bringen. Gibt es Dinge, für die Sie sich schämen?
Natürlich. Es nicht zu tun, würde von einer gewissen Hartherzigkeit zeugen. Aber das ist eine sehr private Empfindung.

Das Kind in Ihrem Buch, von dem Sie ja offenlassen, ob Sie das wirklich alles erlebt haben, schämt sich für die Denunzierung des Vaters als Vaterlandsverräter.
Objektiv betrachtet gibt es dazu natürlich keinen Grund. Aber wenn man einem Achtjährigen sagt, dein Vater und damit auch du bist ein Vaterlandsverräter, ist das für ihn schwer einzuordnen. Er spürt nur, dass der Begriff eindeutig negativ konnotiert ist. Das kann schon zu einer Empfindung wie Scham führen.

Sie beschreiben in dieser Episode auch den brennenden Wunsch, mit aller Macht dem Anderssein entkommen zu wollen. Hängt Ihre berufliche Vorliebe für Außenseiter mit solchen Kindheitserfahrungen zusammen?
Ob da eine direkte Linie zu ziehen ist, würde ich nur sehr eingeschränkt bejahen. Sonst bezöge sich ja alles, was man künstlerisch macht, auf die eigene Biografie und das wäre zu eng gedacht. Eine künstlerische Arbeit geht über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus, unter anderem macht man sie ja genau deswegen. Mich haben aber Herausgefallene schon immer interessiert, weil sie so viel Erzählstoff bieten.

Sie haben große Sympathien für Menschen, die scheitern.
Es geht ja öfter was schief, als dass einem Dinge gelingen, das ist zumindest meine bescheidene Lebenserfahrung.

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