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Einmal Trance und zurück

In sich selbst versinken: Unsere Autorin lässt sich hypnotisieren.

Balance
„Deine Nasenspitze entspannt sich.“ Foto: Getty

„Deine Stirn entspannt sich.“ Meine Stirn entspannt sich. „Deine Nasenspitze entspannt sich.“ Meine Nasenspitze entspannt sich. „Dein Kinn entspannt sich.“ Mein Kinn entspannt sich.

Ich sitze in einem tiefen, weichen Sessel, halte die Augen geschlossen. Die Luft ist schwül an diesem Morgen, die Feuchtigkeit liegt wie ein Film auf der Haut. Durchs Fenster dringen die Geräusche der Stadt hinauf, Autohupen, Hundegebell, das Gemurmel der Menschen auf der Straße, im Café. Vor mir sitzt Monika Kundrikova, Heilpraktikerin und Hypnosetherapeutin, am Schreibtisch. 47 Jahre alt, schmale Figur, blonde Locken, ein freundliches, offenes Gesicht. Sie spricht mit langsamer, monotoner Stimme. „Dein Hals entspannt sich.“ Mein Hals entspannt sich. „Deine Schultern entspannen sich.“ Meine Schultern entspannen sich. Sie duzt mich. Aber nur in der Hypnose. Zuvor, beim Kennenlerngespräch in ihrer Frankfurter Praxis, haben wir uns gesiezt. Frau Kundrikova sagt, in der Hypnose bekommt der Mensch Kontakt zu seinem etwa fünf Jahre alten Unterbewusstsein – und das würde sich wundern, wenn es gesiezt wird.

Es ist die erste Hypnose meines Lebens. Ich habe auch noch nie autogenes Training gemacht oder Yoga, ich bin esoterisch unverdächtig. Ich bin einfach neugierig und bereit, mich auf etwas Neues, Fremdes einzulassen. Wird diese Hypnose genauso sein, wie ich sie mir vorgestellt habe? Wie eine Art von Schlaf, in dem man nur noch ein gefügiges Werkzeug des Hypnotiseurs ist? In dem man Dinge tut, die man gar nicht tun will? Oder sagt, die man gar nicht sagen will? Und hinterher kann man sich an nichts erinnern?

„Nein.“ Frau Kundrikova lächelt milde. Diese Vorurteile hat sie schon oft gehört. „Das ist Show-Hypnose. Das ist Unterhaltung. Das ist etwas völlig anderes.“ Es gebe nur wenige Menschen – geschätzt einer von zehn – die dazu überhaupt geeignet seien. Show-Hypnotiseure hätten ein geschultes Auge dafür, um in einem Publikum taugliche Kandidaten zu entdecken. „Diese müssen eine tiefe innere Bereitschaft haben, sich darauf einzulassen.“ Ob man es glaubt oder nicht.

Bei Frau Kundrikova ist das Werkzeug nicht der Mensch, sondern vielmehr die therapeutische Hypnose selbst. Sie soll helfen, ins Unterbewusstsein vorzudringen. „Mit tiefer Entspannung und Suggestionen sollen alte Lern- und Verhaltensmuster überwunden werden“ – wie eine Festplatte, die man mit neuen Daten überschreibt. Auf diese Weise könnten vielfältige Probleme gelöst werden; Angststörungen, Phobien, Burnout, Fettleibigkeit, Nikotinsucht. Die grundlegende Idee: Wenn der Mensch gelernt hat, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten (zu rauchen, zwanghaft zu essen) oder vor etwas Bestimmtem Angst zu haben, zum Beispiel vor einer Spritze, ist das eine Routine, die man durchbrechen kann. Die Hypnose führt zurück zum vergessenen oder verdrängten „Ur-Erlebnis“, bei dem die Angst entstand. Um dann Vorstellungen, die sich aus dieser Angst entwickelt haben – etwa dass eine Spritze in der Fantasie größer und größer wird, eine Nadel dicker und dicker – mit Hilfe von Suggestionen zu beeinflussen und umzukehren. Bis man in der Lage ist, den Anblick einer Spritze vielleicht mit Unbehagen, aber ohne Panik zu ertragen. Oder statt eine Zigarette zu rauchen einen Atemzug frischer Luft zu nehmen. Das Gehirn wird umprogrammiert. Vorausgesetzt, der Mensch ist wirklich bereit dazu. Denn auch negative Routinen sind ihm fatal vertraut. Und sie sind hartnäckig, je länger man schon mit ihnen lebt.

„Dein Bauch entspannt sich.“ Mein Bauch entspannt sich.

Ich sitze in dem Sessel, ganz bequem, meine Arme auf den Lehnen, meine Knie aneinandergelegt, die Füße gespreizt. Kein Pendel hat mich in die Hypnose versetzt, so wie ich es mir vorgestellt habe. Ich sollte einfach nur so dasitzen, ganz bequem, die Augen schließen und zuhören.

Frau Kundrikova hat mir erklärt, Hypnose sei wie der Zustand, in dem der Mensch kurz vor dem Einschlafen versinkt – eine Art von Trance, in der er noch wach ist, in der er seine Umgebung wahrnimmt, aber in der er leicht wird und entspannt, als würde er sanft entschweben. Abends, im Bett, hält dieser Zustand nur Sekunden an. Hier, in der Hypnose, dauert er eine halbe oder sogar eine ganze Stunde. Und so ist es tatsächlich. Ich tue nichts dazu oder dagegen. Ich höre nur Frau Kundrikovas monotone Stimme, die im immer gleichen Rhythmus spricht, ein regelmäßiges Auf und Ab, ein Singsang von Worten. Und dann fühle ich meine Augenlider schwer werden. Ich fühle meinen Kopf schwer werden. Ich fühle meinen Kopf sinken, langsam, fühle, wie er sich hängen lässt. Ich spüre das Zucken von Muskeln in meinen Armen, meinen Schultern, wie manchmal kurz vor dem Einschlafen. Aber ich schlafe nicht ein. Ich spüre ein Kribbeln in der Stirn, unter den Augenbrauen, auf den Lidern, das so angenehm ist, dass ich fast lachen muss. Aber ich lache nicht. Ich höre ein Geräusch, das aus meinem Mund kommt, wie ein kurzes, zufriedenes Grunzen. Es ist ein Geräusch, das mir peinlich sein könnte. Aber das ist es nicht. Es ist mir einfach egal. Mich durchströmt ein Gefühl völliger Ruhe, völliger Gleichgültigkeit. Ich sehe Gelb. Schwirrendes, leuchtendes Gelb. Schönes Gelb.

„Deine Beine entspannen sich.“ Meine Beine entspannen sich. „Deine Füße entspannen sich.“ Meine Füße entspannen sich. Mein Kopf sinkt noch ein Stück tiefer, mein Oberkörper neigt sich nach rechts. Aber noch immer schlafe ich nicht ein. Ich höre alles, Frau Kundrikovas Stimme, das Autohupen, das Hundegebell, das Gemurmel der Menschen draußen auf der Straße. Ich könnte ewig so sitzen, so gedämpft, so egal.

„Gleich werde ich deine Arme nehmen und sie auf deine Beine legen.“ Ich spüre Frau Kundrikovas Hände auf meinem rechten Arm. Vorsichtig legt sie ihn auf mein rechtes Bein. Dann den linken Arm auf das linke Bein. Dort liegen meine Arme nun, weich und schwer. „Gleich werde ich ein, zwei Minuten schweigen, und in dieser Zeit werden sich deine Hände nach innen drehen, ganz von allein, und alles, was dich belastet, was dich blockiert, wird aus ihnen herausfließen.“ Ich höre diesen Satz und spüre noch den Zweifel in mir: Können sich meine Hände ganz von allein drehen, ohne meinen Willen, vielleicht sogar gegen meinen Willen? Es ist nur ein kurzer Moment, dann verschwindet der Zweifel wieder. Oder nein, er verschwindet nicht, aber er ist mir egal. Ich sitze einfach da, spüre meine Hände auf meinen Beinen wie zwei kleine Wesen, die zu mir gehören. Frau Kundrikova schweigt. Ich spüre, wie es in meinen Armen kribbelt, wie dieses Kribbeln von den Schultern hinabfließt, in die Ellenbeuge, ins Handgelenk. Und dann drehen sich meine Hände. Ich spüre, wie sie sich drehen, ganz von allein. Wie in Trance. Kann das sein? Es ist mir egal. Es fühlt sich gut an, einfach nur gut. In Trance zu sein.

Frau Kundrikova spricht keine Urängste in mir an. Um das zu tun, bräuchte es mehr Zeit, mehr Wissen über meine Ängste und auch mehr Sitzungen. Es geht nur um einen ersten Eindruck, eine erste Entspannungshypnose. Um zu sehen, wie ich darauf reagiere, ob ich überhaupt reagiere. Und ob ich mich ihr anvertraue, mich fallen lasse.

Auch in der Medizin gibt es Hypnoseverfahren, etwa in der Schmerztherapie, bei der Zahnbehandlung oder bei der Geburtshilfe. Dirk Revenstorf von der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose in Tübingen sagt, Hypnotherapie sei in den verschiedensten Bereichen „hocheffektiv“ und erziele eine „verblüffende Wirkung“. Die Gesellschaft befasst sich mit Forschungsfragen und der wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnose. Fakt ist, dass Trance zu Veränderungen im Gehirn führt und dass diese messbar sind. Und Messbarkeit mindert Zweifel an der Wirksamkeit. Oder?

Frau Kundrikova sagt, dass ich nun langsam aufwache. Erst die Füße, die Beine, dann der Bauch, die Arme, die Schultern, das Kinn. Und dann, wenn sie so weit sind, werden sich meine Augen öffnen, ganz von allein. Sie schweigt. Ich sitze einfach da und spüre, was passiert, von ganz allein. Ich fühle meine Beine leicht werden, die Schultern leicht werden. Ich fühle, wie mein Kopf sich hebt, langsam, doch unaufhörlich. Meine Lider zucken. Dann öffnen sie sich. Es geht schwer wie nach einem langen, tiefen Schlaf. Das schwirrende, leuchtende Gelb verschwindet. Tageslicht flackert vor meinen Augen, ich blinzle hinein. Sehe Frau Kundrikova, die mich erwartungsvoll anschaut, so als würde sie mich neu begrüßen. In gewisser Weise stimmt das ja auch. Wie lange war ich weg und doch nicht weg? Zehn Minuten? „Eine halbe Stunde“, sagt Frau Kundrikova. Sie lächelt, jetzt siezt sie mich wieder. Ich strecke die Arme aus, weit, wohlig. Und seufze, so wie man seufzt, wenn es einem gutgeht, so richtig gut. Leicht, erfrischt, wach. Ein herrliches Gefühl.

Kann ich das bitte jeden Tag haben? Das wäre leider kein günstiges Vergnügen, eine Einzelsitzung kostet 150 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel nichts davon, manche privaten Krankenversicherungen zahlen ganz oder anteilig dazu. Dann muss aber eine sogenannte medizinische Notwendigkeit vorliegen, also eine seelische oder körperliche Krankheit diagnostiziert sein, die eine Therapie begründet.

Deshalb ist für mich diese Reise nach der ersten Etappe leider schon wieder vorbei. Bevor ich mich von Frau Kundrikova verabschiede, frage ich sie noch, wie sie das gemacht hat, das alles. Sie lächelt. Sie selbst hat viele Berufe; Krankenschwester, Betriebswirtin, Diplom-Ingenieurin, Heilpraktikerin. Sie sagt: „Auch Hypnose kann man lernen.“ Ich glaube, damit hat sie nicht nur sich selbst gemeint.

Als ich in die Redaktion komme, fragt mich eine Kollegin, ob etwas passiert sei, ich sähe irgendwie anders aus. Es ist etwas passiert, etwas ist anders, auch wenn ich nicht genau sagen kann, was. Da ist ein Teil von mir, dem ich nahegekommen bin, näher als sonst. Nein, ich werde nicht esoterisch, und ich glaube nach wie vor an manchen Segen der Schulmedizin. Aber es gibt diese Ahnung, dass da etwas in mir ist, tief drinnen, das mich trägt. Etwas neu Erspürtes. Eine Kraft, eine Energie. Wie ein feines Netz, das nachfedert, wenn ich mich hineinfallen lasse.

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