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Drin oder nicht drin

Eine Verteidigung des guten alten Fußballrätsels.

Torlinie
„Die Torlinie hat stets ein äußerst turbulentes Umfeld.“ Foto: SerrNovik/iStockphoto

Auch die Torlinie hat ihr Umfeld. Es ist allerdings eines, das sich alles andere als entspannt oder ausgeruht zeigt. Das muss man gewiss umgehend erklären (beziehungsweise in einen Kontext stellen), war es doch bis auf den heutigen Tag nicht etwa die Torlinie selbst, der man ein Umfeld nachgesagt hätte. Bisher war es sehr viel anders.

Muss doch das Umfeld, das ein Fußballverein bietet, gut sortiert sein, angefangen auf Kreisklasseniveau. Auf einer ganz anderen Ebene, bei den Profis, gilt erst recht der Satz: Kein beständiger Erfolg auf dem Spielfeld ohne ein ununterbrochen umsichtiges Umfeld.

Zurück auf die Torlinie. Wie auch immer sie aussieht, ob sie abgekreidet worden ist zwischen zwei authentischen Pfosten oder aber eine gedachte Linie darstellt zwischen zwei Provisorien: Die Torlinie hat ein stets äußerst turbulentes Umfeld. Schon hier, während um den Spielstand gerungen und mit dem Fußball gekämpft wird, zeichnet sich immer wieder ab, ob die Torlinie selbst ins Spiel kommt. Sie muss nicht, kann aber. Spielt sie aber tatsächlich eine Rolle, heißt es oft: drinnen oder draußen? Tor oder Nichttor? Weil auch der Fußball(sport) ein sehr eigenwilliges Sprachspiel hervorgebracht hat, darunter ein sehr pathetisches Sprechen, stellt sich schon mal die Frage: Hat der Ball tatsächlich im vollen Umfang die Linie „überschritten“? Grenzüberschreitung! Drinnen oder draußen?

Wembley und die Physik

Es ist in der langen Geschichte des Fußball(sport)s eine der berühmtesten Szenen – und was für Deutsche der empörende Aspekt des „Wembleytors“ ist, das 3:2 am 30. Juli 1966, in der Verlängerung des WM-Endspiels England gegen Deutschland, ist für Engländer ganz und gar nicht unanständig. Niemals drin, hieß es von dem Tag an immerzu in Deutschland. Richtig drin lautete der Konter der Engländer. Kann nicht sein, sagten Physiker, Einfallwinkel und Ausfallwinkel eines Balles berechnend, der von einem Vierkantholz abprallt. Muss das sein, stöhnten die Metaphysiker des Fußballsports auf!

Jahrzehnte war es der Ball, der immer wieder beim Fliegen beobachtet wurde. Und während er sich bewegte, war es mit einem Male die Linie selbst, die irgendwie in Bewegung geriet. Auch andernorts haben sich seitdem sogenannte Wembleytore wiederholt, am spektakulärsten ausgerechnet bei einem weiteren Match zwischen einer deutschen und einer englischen Nationalelf, halt bei der WM 2010 in Südafrika, als der Ball eindeutig hinter der Torlinie aufsprang. Nun, bei der Revanche, bei der das Tor für England nicht gegeben wurde, war es eine runde Querlatte! Denn, o ja, in diesem Fall hat auch die Physik Grenzen: Ausfallwinkel ist nicht gleich Einfallwinkel, zumal bei enormem Drall des Balls.

Nie ist es in der Geschichte des Fußballs ruhig geworden um die Torlinie – auch nicht seit der Erfindung der Torlinientechnik, mit der drinnen oder draußen durch Kameras untrüglich ermittelt wird. Die Torlinientechnik kann die Torlinie selbst nicht entzaubern, sie kann aber das Auge blamieren. Das kalte Kameraauge vermag die erhitzten Gemüter nicht unmittelbar zu beruhigen, aber es kann die verblendete Sichtweise lächerlich machen.

Unendliche Erfurcht vor dem Streifen

Doch Torlinientechnik hin oder her, die Torlinie bleibt die Schwelle schlechthin, die ultimative Scheidelinie. Das Umfeld mag ein Tummelraum sein, die Torlinie ist etwas anderes. Für dieses andere schreibt das Regelwerk eine Breite von maximal zwölf Zentimetern vor. Die neue Technik beruht auf Wissen, die Torlinie bleibt ein schmaler Streifen, der dem Glauben nach wie vor enorm Raum gibt. Bei einem genormten Fußballtor mag es sich nur um einen 7,32 Meter langen Streifen handeln. Die Ehrfurcht vor ihm tendiert allerdings ins Unendliche.

Fußballer oder Vereine mögen kommen – und sie mögen auch wieder gehen. Die Torlinie dagegen wird niemals in der Versenkung verschwinden, ob im Hexenkessel oder auf dem Bolzplatz, ob in einem echten Fußballtor oder zwischen zwei Sporttaschen. Selbst dort, wo die Torlinie stoisch bestanden wird, ist sie alles andere als ein ruhiger Aufenthaltsraum. Ist es doch das Umfeld, das auf die Torlinie einen ungeheuren Druck ausübt. Wild wird sie berannt, vielbeinig, raubeinig oder mit Köpfchen. Wie oft muss sie unter großen Opfern verteidigt werden, weil sie ungestüm bestürmt wird.

Das Umfeld der Torlinie, der unmittelbare Fünfmeterraum, mag ein Hoheitsgebiet des Fußballtorwarts sein. Immer wieder intensiv wird die Torlinie belagert, manchmal auch einfach überrannt. Auf ihre Weise ist sie die letzte Linie, so unsichtbar wie ungemein durchlässig, vor allem für den Ball. Für den, man verrät da kein Geheimnis, ist sie auch ein Transitraum. Er hat, wie jedem Umstehenden unmittelbar aufgeht, etwas Erhabenes.

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