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Du kannst mich mal

Heimat als Nation? Bei solchen Tönen wird Danijel Majic misstrauisch. In seiner Jugend hat er erlebt, wie schnell die Fronten wechseln.

Balkon in Deutschland
„Ein schönes Gefühl, so einen Ort in sich zu tragen.“ Foto: getty

Das kann Schlink unmöglich ernst meinen! Durch Zufall war mir als 19-Jähriger sein kleines Buch „Heimat als Utopie“ in die Hände gefallen. „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort (...), Heimat ist Utopie“, hieß es im Klappentext.

Die Lektüre von Bernhard Schlinks Werk war eine Erschütterung. Die Frage nach der Heimat, ob diese ein realer Ort sei und wo dieser liegen könnte, stellte sich mir bis dahin nicht. Die Heimat, das war der Ort, an dem meine kroatischstämmige Familie ihre echten oder imaginierten Wurzeln hatte. Sie lag rund 1500 Kilometer von Deutschland entfernt. Von dem Land, in dem ich geboren wurde, aufgewachsen bin und immer noch lebe.

Eigentlich war Heimat sogar noch etwas Größeres. Da war zuerst Jugoslawien, das, wie ich als Kind annahm, meine Heimat war. Zumindest sagten das immer alle anderen. Irgendwann, es muss wohl das Jahr 1990 gewesen sein, hieß es im Fernsehen, dass Jugoslawien zerbreche. Ich weinte – zum Unverständnis meines Vaters. Das sei eine gute Nachricht, sagte er, ich solle mich freuen. Die neue Heimat hieß nun Kroatien. Was an dieser deutlich kleineren Heimat eigentlich besser sein sollte, begriff ich nicht sofort. Aber ich lernte schnell. Ein Jahr später ging es um die Verteidigung dieser Heimat, also Kroatiens. Nicht etwa Tomislavgrads, der Stadt, aus der meine Familie stammt. Denn die liegt im kroatisch dominierten Teil von Bosnien-Herzegowina, und dort ließ der Krieg sich noch ein Jahr Zeit.

Heimat ist ein Etikett. Weil wir nun einmal Kroaten waren (wie ich seit etwas mehr als einem Jahr wusste), war unsere Heimat eben Kroatien, auch wenn unser Heimatort nicht offiziell Teil dieser zu verteidigenden Heimat sein mag. Dennoch war ich wie viele meiner Freunde für die Heimat bereit. „Za dom spremni – Für die Heimat bereit!“, stand auch auf einer Karte Großkroatiens, die in meinem Kinderzimmer hing (quasi die Heimat, wie sie wirklich sein sollte – territorial stark vergrößert). Dass unter demselben Schlachtruf 50 Jahre zuvor Hundertausende ermordet wurden, interessierte weder mich noch die jungen Männer, die damals tatsächlich auch aus Frankfurt losgezogen waren, um die Heimat zu verteidigen.

Und so wurde meine Heimat Kroatien dann verteidigt. Gegen wen eigentlich? Gegen serbische Terroristen, hieß es. Die hatten nämlich die Unverschämtheit zu behaupten, dass zumindest Teile Kroatiens auch ihre Heimat seien. Also nicht nur auch, sondern nur ihre. Immerhin: Ihre Familien lebten auf dem Gebiet, das sie als ausschließlich ihre Heimat beanspruchten, teilweise schon seit Jahrhunderten. Ich hörte die Ortsnamen zum ersten Mal. Und doch, so wurde mir eingetrichtert, war das meine Heimat – nicht etwa ihre. Als ein Jahr später in Bosnien der Krieg ausbrach und auch Tomislavgrad betroffen war, wurde die Heimat schon wieder verteidigt. Diesmal eben woanders. Eine andere Heimat? Nein, dieselbe! Es ist kompliziert.

Ich hatte also mehrere Heimaten, die gleichzeitig verteidigt werden mussten. Was natürlich nicht Heimat war, war Deutschland. Daran wurde man als Ausländerkind gerne und oft von seinem deutschen Umfeld erinnert. Hinterfragt hatte ich das auch nie. Wir sind Kroaten also ist unsere Heimat Kroatien ... Bosnien lassen wir jetzt mal weg.

Heimat ist also etwas, das man erbt. Die angeblich Neue Rechte sieht das tatsächlich so. Und genau wie ich damals als 19-Jähriger können die Vertreter des neuen Nationalismus nicht so genau sagen, was Heimat eigentlich ist. Wollen sie auch nicht. Wer nicht intuitiv wisse, was Heimat ist, habe schlicht keine, lautet deren ebenso lapidare wie kindische Antwort auf dieses Dilemma.

Schlink kommt in „Heimat als Utopie“ zu dem Schluss, dass es tatsächlich ein Recht auf Heimat gibt. Als einen selbstgewählten Ort der Erinnerung, als einen identitätsstiftenden Bezugspunkt für die eigene Biografie in der Vergangenheit. Wahrscheinlich ist es die Unfähigkeit, sich mit der Tatsache zu versöhnen, dass die Orte unserer Kindheit sich zwangsläufig verändern und manchmal sogar vergehen, die Konservative in permanente Alarmstimmung versetzt. Die Heimat ist immer bedroht, das liegt in ihrer Natur. Das Missverständnis besteht darin zu glauben, dass man sie in der Realität konservieren könnte oder müsse.

Seit anderthalb Jahren bin ich Vater. Manchmal spaziere ich sehr lange mit meinem Sohn durch Frankfurt-Rödelheim, durch die Straßen, in denen ich aufgewachsen bin, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit meine ganze Welt waren. Dann erinnere ich mich, wie sicher und behütet ich mich hier gefühlt habe und bin dankbar. Nicht Deutschland oder Frankfurt oder Rödelheim, sondern den Menschen, die das möglich gemacht haben. Es ist ein schönes Gefühl, so einen Ort in sich zu tragen. Wenn das Heimat ist, habe ich gerne eine.

Für alles andere gilt: Liebe Heimat, Du kannst mich mal!

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